Praxisvorstellung
Zwischen Vielfalt und Versagen – meine Erfahrung mit DIS und Musiktherapie
Nicolas Bauer
Einleitung
Als ich das erste Mal mit der dissoziativen Identitätsstörung (DIS) in Berührung kam, hatte ich keine Vorstellung vom Ausmaß dieser „Störung“. Das Konzept multipler Persönlichkeiten kannte ich aus Filmen, mir war aber nicht klar, dass sich die Therapie mit diesen so besonderen Menschen tatsächlich „wie im Film“ anfühlen würde.
Heute, viele Jahre und dutzende Therapiestunden mit DIS-Patienten später, hat sich meine erste Überraschung gelegt. Mit der Zeit entwickelte sich aus den therapeutischen Begegnungen die Idee für das Projekt „DIS und Musiktherapie“. Zwei Impulse trafen zur richtigen Zeit aufeinander: Einerseits lief die Therapie-Finanzierung meiner DIS-Patienten über den „Fonds Sexueller Missbrauch“ aus, sodass diese nach jahrelanger Begleitung keine Möglichkeit mehr hatten, die Therapie weiterzuführen. Andererseits wurde ich auf die „Stiftung Atemwege“ aufmerksam, die unter anderem musiktherapeutische Projekte fördert. Nach Einreichen meines Projektentwurfs erhielt ich die Zusage für eine Förderung von 100 Therapiestunden.
Von August 2024 bis April 2025 fand das Projekt in meiner privaten Praxis statt. Ziel war es, die Potenziale der Musiktherapie für Menschen mit DIS zu erforschen und gleichzeitig Betroffenen eine kostenlose Therapie zu ermöglichen. Der Aufbau bestand aus einer wöchentlichen Gruppentherapie mit vier Teilnehmern sowie individuell geplanten Einzelsitzungen. Jede Therapieeinheit dauerte 100 Minuten.
Was ist DIS?
Die dissoziative Identitätsstörung ist durch das Vorhandensein von zwei oder mehr unterscheidbaren Identitäten oder Persönlichkeitszuständen gekennzeichnet. Diese Anteile übernehmen oft vollständig die Kontrolle über das Bewusstsein, wodurch es zu Amnesien kommen kann. Die DIS entsteht durch schweres wiederholtes Trauma im frühen Kindesalter (vor dem sechsten Lebensjahr). Zum Schutz spaltet sich die Psyche in verschiedene Teile auf, die oft keine bewusste Verbindung zueinander haben. Dies führt zu innerer Abgrenzung und extremen Identitätswechseln.
Musiktherapie als Brücke zwischen den Anteilen
Müsste ich die Wirkung von Musiktherapie auf Menschen mit DIS in einem Wort zusammenfassen, wäre es „Kommunikation“. Spaltung bedeutet Abgrenzung, manchmal so drastisch, dass einzelne Persönlichkeitsanteile nichts voneinander wissen. Musik kann diese Lücken zwar nicht vollständig schließen, aber sie ermöglicht den inneren Anteilen, sich zu stärken und miteinander in Kontakt zu treten.
Fallbeispiel 1: Tina – „Jetzt bin ich mal dran“
Folgendes Fallbeispiel verdeutlicht einen solchen Vorgang:
Die 13-jährige Tina, ein Anteil einer ca. 50-jährigen Frau, fühlte sich im Inneren nicht gehört und kaum ernstgenommen. Diese Innenwelt bestand aus zehn inneren Anteilen (männlich und weiblich, Altersspanne zwischen 2 und 50 Jahren), welche untereinander in komplexen sozialen Gebilden verbunden waren. Tina hatte die Aufgabe als Jugendliche, die noch jüngeren Anteile im System zu schützen. Dies hatte zur Folge, dass sie sich kaum noch um sich selbst kümmerte und fast vollständig in eine Selbstaufgabe rutschte. In der MT entdeckte sie das Klavier und die Improvisation für sich. Ich erlebte den Wechsel vom Gesprächs-Setting zum Klavier als einen direkten positiven Trigger für die kleine Tina, die im Inneren wohl zuhörte: Unmittelbar nach dem Start der gemeinsamen Improvisation auf dem Klavier übernahm sie hier jedes Mal das Bewusstsein und bediente das Klavier mit großer Freude.
In einer der Improvisationen ging es um ihr Thema: „Ich werde nicht gehört“. Sie beschrieb mir ihre Gefühle von Trauer und Niedergeschlagenheit, aber auch von Wut. Dieses Wut-Element wollte ich in ihr gerne stärken und wir wählten gemeinsam einen Satz: „Jetzt bin ich mal dran“, um ihn dann auf dem Klavier zu vertonen und zu festigen.
Um die Wut und den damit verbundenen Wunsch, öfter „nach vorne“ kommen zu dürfen zu verdeutlichen, schrieb sie in das gemeinsame Buch der Anteile mit dessen Hilfe diese untereinander kommunizieren. Sie formulierte ihren Wunsch klar in Richtung der anderen Anteile und diese konnten von da an verstehen, was Tina fehlte und auf ihre Bedürfnisse eingehen. Das bedeutete beispielsweise, dass sie im Alltag öfter die Möglichkeit zugesprochen bekam, auf einer Kalimba zu spielen, was Tina Freude bereitete und gleichsam Druck aus dem Gesamtsystem nahm.
Dieses Beispiel zeigt: Innere Kommunikation bei DIS-Patienten funktioniert ähnlich wie zwischen Menschen im Außen – nur oft versteckter und unbewusster. Die Musik spielte hierbei folgende Rollen:
–– Spiegel der eigenen Emotionen (von Tina)
–– Stärkung durch die Vertonung der „neuen“ Emotion (Wut)
–– Element der Unabhängigkeit durch das Instrument („jetzt werde ICH gehört!“)
Fallbeispiel 2: Theo – Weder schwarz noch weiß!
Im gleichen „DIS-System“ lebt auch der ca. 16-jährige Theo. Sein Auftreten in den Therapien kann als pubertär und „obercool“ beschrieben werden. So gibt dieser Anteil sich mir gegenüber stets so, als könne ihn überhaupt nichts beeindrucken, beängstigen oder überhaupt interessieren. Seine Haltung zu den anderen Anteilen ist extrem negativ gefärbt und von einem absoluten Schwarz-Weiß-Muster geprägt, von dem ich denke, dass es täterinduziert ist. Er unterteilt Menschen ausschließlich in Täter und Opfer, wobei er sich selbstverständlich zu den Tätern zählt (als Täter schützt man den Status Quo, die echten Täter und sich selbst vor Gefühlen von Ohnmacht und Hilflosigkeit).
Nun kam durch die Musiktherapie die Möglichkeit in Theos Welt, Instrumente kennenzulernen. Sehr schnell wurde klar, dass er sich sehr für die Trommel begeisterte – was auch prinzipiell sehr gut zu einem pubertierenden, wütenden und eher orientierungslosen Jungen passt. Hierbei stellte sich auch Theos Rhythmustalent und eine gewisse positive Verbissenheit und Ehrgeiz in Bezug auf das Erlernen neuer Rhythmen heraus. Im gemeinsamen Spiel auf der Trommel und in der hierbei entstehenden Lehrer-Schüler-Dynamik zeigte sich Theo das erste Mal offen, neugierig und sogar lachend – was er natürlich stets zu kaschieren versuchte. Als ich Theo eines Tages dabei beobachtete, wie er konzentriert auf die Trommel schlug und offensichtlich Freude dabei verspürte, wurde mir deutlich: In diesem Moment ist Theo weder Opfer noch Täter. In diesem Moment der Musik, der Konzentration und Hingabe an das Erlernen dieser Rhythmen konnte etwas Drittes entstehen, das weder schwarz noch weiß war. Ich stellte Theo auch genau diese Frage: „Wenn Du trommelst, bist Du dann Täter oder Opfer?“ Seine Antwort ist er mir bis heute schuldig geblieben, aber es war eindeutig zu spüren, wie diese Frage im besten Sinne an seinem Weltbild rüttelt.
Auch der 50-jährigen „Alltagsperson“ erzählte ich diese Geschichte im Nachhinein und wies in unseren Treffen immer wieder auf diesen Aspekt der Auflösung von schwarz und weiß mithilfe der Musik hin. Diese Geschichte zeigt auch, dass jeder noch so „dunkle“ und negativ geprägte Anteil in DIS-Personen einen Kern hat, der das Gute kennt und es eigentlich auch verkörpern möchte.
Musiktherapie als Erfahrungsraum für neue Rollen
Beide Beispiele zeigen, dass Musiktherapie kindlichen Anteilen ermöglicht, positive soziale Erfahrungen zu machen. Viele dieser Anteile sind so stark in Täter-Programmierungen verankert, dass sie kaum eine Vorstellung von der Welt außerhalb ihrer Rolle haben; schon gar nicht kennen sie positive Begegnungen mit anderen Menschen.
Wenn es gelingt, eine musikalische Interaktion zu schaffen, kann ein solcher Anteil erstmals erleben, einfach „da sein zu dürfen“. Es geht dann oft weniger darum, konkrete Ziele zu erreichen, sondern darum, Raum für Kontakt und Beziehung zu schaffen. Der Therapeut tut hier gut daran, den eigenen therapeutischen Anspruch niedrig zu halten – eine Haltung, die verhindert, in einen übermäßigen Retter-Modus zu verfallen.
Während sich andere musiktherapeutische Methoden klaren funktionalen Zielen widmen (z. B. die Wiederherstellung von Sprache oder Bewegungsfähigkeit), lässt sich Fortschritt im innerseelischen Bereich nicht objektiv messen (und schon gar nicht in so einem komplexen wie dem der DISSysteme). Doch gerade hier liegt eine besondere Stärke der Musiktherapie: Sie schafft Erfahrungen jenseits von Sprache und konventionellen Diagnosesystemen und eröffnet neue Möglichkeiten der Selbstwahrnehmung und des inneren Dialogs.
Fazit
Die musiktherapeutische Arbeit mit DIS-Patienten war für mich als Therapeut eine riesige Bereicherung. Wichtigstes Learning aus der Arbeit in der Gruppe: Atmosphäre und Beziehung sind wichtiger als Pläne und Methoden. Zu Anfang wollte ich es „allen recht machen“ und möglichst für jeden Moment die richtige Methode parat haben. Irgendwann wurde mir klar, dass die geschaffene Atmosphäre und die Beziehung der Einzelnen untereinander, sowie zwischen mir und den Teilnehmern deutlich wichtiger ist als alle darauf aufbauenden Inhalte. Auch habe ich gelernt, dass solche Räume keine triggerfreien Zonen sein können, dass immer wieder Trigger auftreten und bestimmte Personen innerhalb der Gruppe auch „schlechte Tage“ haben dürfen. Die größte therapeutische Kompetenz liegt meiner Meinung nach darin, Stimmungen (aus-)halten zu können und den gemeinsamen Raum zwar sicher, aber trotzdem lebendig zu gestalten.
Im Folgenden habe ich einige wichtige Fragen, die in Bezug auf die Musiktherapie bei DIS auftauchen könnten gesammelt, und diese aus meiner persönlichen Sicht beantwortet.
FAQ für Musiktherapeuten
Wie gehe ich damit um, wenn während einer Sitzung verschiedene Persönlichkeitsanteile auftauchen?
In jedem Fall solltest du den jeweiligen Anteil individuell ansprechen. Wenn sich beispielsweise innerhalb einer Einheit mit einer 40-jährigen Frau auf einmal (z.B. durch die Musik ausgelöst) eine andere Persönlichkeit „nach vorne“ schiebt, die männlich und fünf Jahre alt ist, solltest du diesem Kind auch entsprechend begegnen. Das könnte z. B. im klinischen Kontext das Problem von „Sie“ und „Du“ aufwerfen – ich bin hierbei aber der Meinung, dass es ganz einfach unangemessen wäre ein Kind zu Siezen. Eine solche Situation bietet für das Innenleben der Patientin eine große Chance: Innere Anteile, die sonst wenig oder gar nicht gesehen werden, oder denen im System sogar eine absolut negative Rolle zugewiesen ist, dürfen jetzt bewusst werden und einfach sein. Aus meiner Sicht ist es unsere Aufgabe, diese Innenpersonen möglichst authentisch, intuitiv und echt zu „empfangen“ und ihnen ein friedliches Erlebnis im „Draußen“ zu bieten. Dabei können folgende Tipps hilfreich sein:
1. Nimm die Innenperson ernst!
Bei einem Anteilswechsel tritt tatsächlich eine völlig andere Person in den Außenraum. Dabei kann es sein, dass sie diesen (Therapie-)Raum überhaupt nicht kennt, der Therapeut ihm unbekannt ist und er sich erst einmal orientieren muss. Mit Offenheit, echtem Interesse und körperlicher Verankerung (Atmen!) kannst Du der Person dann helfen sich zu orientieren.
2. Begegne ihr mit Respekt und Offenheit!
So manche Innenperson ist dir vielleicht nicht sympathisch oder begegnet dir misstrauisch oder unfreundlich. Versuche hier genau so freundlich, offen und interessiert auf sie zuzugehen wie du es mit jenen Anteilen tust, die du ins Herz geschlossen hast.
3. Erwarte nichts!
Diese neue Situation löst in dir vielleicht den Gedanken aus, dass jetzt die Chance besteht, etwas im Inneren zu verändern. Die Innenperson kommt allerdings aus einer ganz anderen Welt und weiß womöglich auch nicht, was sie nun tun kann oder will. Gib ihr Zeit und Raum zur Orientierung. Stelle Fragen und mache (musikalische) Angebote. Die besten Gespräche und/oder musikalischen Ereignisse ergeben sich, wenn die entsprechende Atmosphäre hergestellt wurde.
Ist Gruppentherapie bei dieser Personengruppe die richtige Wahl?
Eine Gruppe mit mehreren multiplen Persönlichkeiten anzuleiten ist auf der einen Seite eine große Herausforderung und bietet auf der anderen Seite große Chancen für gemeinsames Wachstum. Als Hürde erlebte ich z. B. die Angst und Scham vor unkontrollierbaren Anteilswechseln der Teilnehmer. Obwohl dies alle gleichsam betrifft, was die Scham relativieren sollte, überwog hier häufig doch die Angst vor dem Kontrollverlust (was von außen betrachtet mehr als verständlich ist). Auf der anderen Seite bietet die Gruppe einen Raum, der das Konzept der „Leidensgenossen“ im Besten Sinne verkörpert. Ähnliche Probleme, Symptome und Geschichten sorgen dafür, dass sich die Teilnehmer untereinander besser verstehen, stärken und unterstützen können. Ich erlebte die Solidarität unter den Teilnehmern als sehr stark und gleichzeitig sehr subtil: viele Dinge scheinen untereinander gar nicht explizit ausgesprochen werden zu müssen, man versteht sich quasi „ohne Worte“, weil man eine ähnliche Leidensgeschichte hat.
Was tue ich, wenn ein Anteil sich zeigt, aber nicht bereit ist, an der Sitzung aktiv teilzunehmen? Sollte der Therapeut dieses „Nicht-Teilnehmen“ respektieren oder versuchen, es zu öffnen?
Meine Erfahrung zeigt, dass auch destruktive Anteile sich öffnen können und bereit sind zu kommunizieren, wenn wir ihnen mit dem gleichen Respekt und Interesse begegnen wie den „sympathischen“ Anteilen. Erst einmal im Raum ankommen zu dürfen, sich zu orientieren und in Kontakt mit dem Therapeuten zu gehen bedeutet ja häufig schon viel Arbeit an sich. Fight-Reaktionen wie Vermeidung oder Aggression oder Flight-Reaktionen wie Panik, Angst und Flucht lösen sich meiner Erfahrung durch Ruhe und Verständnis.
Wie kann ich verhindern, dass ich mich als Therapeut zu stark mit einem Anteil identifiziere und so die Grenze zur Übertragung überschreite?
Betrachte bei Deinen „Lieblingsanteilen“ die kritischen Seiten und bei den „Unsympathen“ die Positiven. Frage Dich, von welchem Anteil Du was lernen kannst. Ideal wäre es, jedem Anteil den gleichen Raum anzubieten und jedem mit der gleichen Offenheit zu begegnen; ganz unabhängig von Sympathie oder Antipathie.
Welche Rolle spielt die Struktur der Sitzungen? Sollte ich flexibel bleiben, wenn jemand plötzlich „wechselt“, oder ist es besser, eine strikte Struktur beizubehalten?
Eine strikte Struktur beizubehalten, obwohl sich ein Anteilswechsel vollzogen hat, kann bei dem neuen Anteil eine Art von Enge und Unbehagen auslösen. Diese „neue“ Person kommt ja potenziell aus dem Innenleben, welches mit der aktuell äußeren Realität gar nichts zu tun hat. Deshalb ist es ratsam, hier so flexibel wie möglich zu bleiben und die nach vorne getretene Person wie eine wirklich neue Person zu empfangen. Das bedeutet auch, dass ich sie begrüße (evtl. mit Namen), frage, ob sie die Umgebung kennt (außer ich weiß es schon) und langsam und einfühlsam mit der Person warm werde. Oft zeigt sich dann relativ schnell, was diese Person gerne machen möchte und im Zweifel kann einfach gefragt werden.
Danksagung
Ein ganz besonderer Dank geht an Frau Dr. med. Lieselotte Dreusicke, die als Musiktherapeutin und Zustifterin der Stiftung Atemwege dieses Projekt überhaupt erst möglich gemacht hat. Auch der Stiftung selbst möchte ich hiermit meinen herzlichsten Dank aussprechen. An die mutigen Teilnehmer des Projektes: Von Euch darf die Welt lernen.
Nicolas Bauer
Heilpraktiker für Psychotherapie, Musiktherapeut (M.A.) und Buteyko-Coach. Studium der Musikerziehung (B.A.) sowie Musiktherapie für Menschen mit Demenz und Behinderung (M.A.). Heilerlaubnis Psychotherapie seit 2020, Weiterbildung zum Atemtherapeuten.
Bis 2022 Musiktherapeut im AMEOSKlinikum Osnabrück. Seit 2023 eigene Praxis für Psychotherapie und Musiktherapie in Osnabrück. Schwerpunkte: ADHS, Trauma und Nervensystem. Seit November 2024 Host des Podcasts „ADHS positiv“.
