Musiktherapeutsicher Klinikspaziergang
„Von der Betäubung zur Wahrnehmung des Seins“
Martina Leipoldt-Döring
Seit 2010 arbeite ich in der Soteria-Klinik des Helios Park-Klinikums Leipzig. Sie wurde 1996 neu gebaut und hat sich auf die Behandlung von alkohol-, medikamenten- und/oder drogenabhängigen Patient:innen spezialisiert. Diese Klinik beherbergt eine Entgiftungs- und eine Rehabilitationsstation und behandelt Menschen mit einer stoffgebundenen Suchterkrankung. Ich bin als Musiktherapeutin im Rehabilitationsbereich tätig, wo Patient:innen ihre Langzeittherapie (12–22 Wochen) absolvieren. Die Soteria-Klinik („Soteria“ altgriechisch: Wohl, Heilung, Bewahrung, Rettung) ist in einer ruhigen, grünen Umgebung am südöstlichen Stadtrand in unmittelbarer Nähe zu anderen Kliniken des Helios Park-Klinikums gelegen.
Die Klinik kann ca. 154 Patient:innen aufnehmen. In ihr arbeiten zwei therapeutische Teams mit jeweils sechs bis Patientengruppen. Die Zugehörigkeit zu einer Patientengruppe, der Bezugsgruppe, und die Zusammenarbeit mit einer Co-Gruppe und deren dazugehörigen Gruppen- bzw. Co-Therapeuti:nnen sind die Grundlage der therapeutischen Zusammenarbeit und sorgen für die Integration der Patient:innen in der Klinik. Der Fachbereich der Musiktherapie ist seit Anbeginn ein therapeutischer Bestandteil der Soteria-Klinik. Ich arbeite an der Klinik in einem multiprofessionellen Team. Das multimodale Konzept und das Betrachten der Pathologie und des Wesens der Patient:innen von unterschiedlichen Seiten (ärztliche, psychotherapeutische, fachtherapiebezogene Betrachtungen) gehören zur essenziellen Grundlage unserer Zusammenarbeit. Wöchentliche Teamsitzungen, Morgenbesprechungen und Zusammenkünfte der Gruppentherapeut:innen und Mitarbeiter:innen der Fachbereiche Ergo-, Sport- und Musiktherapie sind feste Bestandteile unseres Wochenplans.
Die Soteria-Klinik verfolgt ein ganzheitliches Therapiekonzept, welches auf einem tiefenpsychologischen Krankheitsverständnis basiert. Der Therapieansatz ist gleichermaßen verhaltenstherapeutisch, systemisch und tiefenpsychologisch aufgestellt. Eine gründliche Auseinandersetzung mit der Lebens- und Suchtgeschichte sowie aktuellen Belastungssituationen und Konflikten soll helfen, die Funktionsweise von Suchtmitteln zu erkennen, um somit Veränderungen im Denken, Fühlen und Handeln anzustoßen und eine zufriedene Abstinenz zu erreichen.
Die Pathologie der Sucht
Hinter bzw. unter der Sucht liegen psychische Belastungen, Störungen und Krankheiten. Zu den Nebendiagnosen der Patient:innen zählen häufig Depressionen, ADHS, Angst- und Panikstörungen oder Zwangsstörungen. Das Klientel der Klinik hat sich in den letzten Jahren hinsichtlich der stoffgebundenen Abhängigkeiten und der individuellen Motivation der Patient:innen stark verändert. Es kommen zahlreiche junge Menschen mit einer Crystalabhängigkeit und haftnormierte Patient:innen in die Leipziger Suchtklinik. Crystal Meth ist eine sehr aggressive chemische Droge, die die Menschen nicht nur körperlich zeichnet, sondern auch die Merk- und Konzentrationsfähigkeit massiv einschränkt. Neben körperlichen Einschränkungen müssen Suchtpatient:innen wieder lernen, mit Gefühlen umzugehen. Negativ besetzte Gefühle wurden jahrelang durch den Konsum der Suchtmittel gedämpft, unterdrückt und verdrängt. Die Patient:innen sollten in der Therapie wieder ins Spüren, Wahrnehmen und Ausdrücken von Gefühlen kommen.
Musiktherapie im Setting der Bezugsgruppe
In den Musiktherapiestunden, die innerhalb der Bezugsgruppe (acht bis zwölf Patient:innen) für 70 Minuten im wöchentlichen Turnus stattfinden, geht es um das Verhalten und Erleben der jeweiligen Patient:innen. Zudem sollen Patient:innen dort abgeholt werden, wo sie gerade stehen.
Die Stunde startet mit einer verbalen Befindlichkeitsrunde, während der die Patient:innen die Möglichkeit und den Raum bekommen, sich selbst mit der momentan spürbaren gedanklichen, emotionalen und körperlichen Seite des Inneren zu zeigen. Nach der Befindlichkeitsrunde gibt es noch die Möglichkeit, Bezug zueinander in einer sog. „Resonanzrunde“ zu nehmen. Danach gebe ich musikalische Anregungen in die Gruppe, um zur Improvisation mit Instrumenten anzuregen. Dabei versuche ich das Gesagte einzubeziehen und im Verlauf der Stunde an genannten oder sich entwickelnden Themen der Patient:innen zu arbeiten. Die Improvisationen sind dabei Mittel zum Zweck, am Verhalten und Erleben der Patient:innen anzusetzen und sich bestimmter Dynamiken in der Gruppe, der Kontaktgestaltung, der Beziehungs- und Wahrnehmungsfähigkeit bewusst zu werden. Meistens tauchen in den Improvisationen individuelle Themen, aber auch ein Ausdruck von Nähe und Distanz, Abwehr, Rollenflexibilität oder Kooperation durch das gemeinsame Handeln auf, die im verbalen Austausch in den Reflexionsrunden beschrieben und bewusst gemacht werden können.
Musiktherapie als indikatives Gruppenangebot
Die indikativen Angebote sind feste wöchentliche Bestandteile des Therapieplans. Als Musiktherapeutin der DMVS, nach dem Konzept von Christoph Schwabe, bin ich vertraut mit der „Regulativen Musiktherapie“ (RMT) und sehe die Möglichkeit, eine rezeptive Form der Musiktherapie anzubieten, als große Bereicherung und Chance an. RMT setzt an der Wahrnehmung an und ist als Begegnung mit dem eigenen Selbst und dem Außen zu verstehen. Beim Hören von Musik (europäischer Instrumental- und Konzertmusik von 1750 bis heute) können sich Patient:innen auf drei Ebenen bewusst werden über Gedanken, Gefühle, Stimmungen und Erinnerungen; momentane Körperwahrnehmungen; Wahrnehmungen der äußeren Realität bzw. der Musik. Durch eine offene und wahrnehmende Haltung gelangen Klient:innen somit zu verschütteten und verdrängten Erlebnisinhalten, denen sie sich innerhalb des therapeutischen Prozesses zuwenden können. Innerhalb der Übungen gibt es die Möglichkeit, die eigene Wahrnehmung zwischen dem Außen und dem Innen hin und her pendeln zu lassen. Der äußere Wahrnehmungsbereich umfasst die Musik und Reize bzw. Geräusche, die von der Gruppe oder dem umgebenden Raum kommen. In der anschließenden Wahrnehmungsbeschreibung nach dem rezeptiven Angebot können die Gruppenmitglieder und diese Vorgänge der Selbstbegegnung und der Begegnung mit dem Außen verbalisieren. Auch Abwehr gegen das Zulassen von Wahrnehmungen oder das Nicht-Können sowie Nicht-Wollen werden in diesem Prozess deutlich.
Ein anderer indikativer Bereich sind die ressourcenorientierten Angebote der Musiktherapie, die projektbezogen je nach Bedarf eingebettet werden. Dazu zählen Musik- oder Bandprojekte, ein Gitarren-Lernkurs oder Angebote zum Freien Musizieren sowie Singen. Diese musiktherapeutischen Therapieeinheiten haben zumeist auch pädagogische Ansätze und sollen Fertigkeiten der Patient:innen fördern, damit neue oder verschüttete Fähigkeiten und Ressourcen wieder entdeckt werden und sich weiterentwickeln können. Daraus entstehen zumeist auch Ideen für neue Hobbys und die Möglichkeit einer aktiven Freizeitgestaltung, welche die Patient:innen auch nach der Therapie weiter verfolgen können.
Meine Haltung und mein Anliegen in der musiktherapeutischen Arbeit
In den Musiktherapiestunden möchte ich einen Raum der Offenheit, Wertfreiheit und Neugierde herstellen. Die Stunde ist in gewisser Weise unvorhersehbar sowohl im Verlauf und als auch der entstehenden Dynamik. Hierbei ist immer abzuwägen, wie viel Freiraum und Unvorhersehbarkeit eine Gruppe verträgt und aushalten kann bzw. wie viel Struktur und Halt benötigt wird, um in der Gruppe handlungsfähig zu sein.
In der Befindlichkeitsrunde, zu Beginn einer jeden Stunde, geht es um das Mitteilen des eigenen Befindens, welches sich aus gedanklichen, emotionalen und körperlichen Aspekten speist. Das unkommentierte Wahrnehmen, aber Resonieren mit dem/der Sprechenden ist ein Prinzip des Councils, welches ich verfolge, um jedem Gruppenmitglied den Raum und die notwendige Zeit zu geben, sich zu äußern. Hier wird ein Grundstein für Offenheit, respektvollen Umgang, Authentizität und gleichwertige Kommunikation gelegt. Somit können Themen aus der Befindlichkeitsrunde genutzt werden, um die Instrumentalimprovisationen anzuregen.
Beispiel: In der Befindlichkeitsrunde wird viel von Unzufriedenheit, Ärger, Frust und inneren Spannungen geredet. Die Patient:innen bekommen die Möglichkeit, diesen Empfindungen und Gefühlen beim Spielen nachzugehen und inneren Impulsen durch das Spiel von Schlaginstrumenten (z.B. Trommeln, große Bass-Schlitztrommel, Percussionsinstrumente) nachzugehen. Nach dem Motto: „Spiel den Ärger raus und drücke ihn aus!“ Im Verlauf der Stunde geht es durch den Ausdruck von Spannungen und dem Nutzen des Spiels als Ventil von Spannungen und inneren Impulsen (kathartische Wirkung) auch ums Loslassen und eine innere Regulation.
Innerhalb der Instrumentalimprovisation nach dem Konzept nach Schwabe geht es um die drei sog. Handlungsfelder, die die Möglichkeiten von Erlebnis-, Verhaltens-, und Aktivitätsbereichen der Musiktherapie verdeutlichen: das sozial-interaktionelle, das wahrnehmungspsychologische und das individuell-kreative Handlungsfeld.
Die Instrumentalimprovisation ermöglicht den Teilnehmenden, eigene Emotionen, Gedanken und innere Zustände zu erforschen und auszudrücken. Sie dient der Förderung von Selbstbewusstsein und der Entwicklung eines positiven Selbstbildes. Im Rahmen der Improvisation treten die Teilnehmenden miteinander in Kontakt, lernen zuzuhören, aufeinander einzugehen und gemeinsam musikalische Dialoge zu gestalten. Dies fördert soziale Kompetenzen wie Empathie, Rücksichtnahme und Konfliktfähigkeit. Die gemeinsame Improvisation schafft ein Gefühl von Zugehörigkeit und Gemeinschaft. Sie stärkt den Gruppenzusammenhalt und ermöglicht es den Teilnehmenden, sich als ein Teil des Ganzen zu erleben. Die Gruppe wird dabei als soziales Laboratorium verstanden, in der es ganz unterschiedliche subjektive Wahrnehmungen gibt und welche ein Übungsfeld für jeden Einzelnen darstellt. Die Improvisationen sind gleichermaßen Kommunikations- und Ausdrucksmittel eines Gruppenprozesses, welcher ein wichtiges therapeutisches Instrument meiner Arbeit darstellt.
Ich sehe mich in der Klinik als Impulsgeberin, den nonverbalen Ausdruck als einen besonderen Prozess des Innehaltens anzuregen, dabei aber auch die Möglichkeit zur Kontaktaufnahme über das eigene Ich mit der Gruppe zu bieten. Die Musik transportiert dabei Emotionen, die den Teilnehmenden bewusster erlebbar gemacht werden. Sie kann Projektionsfläche der individuell spürbaren Themen, sowie Ausdrucks- und Kommunikationsmittel sein oder als Ventil von Gefühlen genutzt werden. Während gespielt wird, kann gefühlt, gespürt, gedacht, ausgedrückt und interagiert werden. Was gerade im Inneren da ist, wahrnehmen und zulassen zu lernen, ist eine sich verändernde, lebensbereichsübergreifende Haltung der Patient:innen, um die es in jeder Musiktherapie-Stunde geht. Die Wiedererlangung von Handlungsfähigkeit und Selbstwirksamkeit anstatt durch die Sucht in Vermeidung und Verdrängung zu versinken, sind essentielle Anliegen der handlungsorientierten Therapien. Dadurch können Abhängigkeiten unterbrochen und Beziehungs- und Konfliktfähigkeit gestärkt werden.
Martina Leipoldt-Döring
Mag. Musikwissenschaften/Kunstgeschichte. Musiktherapeutin der DMVS. Seit 2010 in der Soteria-Klinik und der PIAE im Helios Park-Klinikum Leipzig tätig. Mitarbeiterin und Leiterin von Singkreisen und Stimmworkshops der Wildnisschule Aeracura Leipzig.
