Editorial

Von der Abwesenheit der Sanftmut

Nehmen wir das Gegenteil von Sanftmut, dann denken wir u.a. an Aggressivität. Nehmen wir sie wörtlich (lat. = aggredi = aufeinander zugehen), dann ist sie nur positiv und keine Liebeswerbung, kein Exkursionsexperiment kommt ohne sie aus. Wenn Menschen aber aufeinander losgehen, dann ist etwas lose geworden, hängt durch. Aggression zeigt sich dann destruktiv, brutal, gewalttätig, durch Gewalt in Gruppen und Großgruppen und im sublimeren Mikrokosmos einzelner Beziehungsnetzwerke wie Familie, wie Kollegen-Teams oder in Verbänden…
Und erst im Losgehen der Aggressivität erinnern wir uns an ihr zugehöriges Gegenteil, das die aufeinander zugehende Aggressivität voraussetzt: Die Sanftmut, Friedlichkeit, Versöhnung. Das einander Verstehen. Es ist wie mit der Gesundheit, an die wir erst denken, wenn sie abwesend ist (Gadamer).
Diese MuG widmet sich im Schwerpunktthema der Prävention und den Folgen, wenn wir ihr mit musiktherapeutischen Schritten begegnen, wenn wir auf Kinder, Jugendliche, Erwachsene, unglücklich Umgepflanzte im Altersheim zugehen mit Mitteln unserer Kunst als Therapie.
Allerlei andere Beiträge beziehen sich direkt oder indirekt auf das Thema unserer Gegenwart – bis hinein in die Kolumne von Thomas Stegemann, die „Spiele“ von Constanze Rüdenauer-Speck u.a.

Weiterlesen: Editorial

Heft 32 (2017) ist erschienen!

Musiktherapie und Prävention

Wir können einer Erkrankung unserer Gesundheit durch „primäre Prävention“ zuvorkommen“ (vom lat. „prävenire“). Und wir können der Wiederholung einer Erkrankung oder Folgeerkrankungen vorbeugen – sekundäre Prävention. Es gibt noch „dritte Formen“ der Prävention. Welche Funktion Musiktherapie dabei einnehmen kann, ist unser nächstes Thema.

Inhaltsverzeichnis

Editorial
Hans-Helmut Decker-Voigt

Musiktherapeutischer Klinikspaziergang
Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Düsseldorf
Marianne Bauer, Sayuri Ito

Praxisvorstellung
Praxis für Musik- und Klangtherapie, Göttingen
Mathias Elsner-Heyden

Patienteninterview
Die Möglichkeit von Musik in Therapie, Freizeit und Beruf
Alexandra Takats

Schwerpunktthema I
Gewaltprävention mit Musik – Grundlegende Gedanken
zu musiktherapeutischen Möglichkeiten der Gewaltprävention
Andreas Wölfl

Schwerpunktthema II
„TrommelPower gegen Gewalt“ – Gewaltprävention,
soziale Integration und Persönlichkeitsförderung mit Musik
Henrike Roisch, David Westphäling, Stefan Maier,
Nastasja Neumann, Coretta Hirnschall

Schwerpunktthema III
Musik zur Prophylaxe
Selma Suzan Emiroglu

Schwerpunktthema IV
„Ich bin doch auch noch da“
Kinder und Jugendliche als pflegende Angehörige
Marie-Luise Zimmer

Zukunftswerkstatt therapie kreativ
Heike Bentele

Musiktherapie in Italien
Bettina Eichmanns, Rossella Fois

Old in Japan – das Geheimnis eines langen und gesunden Lebens: oder
Ichi, ni, san: über Kinderspielzeug und einen bewegten Lebensabend
Thomas Stegemann

Symposium Musiktherapie im UKE: Praxis – Lehre – Forschung
Hans-Ulrich Schmidt, Isgard Ohls

News und Hochschulnachrichten

Zur Person. Rosemarie Tüpker
Susanne Bauer

Zur Person. Eva Frank-Bleckwedel zur Pensionierung
Eckhard Weymann

Zur Person. Zum 85. von Paolo J. Knill
Hans-Helmut Decker-Voigt

Singende Krankenhäuser e. V.
Kai von Lünenschloß, Sandra Roß-Lünenschloß, Elke Wünnenberg, Sandra Wise

Rezension
Stephan Sallat: Musiktherapie bei Sprach- und Kommunikationsstörungen
Ludger Kowal-Summek

Zum Mitmachen
Kleine Hilfen mit Atem, Bewegung und Stimme
„May it be beautiful all around you…“ Zur Prävention:
Entlasten, Reinigen und Verschönern des eigenen Körper-Klang-Raums
Sabine Rittner

Praxismodelle
Musiktherapeutische Vorsorgeuntersuchung MVU
Constanze Rüdenauer-Speck

Kolumne AufgeMuGt
Die vierte Kränkung
Hans-Helmut Decker-Voigt

Musiktherapeutischer Klinikspaziergang

Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Düsseldorf

Von Marianne Bauer und Sayuri Ito

Die Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, eine Abteilung des LVR-Klinikums Düsseldorf, Kliniken der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, wurde 1980 in direktem Zusammenhang mit dem 1977 neu geschaffenen Lehrstuhl für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Medizinischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf gegründet. Mit diesem neuen Lehrstuhl waren der Aufbau von Versorgungseinrichtungen für Menschen mit psychischen und psychosomatischen Störungen, sowie Forschung, Lehre, Aus- und Weiterbildung verbunden. Auf diesen Lehrstuhl und zugleich für die Leitung der neuen Klinik wurde die Psychoanalytikerin Frau Prof. Heigl-Evers berufen. Sie hatte zusammen mit anderen Psychoanalytikern in Göttingen neue Behandlungskonzepte entwickelt, um das tiefenpsychologische Krankheits- und Behandlungswissen der Psychoanalyse auch für Menschen mit psychischen und psychosomatischen Störungen nutzbar zu machen, für die es bisher nur die Psychiatrien gab.
Eingerichtet wurde die neue Klinik in Gebäuden der seit ca. 100 Jahren bestehenden Psychiatrie, die in den 1970er Jahren eine maßgebliche Rolle in der Psychiatriereform gespielt hatte. Die schönen Altbauten auf dem weitläufigen parkähnlichen Klinikgelände mit altem Baumbestand sind bis heute historische Zeugen. Das LVR-Klinikum im Osten Düsseldorfs ist verkehrsmäßig sehr gut angebunden an die Innenstadt und grenzt zugleich an grüne Stadtteile und Naherholungsgebiete, die zu Spaziergängen einladen.
Unter der Leitung von Frau Prof. Heigl-Evers, ihrem Nachfolger Herrn Prof. Tress und seit 2016 Herrn Prof. Friederich sind aus der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie maßgebliche Beiträge zur Entwicklung der heutigen wissenschaftlich fundierten bio-psycho-sozialen Behandlungsmodelle hervorgegangen. Damit ist gemeint, dass Menschen mit psychischen und psychosomatischen Erkrankungen unter Berücksichtigung ihrer Lebensgeschichte und ihrer körperlichen, seelischen und sozialen Gegebenheiten behandelt werden. Seit 2003 gibt es als eigenständige Gebietsbezeichnung neben der Psychiatrie und Psychotherapie den Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.
Heute gehören zur Klinik zwei Stationen mit je 12 Betten, eine Tagesklinik mit 19 Behandlungsplätzen sowie zwei Ambulanzen, die Psychosomatische Institutsambulanz und die transkulturelle Ambulanz. In diesen Ambulanzen melden sich die Patienten zur Diagnostik und Beratung hinsichtlich der individuell geeigneten Therapie an. Für eine Vielzahl von Patientengruppen stehen ambulant spezifische Behandlungsangebote zur Verfügung.

In der Klinik werden Menschen mit folgenden Erkrankungen behandelt:
Psychosomatische Erkrankungen
Somatoforme Störungen, wie z.B. organisch nicht erklärbare körperliche Beschwerden oder Schmerzen
Depressionen
Angsterkrankungen
Anpassungsstörungen bei körperlichen Erkrankungen (z.B. Krebserkrankung, Diabetes)
Akute und posttraumatische Belastungsreaktionen
Ess-Störungen
Persönlichkeitsstörungen

Die tagesklinischen und stationären Komplexbehandlungen dauern in der Regel 12 Wochen. Für die Behandlung von Ess-Störungen und somatoformen Störungen gibt es ein spezialisiertes Behandlungssetting. Nach erfolgter Diagnostik in der Ambulanz bekommen die Patienten einen Aufnahmetermin mitgeteilt und werden dann ab dem Aufnahmetag in die Gesamtbehandlung eingegliedert. Diese umfasst verschiedene Therapiemethoden und orientiert sich an den individuellen Störungen, Behandlungszielen und Therapieverläufen. Zur

Gesamtbehandlung gehören folgende Therapie­methoden:
Einzel- und Gruppenpsychotherapie
Sozialtherapie im Einzel- und Gruppensetting
Gruppen- und Einzeltherapie aus zwei der drei folgenden kreativtherapeutischen Bereiche: Körper- und Bewegungstherapie, Kunsttherapie, Musiktherapie
Differenzierte pflegerische Angebote
Ärztliche Visiten
Sport und Physiotherapie

Alle an der Gesamtbehandlung beteiligten Therapeuten und Mitarbeiter sind in ein multiprofessionelles Team eingebunden, tauschen sich dort regelmäßig aus und reflektieren fokuszentriert die individuellen Behandlungsprozesse.
Von Anfang an hatten die Kreativtherapien Körper- und Bewegungstherapie, Kunsttherapie und Musiktherapie ihren Platz in den stationären und tagesklinischen Behandlungen. Seit vielen Jahren gibt es diese Kreativtherapien auch als ambulantes Behandlungsangebot. Mit dem wachsenden Krankheitsverständnis und Behandlungswissen in der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie wurden auch differenzierte kreativtherapeutische Methoden entwickelt.

Im Bereich der Musiktherapie werden derzeit folgende Methoden, meist als Gruppentherapie, bei Bedarf auch im Einzelsetting, angeboten:
Aktive interaktionelle Musiktherapie
Rezeptive Musiktherapie
Therapeutische Stimmbildung und Singen
Trommelgruppe

Grundsätzlich sind für die Teilnahme an der Musiktherapie keine musikalischen Voraussetzungen erforderlich.
In der Aktiven interaktionellen Musiktherapie wird mit freier Improvisation gearbeitet. Das heißt: Jede(r) Teilnehmer(in) sucht sich einen Platz und Instrumente. Der Musiktherapieraum ist ausgestattet mit verschiedenen bekannten und unbekannten Musikinstrumenten, die einladen zum spielerischen Erkunden und Ausprobieren mit Tönen, Klängen und Geräuschen, jeder seinen spontanen Einfällen folgend. Die Therapeutin begleitet mit ihrem Spiel, unterstützt, gibt Resonanz und Halt, ergänzt und erweitert. So entstehen offene, bewegliche, emotional berührende Prozesse, oft wie eine Szene oder eine Geschichte, an der jeder auf seine ganz persönliche Weise beteiligt ist. Die Teilnehmer erleben sich mit ihrem eigenen Spiel und mit dem der anderen. Im Anschluss an die Improvisation erzählen alle: Nicht-sprachliches emotionales Erleben kann in Sprache gebracht, mit den anderen geteilt und schrittweise in den Wirkungszusammenhängen verstanden werden. Dieser offene ungeplante Spielraum mutet den Teilnehmern etwas zu: Unerwartetes und Überraschendes kann geschehen. Die individuellen – meist unbewussten – Muster des Selbst- und Beziehungserlebens zeigen sich. Konflikte und Konfrontation gehören dazu. Zugleich liegt darin auch die Chance, neuartige und entwicklungsfördernde Erfahrungen mit sich selbst und den Mitspielern zu machen, die befreiende Auswege eröffnen können aus bisherigen Sackgassen. Die folgenden beispielhaften Patientenaussagen mögen eine Vorstellung davon vermitteln:
„Am Anfang der Improvisation war Durcheinander, wie ein Jahrmarkt. Jeder hat gespielt, wie er wollte. Dann hat es immer besser zusammengepasst. Das war schön.“
„Am Anfang der Stunde hatte ich so viel Spannung in mir. Den Gong zu spielen, hat gut getan.“ – Dazu eine andere Gruppenteilnehmerin: „Mir war der Gong zu laut.“
„Aus dieser Therapie kann man viel herausziehen. Am Anfang habe ich weinend in der Ecke gestanden und mich nicht getraut zu spielen. Jetzt, am Ende der Therapie, habe ich keine Angst mehr. Ich spiele die Trommel und fühle mich sicher.“
„Während der Improvisation hatte ich ein Bild: Wir sind alle auf einem großen Floß und fahren einen Fluss im grünen Urwald entlang.“
In der Rezeptiven Musiktherapie sind die Teilnehmer(innen) eingeladen, eigene Musik zum Hören mitzubringen, die sie nicht danach aussuchen sollen, den Wünschen der anderen zu entsprechen, sondern danach, welche Musikstücke für sie selbst bedeutsam sind. Beispielsweise kommentieren Teilnehmer ihre Musikbeiträge so: „Die Musik drückt aus, wie ich mich fühle“, „…erinnert mich an einen wichtigen Menschen, den ich verloren habe“, „…beruhigt mich“, „… bringt mich in Schwung“, „…höre ich, wenn ich aggressiv bin“, „…im Text des Songs geht es um mein Thema“, „…erinnert mich an eine Zeit, in der es mir gut ging“. In der rezeptiven Musiktherapie geht es darum, während des Musik-Hörens achtsam die eigenen Wahrnehmungen, inneren Bilder, Gedanken, Gefühle, körperlichen Signale zu registrieren und im Anschluss sprachlich mitzuteilen. Mit großem Erstaunen stellen die Teilnehmer fest: Jeder Mensch hat eine eigene innere Erfahrungs- und Gefühlswelt. Deshalb wird ein und dasselbe Musikstück von verschiedenen Menschen teils ähnlich, oft aber auch sehr verschieden erlebt. Nicht jeder Mensch kann jedes Musikstück mögen, und dies darf auch ausgesprochen werden, ohne dass die gute Beziehung Schaden nimmt. Der Austausch darüber ist anregend und bereichernd.
In der Gruppe Therapeutische Stimmbildung und Singen erproben die Teilnehmer(innen) unter Anleitung der Therapeutin Atem- und Stimmübungen, singen ausgewählte Lieder. Die Erfahrung der eigenen Stimme ist körpernah, setzt Emotionen frei und fördert ein positives Selbsterleben. Hierzu beispielhafte Äußerungen:
„Solche Töne habe ich noch nie probiert. Ich dachte, ich kann nur tief singen.“
 „Ich muss lachen, das kribbelt und fühlt sich lustig an.“
 „Ich wusste gar nicht, dass meine Stimme so laut sein kann.“
„Das Lied ist wunderschön. Seitdem wir es hier in der Musiktherapie gesungen haben, singe ich es ganz oft, auch zu Hause, es erdet mich.“
In der Trommelgruppe werden Rhythmen in verschiedenen Varianten geübt. Dabei geht es um folgende Wirkungen: die Aneignung von etwas Neuem und dabei die Erfahrung, wie Schwieriges schrittweise leicht wird; die Verbesserung der Konzentrationsfähigkeit, die krankheitsbedingt beeinträchtigt sein kann; die Akzeptanz eigener Unvollkommenheiten und Grenzen mit Gelassenheit, Geduld und Humor; die Synchronisation, d.h. Vereinheitlichung von Motorik, Sinneswahrnehmungen, Fühlen und Denken; die spannungsregulierende Wirkung von Rhythmus, anregend und aktivierend, aber auch Spannung abbauend und beruhigend. Patienten sagen z.B.:
„Vorher dachte ich, was soll ich beim Trommeln, habe es belächelt. Jetzt macht es mir Spaß.“ „Anfangs war es für mich eine Katastrophe, wenn ich mich vertan habe. Jetzt lache ich. Es ist nicht mehr schlimm.“ „Ich dachte, das kann ich nie. Jetzt spiele ich manchmal, ohne dass ich denken muss. Es ist schön, wenn es so leicht läuft.“
Diese musiktherapeutischen Methoden haben unterschiedliche Wirkungen und Zielsetzungen: konfrontativ, stabilisierend, Ressourcen stärkend. Immer aber berührt Musik die Emotionalität und wirkt beziehungsstiftend.
Zu Beginn einer jeden Behandlung informiert die Therapeutin die Patientinnen und Patienten darüber und bespricht mit ihnen, bezogen auf den Fokus der Therapie, die individuell passende Planung der Musiktherapie als Teil der Gesamtbehandlung.
Die beiden Musiktherapeutinnen Frau Bauer und Frau Ito arbeiten eng zusammen und übernehmen füreinander die Vertretung.

Die Autorinnen:

Sayuri Ito
Diplom-Musiktherapeutin (FH). Seit 1996 als Musiktherapeutin tätig, seit 1998 im LVR-Klinikum Düsseldorf, Kliniken der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.

Marianne Bauer
Diplom-Musiktherapeutin (FH) DMtG. Seit 1986 tätig als Musiktherapeutin, seit 1991 im LVR-Klinikum Düsseldorf, Kliniken der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.

Kontakt:

LVR-Klinikum Düsseldorf, Kliniken der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie,Bergische Landstraße 2, 40629 Düsseldorf
Marianne Bauer, Musiktherapie, Haus 17, Psychotherapeutische Tagesklinik
Tel. 0211 922-4771, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Praxisvorstellung

Praxis für Musik- und Klangtherapie, Göttingen

Von Mathias Elsner-Heyden

Stellen Sie sich bitte kurz vor.
Ich heiße Mathias Elsner-Heyden, wohne in der Universitätsstadt Göttingen, in der ich 1960 geboren wurde, bin verheiratet und habe zwei erwachsene Söhne.

Welche Situation Ihres musiktherapeutischen Berufslebens lag vor der Eröffnung Ihrer ambulanten Praxis?

Die Situation vor der Eröffnung meiner ambulanten Praxis zeichnete sich durch eine Vielfalt von musiktherapeutischen Erfahrungen mit den verschiedensten Institutionen und Klientengruppen aus.
Bereits während meines Musiktherapiestudiums bei Prof. Dr. Almut Seidel in Frankfurt (1993–1995) begann ich im Jahr 1994 ein Praktikum in den Göttinger Werkstätten für behinderte Menschen. Das Studium und diese äußerst lebendige musiktherapeutische Arbeit mit Gruppen begeisterten mich so sehr, dass ich mich entschloss, meine Stelle als Sozialpädagoge in der offenen Jugendarbeit aufzugeben und mich zunächst als Musikpädagoge und nach Abschluss des Studiums auch als Musiktherapeut selbstständig zu machen. Neben der Honorarstelle in einer freien Musikschule, in der ich als Gitarrenlehrer und Bandcoach tätig war, setzte ich nun auf freiberuflicher Basis meine musiktherapeutische Tätigkeit in den Göttinger Werkstätten fort. Dort konnte ich Musiktherapie als einen neuen, wichtigen Bestandteil innerhalb der Fördermaßnahmen etablieren. Weiterhin bot ich Musiktherapie in einem psychagogischen Kinderheim mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen an. Es folgte eine Teilzeitstelle in der Kinder- und Jugendpsychiatrie (Universitätsmedizin Göttingen).
Im Jahre 1999 erhielt ich die Approbation als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut. Dieser Umstand und die ein Jahr zuvor erhaltene Zertifizierung durch den Berufsverband (jetzt DMtG) öffneten mir den Weg in die ambulante Praxis, die allerdings nur einen Teil meiner unterschiedlichen musiktherapeutischen Arbeitsfelder umfasst. Neben dem Gitarrenunterricht ist die Arbeit in den Göttinger Werkstätten und in der Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie/-psychotherapie weitergegangen. Hinzu kamen später noch die Tätigkeit in der Klinik für Hämatologie/Medizinische Onkologie der Universitätsmedizin Göttingen sowie Fortbildungskurse und Workshops, die auf den Klangmethoden nach Peter Hess aufgebaut sind (u.a. für Musiktherapeutinnen und -therapeuten).

Wie sind Sie zu dem Beruf des Musiktherapeuten gekommen?
Schon immer hat Musik in meinem Leben eine bedeutende Rolle gespielt. In unserer Familie wurde viel musiziert und gesungen. Früh habe ich „mein“ Instrument gefunden, nämlich die Gitarre. Ich konnte zu ihr singen, lernte auf ihr zu improvisieren, zu komponieren und mit ihrer Hilfe zu kommunizieren – beim Vorspiel oder Zusammenspiel zu zweit oder in Gruppen. Ich spürte intensiv die Resonanz, die Musik beim Gegenüber auslösen kann. Durch Höhen und Tiefen hat die Gitarre mich immer treu begleitet.
Mit den therapeutischen Aspekten von Musik sowie unterschiedlichen Therapieformen habe ich mich schon während des Sozialpädagogikstudiums auseinandergesetzt. Mein Praktikumsjahr absolvierte ich in einer Familientherapie-Abteilung der Uni Göttingen. Hier festigte sich der Wunsch nach der Synergie von Musik und Therapie als Berufsziel. Während meiner sozialpädagogischen Tätigkeit war Musik ein wichtiges pädagogisches und therapeutisches Element, um junge Menschen zu erreichen und darüber einen vertrauensvollen Kontakt aufzubauen.
Mich faszinierte es, wie das gemeinsame Musizieren im Bandkontext, u.a. mit dem Ziel eines Auftritts, in kurzer Zeit eine enorm positive Auswirkung auf die Persönlichkeitsentwicklung der ganz unterschiedlichen Jugendlichen hatte. Supervision bekam ich von einer Musiktherapeutin, die später eine meiner Dozentinnen an der FH Frankfurt werden sollte. Ihre Art der musiktherapeutischen Supervision hat mich sehr unterstützt und beinhaltete zudem viele Selbsterfahrungsaspekte.
An dieser Stelle möchte ich noch das Buch „Aus der Seele gespielt“ von Hans-Helmut Decker-Voigt und Eckhard Weymann (Erstausgabe 1991) erwähnen, das ich in dieser Zeit entdeckte. Es hat mir förmlich aus der Seele gesprochen und mich so begeistert, dass ich meinen Weg nun klar vor mir sah und das weiterbildende Studium „Sozialpädagogische Musiktherapie“ in Frankfurt aufnahm.

Erzählen Sie von den Rahmenbedingungen und der Konzeption Ihrer Praxis.
Mein Traum war es immer, eine Praxis im eigenen Haus zu haben. Ich bin sehr dankbar dafür, solch ein freistehendes Haus vor über zwanzig Jahren gefunden zu haben. Meine Praxis ist durch einen separaten Eingang über den Garten zu erreichen. Weiterhin befindet sich in unserem Haus die psychotherapeutische Praxis meiner Frau, die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und Ausbilderin für systemische Therapie ist. Die Praxis ist gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen.

Wie sind Ihre Praxisräume eingerichtet? Nach welchen Kriterien haben Sie sie gestaltet?
Ein Teil meiner musiktherapeutischen Praxis besteht aus einem „Klangraum“ mit obertonreichen Instrumenten wie Klangschalen, Gongs, Klangwiege etc. In dem anderen Raum befinden sich weitere Instrumente, die häufig in der Musiktherapie eingesetzt werden, und technisches Equipment, mit dem man z.B. mit Mikrofonen singen und aufzunehmen kann. Zusätzlich gebe ich dort Gitarrenunterricht (s. Fotos). Es existiert auch ein Bandraum im Keller, den ich für musiktherapeutische und -pädagogische Zwecke nutzen kann. Innerhalb des musiktherapeutischen Settings kann zwischen den einzelnen Räumen gewechselt werden. Der Klangraum bietet ein ruhiges Umfeld mit Blick in den Garten. Schlicht und natürlich eingerichtet, lädt er zum Entspannen ein. Hier finden u.a. Klangmassagen (Peter Hess-Methode), Klang­entspannungen und kleinere Workshops statt. Im anderen Teil der Praxis findet überwiegend aktive Musiktherapie statt.

Mit welchen Anliegen, Leiden oder Krankheiten können sich Menschen an Sie wenden?
Die Indikation für das musiktherapeutische Angebot in meiner Praxis kann sehr vielfältig sein. Es richtet sich an Menschen aller Altersstufen, denen es u.a. darum geht, sich über das Medium Musik bzw. obertonreichen Klang selbst zu erfahren, an Menschen mit sprachlichen Einschränkungen, emotionalen und sozialen Problemen, Behinderungen unterschiedlicher Art (auch wenn es um das Thema Inklusion geht), psychischen Störungen, Autismus-Spektrum-Störungen, ADHS usw. Es kommen auch Menschen zu mir, die sich Klarheit über ihren weiteren beruflichen oder privaten Weg verschaffen wollen oder gesundheitliche Probleme haben.
Anliegen können sein: Stressprävention, Persönlichkeitsentwicklung, Lösungsorientierung, Verbesserung der Körperwahrnehmung, Erleben von Tiefenentspannung, Kraft schöpfen, Aktivierung, gezielte Unterstützung von Genesungsprozessen und mehr.

Was hilft in Ihrer Therapie? Nach welchem Konzept arbeiten Sie?
In der kulturellen Entwicklung der Menschheit spielte Musik als verbindendes Element schon immer eine bedeutende Rolle. Seit Jahrtausenden ist bekannt, dass Musik und Klang, achtsam und zielgerichtet eingesetzt, die Eigenschaft besitzen, Körper, mentale Ebene und Seele zu harmonisieren und wieder in Einklang zu bringen. In diesem Sinn sehe ich die Musiktherapie als ganzheitliche Therapieform, die die Eigenschaft besitzen kann, das Gesunde im Menschen zu fördern. Nach meiner Erfahrung ist es zudem wichtig, das musiktherapeutische Setting verlässlich zu rahmen: beispielsweise am Beginn und Ende einer Stunde durch entsprechende musikalische Gestaltung oder/und Gespräch, Einbeziehung von wichtigen Bezugspersonen etc.
Im Zusammenhang damit steht mein innerstes Anliegen, mit Musik Brücken zu bauen und Begegnungen zu gestalten. In einer musiktherapeutischen Sitzung heißt das: miteinander in Resonanz zu gehen, eine vertrauensvolle therapeutische Beziehung aufzubauen, im Sinne von Achtsamkeit zu beobachten und zu empfinden, was ist. Das bezieht sich auf mein Gegenüber, auf mich, auf die Situation. Auf dieser Grundlage kann auch Dissonanzen Raum gegeben werden, die in den Therapieprozess konstruktiv mit einbezogen werden können. Ich möchte meine Klienten/Patienten dort abholen, wo sie stehen und sie ein Stück auf ihrem Weg begleiten.
Nach meiner Überzeugung können sie diesen Weg nur selbst erkennen und eigenständig gehen. Weiterhin möchte ich ihnen helfen und sie dazu motivieren, wieder einen Zugang zu sich selbst zu finden, und ihnen ermöglichen, ihre eigenen Stärken zu entdecken, zu entwickeln und zu nutzen. Ich bin froh, dass ich mich in einer Musiktherapie von einem reichhaltigen Buffet unterschiedlicher Therapieformen bedienen kann, um so möglichst individuell auf den Klienten eingehen zu können. Unterstützend kommen die Erfahrungswerte dazu, die ich in den vielen Jahren meines Berufslebens sammeln konnte als Musiktherapeut, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut und nicht zuletzt auch als Sozialpädagoge und Musiker.

Wie klingt die Musik, die Sie mit Patienten machen oder die Sie ihnen vorspielen?
Die Musik, die ich mit Menschen mache, die eine sogenannte geistige Behinderung haben, ist oft sehr fröhlich und laut: Es wird getrommelt, geklappert, getönt und gesungen. Kindliche Freude drückt sich hier aus, und mit viel Spaß wird über Stimme und leicht zu spielende Instrumente miteinander improvisiert. Aber auch andere Stimmungen wie Trauer oder Sehnsucht können sich in der gemeinsamen Musik widerspiegeln. In einigen meiner selbst komponierten und speziell auf die Gruppen zugeschnittenen Begrüßungs- und Schlussliedern ist teilweise vorgegeben, dass alle leiser werden, wenn sich der eine oder die andere traut, mit dem jeweiligen Instrument ein kleines Solo zu spielen. Ich begleite hierbei zusätzlich mit der Gitarre. Andere Gruppenmitglieder, die sich sonst gerne in den Vordergrund spielen, lernen so, sich zurückzunehmen. Je nach Musikgeschmack werden Lieder aus unterschiedlichen Genres zu meinem Gitarrenspiel auf Instrumenten improvisiert oder gesungen – von Volksmusik bis Rock – oder auch Lieblingslieder aus den Charts, die zu mitgebrachten CDs häufig auch über Mikrofon vorgetragen werden.
In der Einzeltherapie mit Kindern und Jugendlichen warte ich meistens ab, was sie an Wünschen oder Themen mitbringen. Kinder, die sich sehr lebendig zeigen (oft wird das mit der Diagnose ADHS umschrieben), suchen sich häufig gerne ihr Lieblingsinstrument aus und lassen erst einmal ihre „übersteigerte“ Energie bzw. Unruhe heraus. Dann trommeln wir gemeinsam oder spielen ein Begrüßungslied auf Klavier oder Keyboard und Gitarre, bevor es ruhiger und entspannter wird. Das bereitet den Kindern oft sichtlich großes Vergnügen und wir sind schon zu Beginn der Stunde gut aufeinander „eingespielt“ bzw. „eingeschwungen“. Manchmal singen wir zusammen, tönen oder machen Geräusche (sehr beliebt: Tierstimmen). Mit Menschen, die an einer Krebserkrankung leiden, arbeite ich mit Klangschalentherapie. Die auf dem bekleideten Körper positionierten Schalen „sprechen“ mit ihren Klängen und Schwingungen sowohl über das Hören/die auditive Wahrnehmung als auch über den Körper/die taktile Wahrnehmung an. Diese Methode wird als wohltuend und entspannend wahrgenommen. In alle meine musiktherapeutischen Arbeitsfelder beziehe ich Klangschalen und teilweise andere obertonreiche Instrumente in aktiver (Klangspiele oder Wahrnehmungsübungen in der Gruppe oder einzeln) oder passiver Form (Klang- und Fantasiereisen, Klangmassage) mit ein.

Schildern Sie bitte eine typische Situation aus Ihrem Berufsalltag.
Es ist sehr beglückend zu erleben, wie regelmäßig schon bei den ersten Klängen eines ihnen vertrauten Begrüßungslieds ein Leuchten in den Augen der Musiktherapiegruppen-Teilnehmer auftaucht und der Funke sofort überspringt. Unabhängig von der vorherigen Stimmung, von körperlichen oder sprachlichen Einschränkungen wird mit viel Freude und Energie musiziert und/oder gesungen. Das geschieht ebenfalls häufig in der Einzeltherapie mit Kindern. In der Klinik erlebe ich in der Arbeit mit Krebspatienten (meistens bettlägerig) wiederum fast immer, dass die allerersten Klangschalen-Klänge, die sie hören, sofort eine Resonanz hervorrufen, in die Entspannung und in die Stille führen und eine ganzheitliche positive Körpererfahrung ermöglichen.

An welche besonders schwierige, lustige oder glückliche Situation können Sie sich erinnern?
Einem achtjährigen Jungen, der eine Störung aus dem Autismus-Spektrum aufwies, wurde in der Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie Musiktherapie empfohlen.
Während der ersten Musiktherapiestunde lief Kim (Name geändert) immer wieder unruhig durch den Raum. Immer wenn sich unsere Blicke streiften, sah er sofort weg. Aber er nahm über verschiedene Trommeln, Perkussion- und Stabspielinstrumente Kontakt zu mir auf, indem er einmal für den Bruchteil einer Sekunde das jeweilige Instrument berührte oder mit einem Schlägel anschlug. Auch interessierte er sich für den Fen-Gong und Klangschalen. Die Eltern, mit denen ich anfangs noch einige Informationen austauschte, waren einverstanden, ins Wartezimmer zu gehen. Kim zeigte keine Reaktion, als sie den Raum verließen. Er war immer noch unruhig und lief umher. Da er sich unter anderem für Klangschalen interessiert hatte, tönte ich nun eine davon sanft an, was sofort Wirkung zeigte. Das unruhige Kind setzte sich auf einen Stuhl, sah und hörte mir interessiert zu. Dabei entspannte sich Kim zusehends und wich meinem Blick nicht mehr aus. Als ich daraufhin zur Shruti-Box Obertongesang anstimmte, setzte er sich zu mir auf den Boden und nahm zusätzlich Kontakt mit mir auf, indem er auf einem Stabspiel zu meinem Gesang improvisierte. Dann nahm er die am Boden liegende Gitarre und zupfte darauf. Synchron zu seinem Rhythmus improvisierte ich nun ebenfalls auf einer zweiten Gitarre. Plötzlich lehnte er seinen Kopf an ihren Korpus und strich kurze Zeit später rhythmisch über deren Saiten, während ich die Akkorde griff. Diese Art der Begegnung mit einem autistischen Menschen berührte mich sehr.

Welche Idee im Bereich der Musiktherapie würden Sie gerne verwirklichen, wenn Sie ausreichend Zeit und Mittel hätten?
Im Laufe meiner Selbstständigkeit als Musiktherapeut musste ich immer wieder abwägen, ob ich die an mich herangetragenen Stellenangebote annehmen sollte. Dennoch habe ich mich immer wieder für die Selbstständigkeit in unterschiedlichen Arbeitsfeldern und somit auch für meine ambulante Praxis entschieden. Auf diese Weise hatte ich viele Möglichkeiten mich fortzubilden, mein therapeutisches Angebot auszubauen und integrativ zu arbeiten.
Seit einiger Zeit biete ich Seminare für Musiktherapeutinnen und Musiktherapeuten unter Einbeziehung der Peter Hess-Klangmethoden an. So habe ich beispielsweise im April diesen Jahres an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg am Institut für Musiktherapie die Fortbildung „Klangmassage in der Musiktherapie“ gegeben. Gerne würde ich meine Dozententätigkeit speziell in der Musiktherapie ausbauen.
Für die Musiktherapie im Allgemeinen wünsche ich mir, dass verstärkt Mittel zur Verfügung gestellt werden, um diese wertvolle Methode (auch als Kassenleistung) weiter zu etablieren.

Der Autor:

Mathias Elsner-Heyden
Dipl. Sozialpädagoge, Musiktherapeut DMtG, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut (Approbation), Musikpädagoge, autorisierter Ausbilder in der Peter Hess-Klangmassage.
Derzeitige musiktherapeutische Tätigkeitsbereiche: Ambulante Praxis für Musik- und Klangtherapie, Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie/-psychotherapie, Werkstätten für behinderte Menschen, Universitätsmedizin Göttingen (Hämatologie und med. Onkologie), Fortbildungen für Musiktherapeutinnen und -therapeuten unter Einbeziehung der Peter Hess-Klangmethoden, Vorträge.

Kontakt:

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
www.elsner-heyden.de
www.klangmassage-goettingen.de

Schwerpunktthema II

„TrommelPower gegen Gewalt“ – Gewaltprävention, soziale Integration und Persönlichkeitsförderung mit Musik

Von Henrike Roisch, David Westphäling, Stefan Maier, Nastasja Neumann und Coretta Hirnschall

Ein musiktherapeutisches Projektmodell des Freien Musikzentrums e.V. München an Schulen und mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen
Die Schüler und Schülerinnen einer dritten Klasse kommen zusammen mit ihrer Lehrerin in den Klassenraum und setzen sich an die Trommeln (Djemben), die im Kreis aufgestellt sind. Die Musiktherapeutin stellt sich kurz vor und beginnt einen Trommelwirbel mit beiden Händen zu spielen. Die Schüler steigen sofort mit ein. Laut wird getrommelt, dann leise, ein nonverbal angezeigtes Stopp und es ist still, dann fröhliches Lachen. Jeder kann sofort mitmachen und wir TrommelPower-Trainer haben gleich einen ersten Eindruck von der Klasse und einzelnen SchülerInnen, sehen wer zaghaft, zurückhaltend trommelt, wer schwungvoll und laut ist... „Super war das! Jetzt darf jeder von Euch nacheinander alleine einen Schlag auf seiner Trommel machen“. Rundum hört man von jedem Schüler einen Schlag auf die Trommel, ein erstes kurzes Solo. Jetzt wird das ganze zusammengesetzt zu einem ersten musikalischen Stück, das man aufführen kann. Alle zusammen trommeln laut, dann leise und orientieren sich dabei an der Musiktherapeutin, dann ein Schlag rundum, einmal rechts im Kreis, sofort ein neuer Trommelwirbel, laut – leise und anschließend ein Schlag links im Kreis herum und zum Abschluss noch einmal ein Trommelwirbel von leise zu ganz laut, dann ein Stopp. Es folgt fröhliches Lachen unter den Schülern, ein Lob von der Lehrkraft und der Musiktherapeutin und die Begeisterung darüber, dass man in den ersten zehn Minuten bereits ein Trommelstück zusammen gelernt hat.
Dann wird es wieder leiser und die Kinder stellen sich vor, nennen ihren Namen, manche schüchtern, manche albern, manche trommeln dazu gleich ihren Namen oder ein Solo. Ein erstes Gespräch über die Inhalte des Projekts, die Musik, Improvisation, die Verwendung anderer Instrumente und das Thema Gewalt findet statt. So oder ähnlich kann der Anfang des Projekts aussehen.

Konzeptionelle Grundlagen
Die Trommel als Symbol von Stärke und Kraft, der Rhythmus als Ressource, als stabilisierendes gruppenstärkendes Element, beides aber auch Ausdruck von Wut und Aggression sind die Basis für das musiktherapeutische Gewaltpräventionsprojekt. „TrommelPower – Gegen Gewalt“ wurde von Dr. Andreas Wölfl im klinischen Kontext entwickelt und findet seit 2008 an Schulen statt. Die Wirksamkeit des Projekts wurde in zwei Evaluationen nachgewiesen (vgl. A. Wölfl 2014: Gewaltprävention mit Musik, empirische Wirkungsanalyse eines musiktherapeutischen Projektmodells). Seit dieser Anfangszeit hat sich die Zahl der Trainer vergrößert und das Projekt findet in verschiedenen Ländern (Schweiz, Österreich, Deutschland) und Städten (u.a. in München, Erlangen, Hamburg, Landshut, Bern, Wien) mit unterschiedlichen Altersgruppen und Schultypen statt. Zur Klientel der Schüler ist seit 2014 eine neue Personengruppe hinzugekommen: die Gruppe der minderjährigen, unbegleiteten Flüchtlinge (umF). Hierfür wurden Änderungen an den Rahmenbedingungen vorgenommen: Der zeitliche Rahmen, die Spielanleitungen und Improvisationen, das Thema Trauma und Freiwilligkeit wurden aufgegriffen, aber das ursprüngliche Konzept liegt auch hier zugrunde.
Die Erfahrung aus vielen Schulprojekten hat gezeigt, dass die Vorgespräche mit allen am Projekt beteiligten Lehrkräften sehr wichtig sind. Hier wird neben den finanziellen und strukturellen Rahmenbedingungen der Ablauf und das Konzept vorgestellt. In diesen Gesprächen geht es immer auch um Unterschiede zwischen einer verhaltensregulierenden Pädagogik in Schule und Unterricht und den gewaltpräventiven, musiktherapeutischen Zielen, die Selbstregulation und -verantwortung der Schüler zu stärken. Auch die Rolle des Lehrers während des Projekts wird besprochen, der bei allen musikalischen Aktionen mitmacht, den schulischen Rahmen vorgibt und die Möglichkeit bekommt, seine Schüler einmal einfach nur zu beobachten. Die Lehrkraft sorgt dafür, dass die während des Projekts erarbeiteten Ziele auch außerhalb und nach Ende des Projekts Anwendung im Schulalltag finden.
Es gibt zwei Formate für die Projektarbeit: Eine Intensivwoche oder ein wöchentlich stattfindendes Projekt über eine halbes oder ein ganzes Schuljahr. Während dieser Zeit gibt es nach jeder Projekteinheit Gespräche und Austausch mit der Lehrkraft. Hier wird über einzelne Schüler gesprochen, die Dynamik der Gruppe reflektiert, Fragen beantwortet und der weitere Verlauf besprochen.
Begleitet wird das Projekt von Supervisionsstunden. Immer wieder bekommen wir von den Lehrkräften das Feedback, wie wichtig, entlastend und bereichernd diese Stunden für sie sind und dass es sehr hilfreich wäre, wenn regelmäßige Supervision zum Schulalltag der Lehrer und Lehrerinnen gehören würde.
Die Grundlage des Konzepts basiert auf vier Säulen: (1) Das Wissen um die Faktoren, die jeder Einzelne braucht, damit die Wahrscheinlichkeit Gewalt anzuwenden abnimmt bzw. verschwindet. Dazu zählen: Ein gutes Selbstbewusstsein, Anerkennung bekommen, die eigenen Gefühle, Affekte und Impulse steuern zu können (Affekt- und Impulskontrolle), (2) sich als Teil einer Gemeinschaft erleben (Gruppenkohäsion), (3) den Anderen und seine Gefühle einschätzen können (die Fähigkeit zur Empathie) und (4) die Fähigkeit für Konflikte Lösungen zu finden.

TrommelPower – Projekte an Schulen
Wir fangen musikalisch an, dabei ist das Kennenlernen der Klasse und einzelner Schüler sowie die Gruppenkohäsion im Fokus unserer Arbeit. Auch die Affekt- und Impulskontrolle der Schüler sind von Anfang an Thema bei den musikalischen Anleitungen. Neben dem Trommeln werden Improvisationen auf leicht zu spielenden Instrumenten sowie ruhige Phasen der Entspannung und des Zuhörens angeboten. Es wird gesungen und getanzt, auch gemalt. Das Thema Gewalt zeichnet sich in manchen Klassen direkt ab oder es wird gezielt angesprochen, manchmal auch im Kontext der Frage: „Was brauchst Du, um Dich in Deiner Schule, Deiner Klasse wohl zu fühlen?“ In den Rollenspielen werden die Themen der Schüler aufgegriffen, nachgespielt und gemeinsam Lösungen für Konflikte erarbeitet. Oft zeigt sich hier unter den Schülern ein neues schauspielerisches Talent. Das Projekt endet mit einer Aufführung vor – und das ist uns sehr wichtig – wohlwollendem Publikum.
Musikalische Trommelspiele stärken den Zusammenhalt der Gruppe, die Gruppenkohäsion und das Selbstbewusstsein des Einzelnen. Musikalische Wettspiele machen den Schülern viel Spaß und fordern die Konzentration, führen aber auch zu Frustration. Wie schön es ist, Gewinner zu sein, wie schwierig zu verlieren, darüber wird dann gesprochen. Improvisationen auf leicht zu spielenden anderen Instrumenten stellen einen hör- und fühlbaren Unterschied zum Trommeln dar. Oft genießen die unruhigsten Schüler und Schülerinnen die Ruhe und die Lehrkräfte sind erstaunt, wie leise und konzentriert sie arbeiten können. Manchmal geht es nur darum, einfach still sein zu können. So haben sich die 15 Jungen einer fünften Klasse Mittelschule zur Aufgabe gemacht, dass alle zusammen eine Minute still sind und dies auch bei der Aufführung vorgestellt. Ihnen war es zu Beginn des Projekts nicht möglich, eine einfache musikalische Aufgabe gemeinsam durchzuführen, weil immer jemand Unruhe stiftete. Ein Junge übernahm das Aufstellen der Sanduhr auf einer Trommel. Ein anderer Junge gab mit Zimbeln das Signal für den Beginn und das Ende der Zeit der Stille. Und alle 15 Jungen haben es geschafft, eine Minute gemeinsam still zu sein. Die Lehrkraft, die leider bei den Projektstunden nicht dabei sein konnte, hatte richtig angemerkt, dass man von Zwölfjährigen in der fünften Klasse eigentlich erwarten kann, dass sie still sein können, wenn es die Situation erfordert und stellte die Frage, warum man hier klatschen soll. Unsere Antwort: Klatschen dafür, dass die 15 Jungen eine selbst gestellte Aufgabe gemeinsam umsetzen konnten.
In einem unserer jüngsten Projekte, welches mit der fünften Klasse einer Mittelschule im ländlichen Niederbayern durchgeführte wurde, war das Klassenklima von Beleidigungen und Ausgrenzungsverhalten gekennzeichnet. Dies führte zu einer unruhigen Atmosphäre im Unterricht und Projektverlauf, was sich in häufigen Störungen und einem hohen Lautstärkepegel zeigte. Am ersten Tag wurden Sansula, Glockenspiel, Leier und Klangschale als leise Instrumente eingeführt. Diese wurden an die Schüler im Stuhlkreis verteilt und nach einigen Minuten des Spielens an einen Sitznachbarn weitergegeben. Nach anfänglicher Unruhe stellte sich immer mehr Ruhe und Entspannung bei den Schülern ein. Diese ruhige Atmosphäre schien den Schülern ein unausgesprochenes Bedürfnis gewesen zu sein. In der Reflexionsrunde bezeichneten die Schüler neben dem Spielen der leisen Instrumente auch das Zuhören als „schön“ und „angenehm“. Man kann nichts „falsch“ machen, da die Instrumente pentatonisch gestimmt sind und tonal zueinander passen.
Im Laufe der Projekte bringen die Schüler immer häufiger ihre eigenen musikalischen Ideen ein. Dieser Prozess erfordert die Bereitschaft, sich auf die Ideen der anderen einzulassen, nachzugeben und sich auch durchsetzen zu können.
Wir Trainer arbeiten gemäß dem TrommelPower-Konzept, ausgehend von musikalischen Spielen und Improvisationen, in denen Affekt- und Impulskontrolle eingeübt werden, nähern uns in Folge im Gespräch und in Rollenspielen der Realität an, und greifen die von Schülern eingebrachten Gewaltthemen auf. Gleichzeitig arbeiten wir prozessorientiert, d.h. wir folgen den Bedürfnissen der Schüler nach Ruhe, Bewegung, Gespräch und greifen aktuelle Stimmungen auf. Taucht das Thema auf „wer bestimmt was und warum, wer ist der Chef“, dann passt das Dirigentenspiel. Einmal Dirigent sein dürfen und alle folgen meinen musikalischen Ideen, einmal Teil des Orchesters sein, das eigene Spiel als Teil des musikalischen Geschehens wahrnehmen, hinhören und den Anweisungen des Dirigenten folgen. Ein kleiner schüchterner Junge kommt als Dirigent in den Kreis, stellt sich hin und völlig unerwartet ist die Klasse still und folgt aufmerksam seinen Anweisungen zu Dynamik und Einsätzen. Und so mancher Treibauf steht da und verbreitet nur Unruhe und Chaos in seinem Orchester.
Welche Erfahrungen die Schüler zum Thema Gewalt einbringen, hängt vom Alter und vom sozialen Umfeld ab. Zum Beispiel findet es ein Grundschüler gemein, dass eine Mitschülerin seine Stifte genommen hat, ohne zu fragen. Fünftklässler erzählen von aggressiver Anmache an der Bushaltestelle oder U-Bahn und andere über Schlägereien oder Ausgrenzung in der Pause.
Am Ende des Projekts steht die Aufführung, in der Rhythmen und musikalische Improvisationen mit den Themen der Klasse verbunden, verbal und im Rollenspiel auf die Bühne gebracht werden. Oft wird ein Spruch gerappt oder auch ein Lied, mit selbstverfasstem Text zu einem Motto der Klasse aufgeführt („Stopp, keine Gewalt“; „wir halten zusammen…“). Der Applaus eines wohlwollenden Publikums stärkt das Selbstvertrauen jedes einzelnen Schülers und das Gefühl der Zusammengehörigkeit in der Klasse – und: Wir haben das zusammen geschafft!

TrommelPower-Projekte mit Flüchtlingen
Während uns bei den Schulklassen wichtig ist, dass alle Schüler einer Klasse an dem Projekt teilnehmen, ist bei den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen die freiwillige Teilnahme sinnvoll, da die durch Krieg und Flucht traumatisierten Jugendlichen selbst entscheiden sollen, ob sie trommeln wollen und die Lautstärke und die Gruppensituation aushalten. Jeder Teilnehmer darf selbst entscheiden, ob er den Raum verlassen will und ob und wann er wiederkommen möchte. Es kommen viele Flüchtlinge, die das Trommeln aus ihren Herkunftsländern kennen, die freudig mitsingen und zum gemeinsamen Trommeln tanzen. Einige singen Lieder aus ihrer Heimat vor. Auch in der Arbeit mit den Flüchtlingen sind die Spiele und Rhythmen so aufgebaut, dass jeder mitmachen kann, auch ohne Trommelkenntnisse und rhythmische Vorerfahrungen.
Methodisch verwendet werden in allen Einheiten Spiele und Improvisationsanleitungen aus der Musiktherapie und dem Drum Circling (Call and Response, Solo-Tutti-Improvisationen, Zusammensetzen einfacher Rhythmen in aufgeteilten Untergruppen). Außerdem werden sukzessive in das zunächst aus Djemben und Cowbells bestehende Instrumentarium weitere Instrumente hinzugenommen, wie eine auf einen offenen Akkord gestimmte und damit einfach spielbare Gitarre, eine Klangschale, die schon erwähnte Sansula und ein pentatonisch gestimmtes Glockenspiel.
Wegen des großen Interesses der Jugendlichen am Gitarrenspiel wurde eine weitere Gitarre mitgebracht und auch einfaches Akkordspiel und Schlagtechnik vermittelt. Es fiel auf, dass alle teilnehmenden Jugendlichen Neugierde und Begeisterung an der Gruppenimprovisation zeigten und dadurch häufig ein freies Zusammenspiel u.a. von Perkussionsinstrumenten, Bodypercussion, Djemben, dem Glockenspiel und den Gitarren entstand. Dabei wurden die Instrumente nach jeder Improvisation durchgewechselt, sodass jeder in Kontakt mit „neuen“ Instrumenten kam. Eindrücklich war dabei oftmals der nach der Improvisation entstandene Moment der Stille, der sowohl ein Nachklingen und -schwingen als auch nonverbale Kommunikation durch Blickkontakte hervorbrachte. Das intuitive Begleiten und Reagieren in den Improvisationen sowie vereinzelte rezeptive Angebote durch die Musiktherapeuten ergänzten das TrommelPower-Projekt und brachten oftmals die Stimmung und Atmosphäre in der Gruppe und von Einzelnen klanglich zum Ausdruck.
Unsere Planung, mit einer kon­stanten Gruppe von immer denselben Jugendlichen über den Projektverlauf hinweg arbeiten zu können, erwies sich in der Arbeit mit den Flüchtlingen oft als nicht durchführbar. Um-, Aus- und Zuzüge, Arzt- und Behördenbesuche sowie psychotherapeutische und sozialpädagogische (Beratungs-)Termine führten zu einer hohen Fluktuation der Jugendlichen auch in den TrommelPower-Einheiten. Weder Anwesenheits- und Teilnahmelisten noch die Einladung kontinuierlich am Kurs teilzunehmen, erwirkten Verbindlichkeit. Mit einer Gruppengröße zwischen 5–15 Jugendlichen waren die Plätze für den Kurs jedoch meist ausreichend ausgelastet.
Das stetige Wiederholen der Übungen und Spiele aus dem Repertoire musiktherapeutischer Methoden und des Trommelpowerkonzepts („Stopp-Spiel“, Reaktions- und Konzentrationsspiel, „Wanderndes Duett“, etc.) führte zu einer struktur- und haltgebenden Festigung und Vertrautheit mit dem Ablauf und stärkte die Gruppenkohäsion und -identität. Immer konkreter konnten die Jugendlichen Wünsche nach spezifischen Aktivitäten formulieren, auf die von Seiten der AnleiterInnen eingegangen wurde. Das vertrauensvolle Verhältnis in der Gruppe spiegelte sich auch in der zunehmenden Kreativität und Spontanität wider, die sowohl in den Improvisationen als auch in den strukturierteren Spielen zu sehen und zu hören waren.
Bemerkenswert war in einer Gruppe die Einbeziehung von Liedern, die gemeinsam gesungen wurden. Häufig kamen dazu Vorschläge und Wünsche aus der Gruppe, die von den AnleiterInnen aufgegriffen und dann nach bestem Wissen und Können gesungen und gespielt wurden. Auch kam es mehrmals vor, dass kleine Gruppen von zwei bis drei Jugendlichen der gesamten Gruppe, teilweise mit Unterstützung einer Aufnahme auf ihrem Handy, Lieder aus ihrer Heimat vorsangen.
Unserer Wahrnehmung nach zeigten sich in den Einheiten keine kultur- und religionsspezifischen Konflikte, wie sie im Lebensalltag der Jugendlichen laut den betreuenden Sozialpädagogen häufig vorkommen. Ob das tatsächlich an der Dynamik und Eigenschaft des TrommelPowerkurses als Gewaltpräventionsprogramms liegt, oder ob die Jugendlichen durch die Freiwilligkeit der Teilnahme explizit das Zusammentreffen mit potentiellen „Feinden“ vermieden, kann von uns TrainerInnen nicht beantwortet werden.

Schlussgedanken
Die Wirkung der Musik und des Musizierens (Improvisationen, Trommelspiele und Rhythmen) zusammen mit dem therapeutischen Wissen der Trainer ermöglicht eine unterstützende Reaktion auf psychisch auffällige Verhaltensweisen und Widerstände der Jugendlichen. MusiktherapeutInnen können durch ihr fachliches Wissen schwierige, konfliktive, aber auch ressourcenreiche Situationen erkennen, aufgreifen und gezielt mit Hilfe der Musik verarbeiten und unterstützen. Darin unterscheidet sich unser Projekt von rein musikalisch ausgerichteten Angeboten.
Letztlich bestätigten die positiven Rückmeldungen der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge und der Betreuer am Ende der Projektmodule, dass es trotz der gegebenen strukturellen Unsicherheiten und der sich daraus ergebenden Schwierigkeiten für die Projektdurchführung sinnvoll ist, das TrommelPower-Projekt als niederschwelliges und musikalisch-kreatives Programm zur emotionalen Stabilisierung und Unterstützung anzubieten. Gerade der nonverbale Zugang zu den Jugendlichen konnte die Verständigungsschwierigkeiten zwischen den Teilnehmern überbrücken und die Selbstsicherheit in der Gruppe verstärken. In den Projektstunden konnten Freude, Kraft und Lebendigkeit erlebt und Gefühlen von Verunsicherung, Aggression, Isolation und Einsamkeit entgegengewirkt werden.
Die Trainer in den TrommelPower-Projekten mit Schülern und mit Flüchtlingen sind per E-Mail vernetzt. In jährlichen Treffen bleiben sie miteinander im Gespräch darüber, was in den verschiedenen Projekten gut läuft, welche Schwierigkeiten auftreten und welche Lösungen gefunden werden. Hier wird überlegt, wie der strukturelle Rahmen und die Inhalte (Spiele, Improvisationen etc.) an die verschiedenen Gruppen (Größe, Alter, Klientel) anzupassen sind.

Die AutorInnen:

Henrike Roisch
Musiktherapeutin an Grund- und Förderschulen sowie Kindertagesstätte und in eigener Praxis, Lehrtätigkeit an der Akademie für Heilpädagogik, TrommelPower-Trainerin, Dipl. Soziologin.
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

David Westphäling
Musiktherapeut (MA), Magister für sozialwissenschaftliche Berufe (FH), TrommelPower-Trainer, Musiktherapeut in der Kinder-Jugendpsychiatrie an der Heckscher-Klinik, München.
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Stefan Maier
Musiktherapeut in Pflegeeinrichtungen, TrommelPower-Trainer, Krankenpfleger. E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Nastasja Neumann
Musiktherapeutin in einer heilpädagogischen Tagesstätte, TrommelPower-Trainerin, Dipl. Gesangspädagogin,
Dipl. Opernsängerin.
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Coretta Hirnschall
Musiktherapeutin im Pflegezentrum mit Senioren, in einer Heilpädagogischen Tagesstätte mit Kindern und Jugendlichen, Klangmassagen, Integral-therapeutische Musikpädagogin in freier Tätigkeit, Musikkurse in Kitas, TrommelPower-Trainerin, Heilpraktikerin für Psychotherapie.
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

 

Zum Mitmachen

Kleine Hilfen mit Atem, Bewegung und Stimme

Von Sabine Rittner

„May it be beautiful all around you…“
Zur Prävention: Entlasten, Reinigen und Verschönern des eigenen Körper-Klang-Raums
Heute möchte ich eine Übung aus der körperorientierten Musikpsychotherapie(1) mit Ihnen teilen, die dazu beitragen kann, Verspannungen zu lösen und damit präventiv durchaus einer sich evtl. psychophysiologisch manifestierenden Symptombildung vorzubeugen. Diese Übung läßt sich alleine, aber sehr gut auch gemeinsam mit anderen in einer Gruppe durchführen. Die Atemtherapeutin Ilse Middendorf sprach von drei Atemräumen, die über den Atem erfahrbar sind(2). Die tönende Bewegungs-Klang-Raum-Übung beginnt im Sitzen und setzt sich dann im Stehen fort. Bei körperlicher Einschränkung kann sie aber auch komplett im Sitzen oder sogar im Liegen mit nur kleinen, sparsamen Bewegungen durchgeführt werden. Suchen Sie sich dafür einen Ort, an dem Sie für etwa 20–30 Minuten ungestört sind.
Setzen Sie sich bequem und aufrecht hin, schließen die Augen und richten den Scheinwerfer Ihrer Aufmerksamkeit auf den unteren Raum Ihres Körpers. Er umfasst Ihre Beine und Füße, das Becken, den Bauchraum und unteren Rücken:
Mit dem nächsten Einatem stellen Sie sich vor, dass Sie diesen imaginierten „Raum“ Ihres Körpers „ausleuchten“, um dort irgendetwas Überfälliges, Lästiges, Angestrengtes, Schmutziges… aufzuspüren.
Stellen Sie sich einen „Klang-Kehrbesen“ vor, mit Hilfe dessen Sie nun mit einem kraftvollen Ausatemgeräusch all dies Überfällige hörbar und laut „hinausfegen“, diesen Raum reinigen. Lassen Sie dazu ein lautes Geräusch mit ihrer Stimme hörbar werden, das von einer schwungvollen Bewegung der Hände und Arme unterstützt werden kann.
Dies wiederholen Sie einige Male, bis dieser Raum genug „gereinigt“ und entlastet ist.
Wenn Sie alle Ecken und Winkel Ihres unteren Körperraums „durchgeputzt“ haben, dann „verschönern“ Sie ihn nun mit einem farbigen Klang. Schicken Sie mit Ihrer Stimme in einer Tonhöhe, die im Bauchraum auch als Vibration spürbar ist, sanfte Töne dort hinein. Stellen Sie sich Kraft Ihrer Imagination vor, wie Sie mit einem für Sie jetzt angenehm klingenden Vokal in einer passenden Klang-Farbe (z.B. „u“ oder „o“ oder ein anderer für Sie hier passender Vokal) die Innenwände dieses Raumes tönend „anmalen“, ihn wohltuend farbig auskleiden.
Wenden Sie sich nun dem mittleren Raum Ihres Körpers zu, der sich im Bereich vom Solarplexus, Magen, Zwerchfell bis in die Flanken und den Rücken hinein ausdehnt. Wiederholen Sie die Schritte von oben, um auch diesen Raum zu „reinigen“:
Mit dem nächsten Einatem stellen Sie sich vor, dass Sie diesen Raum Ihres Körpers „ausleuchten“, um dort irgendetwas Überfälliges, Lästiges… aufzuspüren.
Mit dem darauffolgenden kraftvollen Ausatemgeräusch schleudern Sie dies hörbar und laut hinaus. Machen Sie dazu ein lautes, kraftvolles Geräusch mit ihrer Stimme, das von einer passenden Bewegung der Hände und Arme unterstützt wird.
Dies wiederholen Sie einige Male.
Wenn Sie alle Ecken und Winkel Ihres mittleren Körperraums durchgeputzt haben, dann „verschönern“ Sie diesen gereinigten Energieraum von innen mit einem farbigen Klang. Schicken Sie mit Ihrer Stimme sanfte Töne dort hi­nein in einer Tonhöhe, die in diesem Teil Ihres Körpers gut spürbar ist. Stellen Sie sich vor, wie Sie mit einer passenden Klang-Farbe, einem passenden Vokal (z.B. „a“) diesen Raum jetzt tönend von innen auskleiden, so wie es Ihnen jetzt gefällt.
Jetzt richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf den oberen Raum Ihres Körpers mit Brustkorb, oberem Rücken, Schultern und Armen und wiederholen die drei Schritte, um auch diesen Raum zu „reinigen“:
Mit dem nächsten Einatem stellen Sie sich vor, dass Sie diesen Raum Ihres Körpers „ausleuchten“, um dort irgendetwas Überfälliges, Lästiges… aufzuspüren.
Mit dem darauffolgenden kraftvollen Ausatem stellen Sie sich einen „Klang-Kehrbesen“ vor, mit dem Sie dies hörbar und laut hinausfegen. Lassen Sie dazu ein lautes, kraftvolles Geräusch mit ihrer Stimme hörbar werden, das von einer Bewegung der Hände und Arme unterstützt wird.
Dies machen Sie mehrmals, bis es genug ist.
Wenn Sie alle Ecken und Winkel Ihres oberen Körperraums durchgeputzt haben, dann „verschönern“ Sie diesen gereinigten Energieraum mit einem farbigen Klang. Schicken Sie mit Ihrer Stimme in einer Tonhöhe, die in diesem oberen Raum gut spürbar ist, sanfte Töne dort hinein. Stellen Sie sich vor, wie Sie mit einer passenden Klang-Farbe, einem passenden Vokal (z.B. „e“ oder „i“) diesen Raum jetzt tönend von innen auskleiden.
Weiter tönend, singend verbinden Sie nun alle drei Körperräume zu einem großen Körper-Klang-Raum. Lassen Sie dabei in der Vorstellung Ihre Hautmembran von innen her vom farbigen Klang Ihrer Stimme vibrieren und erlauben Sie dabei auch intuitive Bewegungen Ihrer Arme und Hände.
Sollten Sie bis jetzt gesessen haben, dann verlagern Sie spätestens jetzt Ihr Gewicht nach vorne auf die Füße und setzen Ihre tönende Klang-Raum-Erkundung in freier Bewegung im Stehen (mit gelösten Knien) fort:
Durch die Poren Ihrer vibrierenden Hautmembran hindurch lassen Sie die Klänge nun auch den Sie unmittelbar umgebenden „Eigen-Raum“ mit Klang-Farbigkeit und Licht anfüllen. Mit Eigen-Raum bezeichne ich den Energieraum, der Ihren gesamten Körper oberhalb der Haut in etwa 30–40 cm Abstand eiförmig umgibt.
Verschönern Sie nun tönend und tanzend den gesamten Sie umgebenden Außenraum, in dem Sie sich befinden, mit klingender Farbigkeit. Werden Sie dabei raumgreifend mit Ihren Bewegungen, drücken Sie tanzend aus, was Sie jetzt hören und spüren.
Lassen Sie nun Ihre Klänge sich weit über den Raum hinaus ausbreiten, so dass sie bis in die Weite des Horizonts hinein schwingen. Vielleicht mögen Sie sie mit Ihrer Vorstellungskraft an einen spezifischen Ort schicken, an dem Ihre Klänge jetzt ganz besonders gebraucht werden, wo sie heilsam verschönernd weiterwirken und sich weiter entfalten können.
Sie werden den richtigen Zeitpunkt finden, an dem es gut ist und Sie wieder zu sich selbst zurückkommen mögen. Lassen Sie das Tönen leiser, die Bewegungen kleiner werden, Ihren Tanz zur Ruhe kommen.
Spüren Sie in der Stille nach: Was ist jetzt anders als am Beginn? (Sollte dies für Sie eine gefühlte Ewigkeit her sein, so ist das ein Kennzeichen für einen heilsamen Trancezustand, in den Sie sich hineingetönt, geatmet, getanzt haben(3).) Welche Körperempfindungen, Gefühle, Gedanken nehmen Sie jetzt wahr?
Ankern: Das, was Sie jetzt Wohltuendes spüren, ankern Sie körperlich, so dass es wieder abrufbar wird, indem Sie eine passende Berührung oder eine kleine Geste dazu finden. Zusätzlich lassen Sie ein passendes Bild oder ein Symbol auftauchen, in dem sich Ihre Erfahrung verdichtet. Vielleicht gibt es dazu aus Ihrer intuitiven Weisheit heraus auch einen Selbstunterstützungs-Satz, den Sie zu sich selbst sprechen. Wenn Sie mitten im Alltag irgendwann einmal (für andere ganz unauffällig) diese Berührung, diese Geste machen, werden sich ihr Organismus und Ihre Seele an diese wohltuende Erfahrung erinnern, sie unmittelbar abrufen und die Wirkung reaktivieren können.

Das Weltbild der Navaho (auch Navajo oder Diné, wie sie sich selber nennen), einem in New Mexico, Arizona und Utah ansässigen Stamm der Native Americans, basiert vor allem auf Hózhó. Mit diesem Begriff bezeichnen die Navaho Schönheit, Balance, Ausgleich oder Harmonie aller Kräfte, einen geistig-spirituellen Idealzustand, um dessen Erhaltung und Wiedererlangung sich in ihrer Kultur vieles dreht. Ich wünsche Ihnen, dass die Erfahrung dieser Übung zur Stärkung von Hózhó in Ihnen und um Sie herum beitragen kann. In diesem Sinne möge der folgende, bekannte Segensgesang der Navaho Sie begleiten:

May it be beautiful before you.
May it be beautiful behind you.
May it be beautiful above you.
May it be beautiful below you.
May it be beautiful all around you.
May you be restored in beauty.
In beauty it is finished.
In beauty it is finished.

Die Autorin:

Sabine Rittner
ist Musikpsychotherapeutin, approb. Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, Psychotherapeutin (HP), Hypnotherapeutin, Traumatherapeutin mit Spezialisierung in der Arbeit mit veränderten Bewusstseinszuständen, körperorientierter Therapie und systemischer Therapie mit der inneren Familie (IFS). Sie ist tätig am Institut für Medizinische Psychologie der Universitätsklinik Heidelberg (Lehre, Psychotherapie, Musiktherapie- und Bewusstseinsforschung), sowie in eigener Praxis (Therapie, Supervision, Coaching). Umfangreiche Publikationen zu den Themenkomplexen Bewusstseinsforschung – Klang – Trance – Stimme – Musiktherapie u.a. Weitere Informationen unter:
www.SabineRittner.de