Schwerpunktthema I

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Innovation am Ende der Talsohle? Erfahrungen aus einer musiktherapeutischen Studie in Pandemiezeiten

Von Laura Blauth, Carina Petrowitz, Thomas Wosch

Wenn über eine große Forschungsstudie berichtet wird, stehen vor allem Zahlen und Daten im Vordergrund. Hinter diesen Zahlen verbergen sich jedoch viele ganz persönliche Erfahrungen und Erlebnisse aller Beteiligten, die für die Planung und Durchführung zukünftiger Projekte von großer Bedeutung sind. An dieser Stelle wollen deshalb drei Mitarbeiter*innen der Forschungsstudie HOMESIDE einen Einblick hinter die Zahlen ermöglichen.
Die internationale Forschungsstudie HOMESIDE wird parallel in fünf Ländern (Australien, Deutschland, Großbritannien, Norwegen, Polen) durchgeführt und untersucht die Wirkung musiktherapeutischer und lesetherapeutischer Angebote für Menschen mit Demenz und ihre pflegenden Angehörigen. In Deutschland wird das Projekt von der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt, kurz FHWS, betreut und umgesetzt. HOMESIDE ist eine dreiarmige kontrolliert randomisierte Studie (RCT), die von der Europäischen Union unterstützt und in Deutschland vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziell gefördert wird. In jedem der fünf teilnehmenden Länder sollen 99 (also insgesamt 495) Paare an der Studie teilnehmen. Die Bezeichnung Teilnehmerpaar bezieht sich hier auf einen Menschen mit Demenz und einen, im gleichen Haushalt lebenden, pflegenden Angehörigen. Teilnehmende Paare werden zufällig der Musikintervention, der Leseintervention oder der Kontrollgruppe zugeteilt. Die Paare in der Musik- und der Leseintervention werden von Therapeut*innen dabei unterstützt, Musik- bzw. Leseaktivitäten im Alltag und in der häuslichen Pflege einzusetzen. Diese gemeinsamen Aktivitäten sollen dabei helfen, Symptome der Demenz (z.B. Unruhe oder Niedergeschlagenheit) zu regulieren, Erinnerungen zu wecken, Gemeinsamkeit zu erzeugen und das Wohlbefinden aller Beteiligten zu verbessern. Jede Einbeziehung der Teilnehmenden findet direkt bei ihnen in ihrem Zuhause, und damit in ihrem gewohnten Umfeld, statt.
Die Durchführung der Studie wurde von den Veränderungen und Kontaktbeschränkungen durch die Corona-Pandemie stark beeinträchtigt. Nach einem guten Start im Jahr 2019, konnte das Projekt ab März 2020 plötzlich nicht mehr wie geplant fortgeführt werden. Nur durch große Umstrukturierungen war es möglich, die Ziele der Forschungsstudie zu erreichen und den teilnehmenden Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen ein therapeutisches Angebot zu machen. In den folgenden Beiträgen möchten wir auf diese Veränderungen eingehen und aus drei individuellen Sichtweisen betrachten. Eine Musiktherapeutin, die klinische Studienleiterin und der Projektleiter von HOMESIDE in Deutschland erzählen, ob und wie sie das „Hinein in die Talsohle – und hinaus aus ihr“ durch die Corona-Pandemie erlebt haben.

Teil 1: Carina Petrowitz
Musiktherapie aus dem Homeoffice – musiktherapeutische Arbeit in Zeiten von Kontaktbeschränkungen
Nach einiger Zeit der klinischen Arbeit als Musiktherapeutin in einer Akutpsychiatrie beginnt für mich im November 2019 eine neue berufliche Herausforderung und Tätigkeit: die Durchführung der musiktherapeutischen Interventionen im Rahmen der internationalen Studie HOMESIDE. Die Studie HOMESIDE ist zu diesem Zeitpunkt nicht nur die weltweit größte Studie im Bereich der Demenz, sondern die untersuchte
musiktherapeutische Intervention bringt auch besondere Neuerungen und Bedingungen mit sich.

Besonderheiten des musiktherapeutischen Angebots
Als ambulantes, häusliches Angebot findet die HOMESIDE Musiktherapie im häuslichen Umfeld der Studienteilnehmer*innen statt. Die Demenzbetroffenen und ihre Angehörigen nehmen gemeinsam an den von Musiktherapeut*innen geleiteten, therapeutischen Interventionen teil. Zu dritt entdecken und erleben Therapeut*in und das teilnehmende Paar Musik, die zum Beispiel das Wohlbefinden steigern, gemeinsame Erinnerungen ermöglichen oder die Beziehung der Teilnehmenden stärken kann. Gemeinsames Singen, Hören von Musik, Tanzen oder Instrumentalspiel werden als musikalische Aktivitäten vorgestellt und ausprobiert. Orientiert an individuellen Vorlieben und Interessen der Teilnehmer*innen können durch die gemeinsamen Musikaktivitäten positive Erlebnisse angeregt, fokussiert und verstärkt werden. Diese gemeinsam entdeckten, musikalischen Aktivitäten sollen über die therapeutische Intervention hinaus auch im Alltag und ganz ohne die Therapeutin genutzt und eingesetzt werden.

Neue musiktherapeutische Chancen und Herausforderungen
Im Vergleich zu meiner bisherigen Tätigkeit im klinischen Umfeld bewege ich mich heraus aus meinem voll ausgestatteten Musiktherapieraum, hinein in das Zuhause der Menschen und nutze das, was ich jeweils vor Ort vorfinde. Darüber hinaus muss ich immer im Kopf haben, dass alle musikalischen Aktivitäten auch ohne mich nutzbar sein sollten und die Teilnehmenden darin anzuleiten, dies in ihren Alltag zu integrieren.
Im Januar 2020 ist es dann soweit, das erste Paar wird der Musikgruppe zugeteilt und ich kann die Arbeit mit ihnen beginnen. Ich besuche die Teilnehmenden zu Hause, bin Gast in ihrem Wohnzimmer und gleichzeitig Therapeutin einer Forschungsstudie, die Musik mit ins Haus bringt oder die Musik im Haus wieder erklingen lässt. Die Atmosphäre im ersten Termin scheint zunächst verhalten. Gemeinsam gestalten wir einen intensiven ersten Termin und legen schnell unsere Nervosität ab. Schließlich ist bereits dieser Termin geprägt von einem regen Gesprächsaustausch, aber auch viel Musik. Wir freuen uns miteinander über positive Reaktionen, wie beispielsweise ein Wippen mit dem Fuß, Klatschen oder leises Mitsingen. Wir blättern gemeinsam in Fotoalben, weil uns bei einem Lied etwas eingefallen ist oder uns zu einem älteren Foto auch ein neues, passendes Lied einfällt. Wir überlegen, wann und wie die Musik einen Platz im Alltag finden kann, um jederzeit an die positiven Erlebnisse anknüpfen zu können. Zum Abschluss verabreden wir uns für ein kurzes Telefonat in der folgenden Woche. Eine telefonische Begleitung findet über den gesamten Zeitraum der gemeinsamen Musikaktivitäten statt.
Auch wenn ich zu Beginn meiner Tätigkeit nur eine annähernde Vorstellung dieses neuen musiktherapeutischen Arbeitsfeldes habe, merke ich schnell, wie mich diese wertvolle Arbeit begeistert. Kurz darauf beginne ich die Begleitung eines weiteren Paares. Zusammen gelingt es uns, den Alltag mit Musik zu bereichern und das Leben mit sowie das Erleben der Demenz so zu verändern, dass die Fokussierung auf das Positive im Mittelpunkt steht. Natürlich können die Symptome der Demenz dadurch nicht genommen werden, aber wir können den Blick darauf und den Umgang damit verändern.