Musiktherapeutischer Klinikspaziergang
Die Kinder- und Jugendambulanz/Sozialpädiatrisches Zentrum Berlin-Hellersdorf
Sara Wegen
Kontext und Auftrag des KJA/SPZ
Seit ihrer Konzeption in den Sechzigerjahren sind Sozialpädiatrische Zentren mit der Untersuchung und Behandlung von Kindern und Jugendlichen im Kontext ihres sozialen Umfelds
beauftragt. Dies schließt explizit die Beratung und Anleitung von Bezugspersonen mit ein. Zu uns kommen primär Säuglinge, Kinder und Jugendliche mit Entwicklungsauffälligkeiten oder -störungen, deren Kinder- oder Hausärzte die Indikation für eine komplexe sozialpädiatrische Behandlung stellen. Da die Auffälligkeiten oder Störungsbilder der Kinder oft ebenfalls komplex sein können, ist die Möglichkeit einer multimodalen Behandlung unter einem Dach sowohl für Familien als auch Fachleute eine reale Entlastung.
Das KJA/SPZ Hellersdorf ist eines von 16 organisierten Zentren in Berlin. Unser Träger in Hellersdorf und in fünf weiteren Berliner Bezirken ist die Lebenshilfe gGmbH, welche wiederum Teil eines großen Verbundes ist, mit 2.500 Beschäftigten. Eine Besonderheit der Berliner Zentren ist die Abdeckung der Bereiche Frühförderung als gesetzliche Grundlage (KJA), sowie sozialpädiatrische Versorgung (SPZ) in den Bereichen der therapeutischen, ärztlichen und psychologischen Betreuung.
Unsere Ambulanz liegt am Hellersdorfer Kastanienboulevard: Eine Fußgängerzone, die durch eine Großwohnsiedlung aus den späten Achtzigerjahren führt. Sie erstreckt sich über vier ebenerdige Aufgänge mehrstöckiger Mehrfamilienhäuser. Das Quartier selbst zeichnet sich durch seine Nähe zum Bezirkszentrum und durch integrierten Frei- und Grünflächen aus, jedoch auch durch die besondere soziale Situation der Bewohnerschaft: Etwa vier von zehn Bewohnern haben Migrationshintergrund; die Anzahl Alleinerziehender und die Kinderarmutsquote liegen deutlich höher als im Berliner Durchschnitt1; einer von vier Anwohnern bezieht Transferleistungen2.
Gleichzeitig sind verschiedenste Initiativen zur Stärkung von Integration und Nachbarschaft sichtbar: „Unser“ Häuserblock beheimatet unter anderem eine Kita, ein Kunstzentrum und einen Verein für Kindersportangebote. Das KJA/SPZ Hellersdorf ist seit 1993 ein Teil dieser Initiativen. Wir arbeiten als interdisziplinäres Team bestehend aus Kinderärztinnen, Psychologin und Psychologe, Ergotherapeutinnen, Logopädinnen, Physiotherapeutinnen, Heilpädagoginnen, einer Sozialarbeiterin und mir als Musiktherapeutin. Diese Verzahnung von medizinischer und psychologischer Diagnostik, Frühförderung, therapeutischer Behandlung, Elternarbeit sowie der Kooperation mit Kita, Schule und Jugendhilfe stellt das Kernmerkmal des sozialpädiatrischen Auftrags dar.
Methodenübergreifend und interdisziplinär
Aus meinem Musiktherapie-Raum schaue ich direkt auf den Boulevard; ich habe ihn mitsamt seiner einladenden und vielfältigen Ausstattung übernommen. Nebst Klavier, Gitarre, Orff- und Therapie-Instrumentarium stehen mir auch Materialien zur Verfügung, um die Kinder wortwörtlich zu „bewegen“: eine Hängematte, Gymnastikbälle, ein Spielkreisel. Dieser Schwerpunkt auf Körper und Bewegung, gleichrangig zu stimmlicher und instrumentaler Intervention, ist auf die entwicklungspsychologisch-fundierte Musiktherapie3 zurückzuführen. Dieser Ansatz ist die Basis meiner Arbeit im KJA/SPZ. Verhaltens- und gesprächstherapeutische Interventionstechniken ergänzen meine Methodik.
In meinen Einzeltherapien betreue ich oft Kinder im Vorschulalter, die mit der Verdachts- oder gesicherten Diagnose einer Autismus-Spektrum-Störung zu uns kommen. Zentrale Merkmale einer ASS sind Beeinträchtigungen der sozialen Interaktion und Kommunikation, sensorische Besonderheiten sowie repetitive Verhaltensmuster. Diese erschweren es dem Kind, mit seiner Umwelt in Beziehung zu treten. Daher steht in meiner Arbeit der Beziehungsaufbau im Mittelpunkt: Ich versuche, mit dem Kind in Kontakt zu treten und mich als verlässliches Gegenüber für eine Kontaktaufnahme anzubieten. Die Wege dorthin sind individuell und orientieren sich am jeweiligen Entwicklungsstand und den spezifischen Ausdrucksformen des Kindes.
Ich sehe Musiktherapie als komplementäres Angebot zu anderen Therapieformen. Das kommt daher, dass ich die Einsichten von Kolleginnen anderer Fachgruppen kennenlernen konnte und diese Erfahrungen sehr schätze! Es wird nie das Gefühl vermittelt, dass man alleinig für die Weiterentwicklung eines Kindes verantwortlich sei, was bei mitunter recht intensiver therapeutischer Arbeit sehr entlastend sein kann. Ich profitiere vom Austausch mit den Kolleginnen, sowohl in regelmäßigen Teamzeiten als auch Tür-und-Angel-Gesprächen, und nutze die vorhandenen Möglichkeiten, auch „fachfremdes“ Material einzubeziehen: alles im Dienste des Beziehungsaufbaus und der Entwicklung des Kindes.
Elternarbeit
Oft bin ich die erste Therapeutin, die nach der Eingangsdiagnostik über einen längeren Zeitraum mit den Kindern arbeitet. So ist es auch ein Teil meiner Aufgabe, die Eltern wiederholt zur Diagnose aufzuklären, sie in ihrem Akzeptanzprozess zu begleiten und gleichzeitig den Blick auf die Ressourcen ihres Kindes zu lenken. Die aktive Mitarbeit der Eltern ist ein wesentlicher Teil der Therapie, denn nachhaltige Entwicklung gelingt nur, wenn therapeutische Impulse im Alltag aufgegriffen und gefestigt werden. Ein besonders verlässliches Zeichen positiver Entwicklung ist für mich eine sichtbare Veränderung im Ausdruck, in der Zuwendung und im affektiven Erleben der Eltern.
Auch geben die Handlungen des Elternteiles während der Therapiesitzung wertvolle Hinweise auf die Eltern-Kind-Interaktion. Wirkt die Person zurückhaltend oder verunsichert und bleibt eher am Rand des Geschehens, versuche ich, sie behutsam einzubeziehen – etwa indem ich sie zum gemeinsamen Musizieren oder zum Ausprobieren der Instrumente einlade. Greift sie hingegen vorschnell in die Handlungen des Kindes ein, bevor das Kind eigene Erfahrungen machen kann, unterstütze ich sie darin, dem Kind mehr Raum zu geben und dessen Verhalten neugierig zu beobachten und zu verstehen.
Herausforderungen
Oft stehen Faktoren im Vordergrund, welche den Therapieprozess erschweren und zugleich zum sozialpädiatrischen Auftrag gehören. Mehr als ein Drittel der Hellersdorfer Bevölkerung
weist einen Migrationshintergrund auf; eine Realität, die sich in meiner Arbeit widerspiegelt. Sprachbarrieren erfordern zunächst den Aufbau einer tragfähigen Kommunikation mit den Eltern. Hinzu kommen unterschiedliche, kulturell oder biografisch geprägte Vorstellungen von Erziehung sowie familiäre Belastungen wie Flucht- oder Gewalterfahrungen oder eigene psychische Erkrankungen der Eltern. Nicht selten bringen die Eltern auch mehrere dieser biographischen Belastungen mit. In solchen Situationen ist eine enge Zusammenarbeit zwischen den Familien, unserem KJA/SPZ sowie weiteren Institutionen wie Jugendamt, Familienhilfen, Kitas und Schulen unerlässlich. Durch das Miteinander der verschiedenen Institutionen können Eltern die Unterstützung erhalten, die sie benötigen, um ihre Kinder in ihrer Entwicklung angemessen begleiten zu können.
Fallbeispiel
Das Kind R. besuchte über einen Zeitraum von etwa zwei Jahren die Musiktherapie bei mir. Sein Therapieverlauf ist mir bis heute besonders eindrücklich in Erinnerung geblieben, da R. über eine außergewöhnliche musikalische Begabung verfügte: Er besaß absolutes Gehör und ein beeindruckendes auditives Gedächtnis. R. stammt aus einer rumänisch-moldawischen Familie und besuchte bis zu seiner Einschulung keine Kita, was seine soziale Integration erheblich erschwerte. Die Familie lebte zeitweise sehr isoliert. Zwar erkannte sie seine besondere Musikalität, konnte sie jedoch weder einordnen noch mit ihm teilen.
Bei Therapiebeginn lag bereits die gesicherte Diagnose eines frühkindlichen Autismus vor. R. zeigte in Überforderungssituationen typische Symptome von Dysregulation wie Schreien, Weinen und stereotype Gesänge – darunter Kinderlieder, Fernsehmelodien oder „London Bridge Is Falling Down“. Seine musikalischen Fähigkeiten nutzte er dabei offenbar auch, um sich gegenüber seiner Umwelt abzugrenzen und Distanz herzustellen.
Die ersten Sitzungen dauerten oft nur zehn bis fünfzehn Minuten, da ich sie aufgrund der starken Überreizung des Jungen beenden musste. Seiner Mutter war sein Verhalten sichtlich unangenehm. Ich hatte den Eindruck, dass sie sich für seine Auffälligkeiten in der Öffentlichkeit schämte. Sie versuchte, sein Verhalten bereits im Ansatz zu unterbinden. Über mehrere Wochen hinweg schufen wir in der Musiktherapie einen sicheren Rahmen, der ihr zunehmend ermöglichte, ihr eigenes impulsives Eingreifen zu reduzieren und ihrem Sohn mehr Raum zu geben.
Nach und nach bemerkte R., dass ich auf seine musikalischen Äußerungen einging. Ich begleitete seine Lieder oder griff Melodiefragmente auf, wenn sein Gesang kurz pausierte. Bald begann er, mir gezielt kurze Melodien vorzusingen und durch Blickkontakt zu signalisieren, dass ich sie nachspielen sollte. Gegen Ende der Therapie entwickelte sich daraus ein musikalischer Dialog. Wir konnten gemeinsam bekannte und improvisierte Lieder singen, die ich anbot – teilweise sogar mehrstimmig.
Vor zwei Jahren wurde R. in ein Förderzentrum mit dem Schwerpunkt „Geistige Entwicklung“ eingeschult. Die Fortschritte, die er in der interpersonellen Kommunikation während der Musiktherapie machte, ließen sich nur teilweise in den schulischen und familiären Alltag übertragen. Dennoch bin ich überzeugt, dass die zwei Jahre Musiktherapie für ihn von großem
Wert waren. Ebenso bedeutsam war die Erfahrung seiner Mutter, ihren Sohn in einer Beziehung zu erleben, die von Interesse, Wertschätzung und echtem musikalischem Austausch geprägt war – statt von Ablehnung oder Unverständnis.
Reflexion
Wenn ich an meine Studienzeit zurückdenke, verband uns angehende Musiktherapeutinnen vor allem die Erfahrung, dass Musik zwischenmenschliche Begegnung auf eine Weise ermöglicht, die sich kaum in Worte fassen oder messen lässt. Was unser therapeutisches Team heute aus meiner Sicht eint, ist die Überzeugung, dass wir nicht nur Entwicklungsstörungen behandeln, sondern Kinder und Familien in ihrem gesamten sozialen Entwicklungskontext begleiten. Wir erleben häufig, dass selbstverständliche Erfahrungsräume kindlicher Entwicklung – gemeinsames Spielen, Bewegen, Basteln, Malen oder Musizieren – fehlen und stattdessen Bildschirme zu den wichtigsten „Ansprechpartnern“ junger Kinder geworden sind. Im besten Fall gelingt es uns, Eltern dabei zu unterstützen, sich trotz eigener Belastungen auf neue Formen der Begegnung mit ihrem Kind einzulassen. Diese gemeinsamen Momente sind für mich die größte Motivation in einer ebenso komplexen wie freudvollen und sinnstiftenden Arbeit, die in den kommenden Jahren sicherlich nur relevanter wird.
Weitere Quellen
https://www.lebenshilfe-berlin.de/de/
kinder-jugendliche/spz/
https://www.dgspj.de/
Sara Wegen
Musiktherapeutin (M.A., DMtG). Nach Abschluss meines Bachelorstudiums in Gesang und Theater am Goshen College in Indiana (USA) absolvierte ich mein Masterstudium Musiktherapie 2020 an der Universität der Künste Berlin. Ich arbeite seit 2022 im KJA/SPZ Berlin Hellersdorf, unterstütze die Geschäftsstelle der Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft, spiele Geige und singe in verschiedenen Ensembles.
1 Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf von Berlin, Sozialbericht 2024, Berlin 2025, S. 19–20.
2 BSG Brandenburgische Stadterneuerungsgesellschaft mbH, Quartiersmanagement Boulevard Kastanienallee, o. J., https://www.bsgmbh.com/projekt/quartiersmanagement/boulevard-kastanienallee/ (abgerufen am 15 Juli 2026).
3 Karin Schumacher, Claudine Calvet und Silke Reimer, Das EBQ-Instrument und seine entwicklungspsychologischen Grundlagen.
