Zum Mitmachen
Kleine Hilfen mit Atem, Bewegung und Stimme
Sabine Rittner
Nachnährendes Tönen im gemeinsamen Körper-Klang-Kugel-Raum
Heute möchte ich Sie verlocken zu einer wohltuenden Erfahrung im achtsamen Stimm-Körperkontakt zu zweit. Diese Sequenz kann – je nach Kontext – auf verschiedenen Tiefungsebenen eingesetzt werden: sowohl spielerisch-übungszentriert als auch selbsterfahrungs-erlebniszentriert oder aber psychotherapeutisch-konfliktzentriert.
Frühe Entwicklungsstörungen und Spiegelungsdefizite gehen häufig mit einem tiefen, unbenennbaren Lebens-Grundgefühl von Mangel, Verlorenheit, Sich-nicht-gemeint-Fühlen einher. Kurz gefasst: mit einem Mangel an Verbundenheit. Die körperorientierte Musikpsychotherapie, wie ich meinen therapeutischen Ansatz nenne, hat hier eines ihrer wichtigsten Einsatzfelder: das Nachnähren von prä- und postverbalen Defiziten über neuronale Neubahnung durch korrigierende Neuerfahrungen. Und ja, das alte Konzept des „Nachnährens“ halte ich – zeitgemäß adaptiert – für nach wie vor relevant, sofern es gelingt, das Damals mit dem Heute und dem Zukünftigen über die mit allen Sinnen durchlebte Erfahrung in therapeutischer Trance im parasympathischen Nervensystem neu zu verknüpfen. Und hier lassen Sie uns nun in das Erleben einsteigen.
Was Sie benötigen:
– einen geschützten Raum
– eine:n Übungs-Partner:in im Kontext einer Gruppe
– mindestens 70 Minuten Zeit
– eine kleine, wohltönende Klangkugel
– falls vorhanden (Bezugsquelle siehe am Ende des Beitrags)
– je Übungs-Paar eine Matte, Decke, Kissen, ggf. auch zwei Hocker
Vorbereitung: Dauer mind. 10–15 Min.
– Während die Gruppe den Ablauf des ersten Teiles der Sequenz erklärt bekommt, hat es sich bewährt, eine kleine, wohlklingende Klangkugel herumzugeben, so dass die Teilnehmer:innen über diese zarte, sinnliche Klangerfahrung in ihren Händen ein metaphorisches „seeding“ erfahren, sich einstimmen. Häufig löst dies sinnliche Neugier und Freude aus.
– Mit einer Person wird nun eine kurze Demo (nur!) des ersten Teiles gemacht, dabei werden die Art und Qualität der Berührungen und „Körper-Klangkugel“-Erkundungen über den Rücken gezeigt und erklärt.
– Die Partner bereiten ihren Platz mit einer Matte vor und sprechen sich ab, wer am Beginn empfangende und wer gebende Person ist. Die Körperposition der empfangenden Person ahmt eine Kugel nach, indem diese sich am Boden auf den Unterschenkeln sitzend nach vorne einrollt. Dabei liegen die Arme neben dem Körper nach hinten gelegt, der Kopf liegt mit der Stirn am Boden auf (auch „Embryonalhaltung“ genannt).
– Die empfangende Person bereitet ihre „eingekugelte“ Körperposition mit Unterstützung der/des
Partner:in und mit Hilfe der zur Verfügung stehenden Decken und Kissen so vor, dass sie diese Position über ca. 10–15 Minuten auf angenehme Weise beibehalten kann. Beispielsweise kann der Brustkorb mit Hilfe einer gerollten Decke unterstützt werden oder die Arme können nach vorne etwas erhöht auf zwei Kissen abgelegt werden. Wenn es am Boden überhaupt nicht geht, so kann auch auf einem Hocker sitzend eine nach vorne rund eingerollte Sitzposition eingenommen werden (ähnlich dem „Kutschersitz“ beim Autogenen Training). Für dieses Finden einer angenehmen, regressiven „Kugel-Position“ sollte ausreichend Zeit gegeben werden.
Erster Teil: Dauer ca. 5 Minuten
– Die gebende Person setzt sich auf Höhe des Beckens des Partners/der Partnerin und stimmt sich ein. Dazu öffnet sie/er nun über sich selbst das 8. Chakra, das sich oberhalb des Kopfes befindet. Es handelt sich hierbei um eine Energiequelle, die sozusagen heilsame Urinformation über uns enthält. Dazu visualisiert sie/er einen strahlenden Lichtball etwa 30–40 cm über dem Scheitelpunkt, dem Kronenchakra, legt nun die Handflächen vor dem Herzbereich zusammen und lässt diese mit dem nächsten Einatem aufsteigen bis über dem Kopf, mitten in den imaginierten Lichtball hinein. Daraufhin öffnet er/sie im Ausatem die Handflächen nach außen und zieht um sich herum eine Lichthülle bis zu den Füßen hinab. In der nächsten Atemphase schließt sie/er den empfangenden Partner/die Partnerin in der Wiederholung dieser Energiebewegung mit ein in eine gemeinsame Lichthülle. Diese energetische Einstimmung schafft einen geschützten, liebevollen Energieraum und verhindert zu viel Aktionismus vor dem Beginn des Körperkontaktes. Meist spürt die/der bereits eingerollte Partnerin/Partner intuitiv die deutliche Veränderung in der Beziehungsqualität.
– Nun nimmt die gebende Person Kontakt auf, indem sie ihre Hände in Höhe des Beckens rechts und links neben die Wirbelsäule der Partnerin/des Partners legt und deren Atembewegung in den Händen wahrnimmt.
– Klopfmassage:
Die Finger in Pfötchenhaltung zusammengelegt, so dass eine Höhlung in der Handfläche entsteht,
lässt sie/er nun die Hände locker auf den unteren Rücken des Partners/der Partnerin fallen. Dabei
wandern die Hände auf einer Seite der Wirbelsäule mit einem sanft belebenden, gleichmäßigen Klopfen von der Wirbelsäule aus zur Flanke hinunter und wieder zurück. Danach eine Handbreit weiter nach oben. Auf diese Weise beklopfen die Hände den Rücken des PartBerühners/der Partnerin bis hinauf zu den Schultern. Dort die Seite wechseln und über die Schulter an der anderen Rückenseite wiederum in Schichten hinunter wandern bis zurück zum Becken. Dann kommen die Hände dort zur Ruhe.
– Wichtige Hinweise:
Die Hände fallen rechts-links abwechselnd locker herunter, die Arme sind dabei entspannt. Es findet
kein kraftvolles „Betrommeln“ statt, sondern eine sanfte, belebende Klopfmassage. Dabei ändert die
gebende Person immer wieder ihre Hock- oder Sitzposition, um bequem und ohne jede Anstrengung
mit den Händen über den Rücken der empfangenden Person wandern zu können. Beide Partner sollen
diese Klopfmassage-Begegnung genießen können!
Es wird nie direkt auf die Wirbelsäule geklopft, sondern immer daneben.
Und: Die empfangende Person kann selbstverständlich jederzeit nonverbal Rückmeldung geben, ob das Beklopfen sanfter oder kräftiger ausgeführt werden soll.
Zweiter Teil: Dauer ca. 10 Minuten
– Die empfangende Person beginnt nun leise und mühelos in ihren Rücken hinein zu brummen, zu summen, zu tönen. Die gebende Person erkundet dabei mit den Handflächen die Vibrationen im Rücken des Partners/der Partnerin, indem sie/er neugierig auf Entdeckung geht: Wo ist mehr Vibration zu spüren, wo weniger? Was ändert sich, wenn die tönend eingekugelte Person die Tonhöhe verändert? Wie verlockt die Berührung der Hände die tönende „Klangkugel“ dazu, immer runder, immer klangvoller zu werden?
– Sofern genügend Vertrauen vorhanden ist, kann die gebende Person auch mal ein Ohr auf den Rücken der Partnerin/des Partners auflegen und die tönende „Klangkugel“ staunend erkunden. Auf diese Weise wird die zuvor gebende Person nun rezeptiv und empfangend, ohne irgendetwas zu bewerten.
– Es ist auch möglich, dass der gebende Partner/die Partnerin ins Tönen mit einstimmt, so dass sich nun beide Partner tönend an der Berührungsstelle der Hände begegnen und das Geben und das Empfangen sich aufheben.
– Als Zeichen, dass diese Phase beendet ist, lässt die gebende Person ihre Hände wieder auf dem Becken der Partnerin/des Partners zur Ruhe kommen. Das Tönen klingt aus.
– Für das sich wieder Aufrollen der empfangenden Person assistiert die/der Gebende mit zwei Fingern, die langsam und an das Tempo des Entrollens angepasst vom Becken her die Wirbelsäule hinauf wandern.
– Während die empfangende Person wieder ankommt, schließt die gebende Person die gemeinsame
Energiehülle, indem er/sie mit gestreckten Armen die Hände seitlich am Körper mit den Handflächen
nach außen hinaufhebt bis über den Kopf in den Energieball des 8. Chakra hinein – so, als würden
sich Flügel wieder zusammenfalten. Mit einer abschließenden Geste der Hände, die vor dem eigenen
Körper hinabgleiten, kann sie sich aus dieser unerschöpflichen Licht- und Informationsquelle am Schluss selbst nähren, stärken, aufladen, frische Energie in den eigenen Körper hinuntergleiten lassen.
Wechsel: Dauer ca. 20 Min.
Die Partner wechseln jetzt die Rollen und wiederholen die Vorbereitung der Lagerung, sowie den ersten und den zweiten Teil miteinander.
Dritter Teil: Dauer ca. 10 Minuten
– Ohne zu sprechen setzen sich beide Partner (am Boden, auf je einem Sitzkissen oder auf zwei Hockern) Rücken an Rücken. In ihre Rücken hinein tönend erweitern sie die Klangkugel zu einem gemeinsamen, großen Klang-Kugel-Raum.
– Dabei können sanfte, gemeinsame Bewegungen über die Rückenbegegnung entstehen – jedoch ohne sich miteinander auszutoben. Hier geht es mehr um ein Spür-Lauschen in einer gemeinsamen Klang-Körper-Trance-Erfahrung. Dabei kann manchmal auch abwechselnd getönt werden, um die feinen Vibrationen der verschiedenen Tonhöhen an verschiedenen Kontaktstellen im Rücken des Partners/der Partnerin, um den gemeinsamen Klangberührungs-Raum intensiver wahrnehmen zu können.
Vierter Teil: Dauer ca. 10 Minuten
Die gesamte Gruppe liegt auf Matten auf dem Rücken sternförmig am Boden, die Köpfe in die Mitte. Alle berühren sich links und rechts an den Schultern/Oberarmen. Gemeinsam wird nun in der großen, gemeinsamen, raumfüllenden „Klangkugel“ getönt, gesungen, häufig gegen Ende auch gespielt und gelacht…
Bezugsquelle
für eine wohltönende „Elfenklangkugel“ (in verschiedenen Größen erhältlich): https://kathan-zauberhaus.de/instrumente.htm
Literaturtipps
Rittner, S. (2021). Vokale Musiktherapie. In Decker-Voigt et al (Hrsg.): Lexikon Musiktherapie. Göttingen: Hogrefe.
Rittner, S. (2017). Die Bedeutung des Körpers in der Musikpsychotherapie. Musik und Gesundsein, 31, 21–24.
Sabine Rittner
ist Musikpsychotherapeutin, Atem- und Stimmtherapeutin, approbierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, Psychotherapeutin (HP), Hypnotherapeutin, IFS- und Traumatherapeutin mit Spezialisierung in der Arbeit mit veränderten Bewusstseinszuständen und körperorientierter Therapie. Sie war 30 Jahre lang tätig am Institut für Medizinische Psychologie
der Universitätsklinik Heidelberg (Lehre, Psychotherapie, Bewusstseins- und Musiktherapieforschung). Sie arbeitet weiterhin in eigener Praxis (Therapie, Supervision, Coaching, Lehrtherapien), leitet Seminare, bildet aus, hält Vorträge und tritt international in Kunst-Performances auf. Umfangreiche
Forschung und Publikationen zu den Themenkomplexen Bewusstseinsforschung – Klang – Trance –
Stimme – Musiktherapie – Depression.
Weitere Informationen: www.Sabine-Rittner.de
