Musiktherapeutischer Klinikspaziergang

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Klinikspaziergang durch die Psychosomatik der Charité – Musiktherapie erleben
Gert Tuinmann und Sopie Just 

Willkommen zu einem besonderen Rundgang durch die psychosomatischen Abteilungen der Charité – Orten, an denen Körper und Seele ganzheitlich betrachtet werden und die Musik als therapeutische Ergänzung eine bedeutende Rolle spielt. Die Musiktherapie ist ein integraler Bestandteil unseres multimodalen Behandlungsansatzes. Sie unterstützt Patient:innen dabei, Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken, Ressourcen zu aktivieren und entdecken, innere Spannungen zu lösen, Entspannung zu fördern und in Kontakt mit sich selbst und anderen zu treten. Musiktherapie schafft einen Raum, in dem das Unsagbare einen Ausdruck findet, sodass individuelle Prozesse angestoßen und emotionale Entwicklungen begleitet werden können.
Begleiten Sie uns auf einem Spaziergang durch die drei Standorte der Charité und lernen Sie die Menschen kennen, die sich mit großer Hingabe und fachlicher Expertise dieser besonderen Therapieform widmen. Entdecken Sie, wie Klänge Brücken bauen, Resonanz erzeugen und Heilungsprozesse auf einzigartige Weise unterstützen.

Campus Benjamin Franklin (CBF): Klangräume für Essstörungen und psychosomatische Erkrankungen
Unser erster Halt führt uns in den Südwesten Berlins – zum Campus Benjamin Franklin. Hier befindet sich die Station S34, auf der Musiktherapeutin Andrea Klein Patient:innen mit Essstörungen wie Anorexia nervosa oder Bulimia nervosa begleitet. Darüber hinaus betreut sie Menschen mit generalisierten psychosomatischen oder somatopsychischen Erkrankungen – darunter chronische Schmerzsyndrome, somatoforme Störungen, Angststörungen, Depressionen mit körperlichen Beschwerden sowie funktionelle Magen-Darm-Beschwerden. Es handelt sich um ein komplexes Spektrum, in dem körperliche und seelische Aspekte untrennbar miteinander verwoben sind.
In der Musiktherapie auf S34 steht die Beziehungsarbeit durch Klang und Rhythmus im Zentrum. In einer Atmosphäre, die sowohl Halt als auch Ausdruck ermöglicht, werden gemeinsam Klänge gestaltet, Instrumente ausprobiert, die eigene Stimme eingesetzt oder Musik gehört – ein Weg, um emotionale Blockaden zu lösen, Selbstregulation zu üben und das Körperempfinden auf neue Weise zu erleben. Darüber hinaus sollen Verhaltens- und Erlebensweisen in Interaktion reflektiert und auf spielerische Weise erprobt und gestaltet werden.
Die Station ist auf 32 Patient:innen ausgerichtet, die im Rahmen eines interdisziplinären
Behandlungskonzepts betreut werden. Die Musiktherapie wird sowohl einzeln als auch in Gruppen angeboten und ist eng mit anderen therapeutischen Angeboten wie Psychotherapie, Kunsttherapie, Physiotherapie oder Sozialdienst verzahnt. Andrea Klein beschreibt ihre Arbeit als „eine spielerische Einladung, die eigenen Wahrnehmungs- und Handlungsmöglichkeiten auszuloten und den Umgang mit sich selbst und anderen neu zu gestalten.“

Campus Mitte: Tinnitus verstehen – durch Musik zur inneren Stille finden
Am traditionsreichen Campus Mitte betreut Ulf Böttcher, Musiktherapeut und zugleich Leiter der Spezialtherapien in der Psychosomatik, Patient:innen mit Tinnitus in der dortigen psychosomatischen Tagesklinik. Tinnitus stellt ein komplexes Belastungsgeschehen dar. Oft ist es verbunden mit chronischem Stress, Angst, Depression und Schlafstörungen.
Die Musiktherapie kann hier helfen, indirekt den individuellen Umgang mit dem Tinnitusklang zu verändern. Über gezielte Hörübungen in der rezeptiven Musiktherapie kann das subjektive Belastungserleben reguliert werden. Dabei steht nicht das „Abschalten“ des Tinnitus im Fokus, sondern die Entwicklung achtsamer Wahrnehmung und innerer Gelassenheit im Umgang mit dem „Störenden“. Musik wird hier zur Übung in Präsenz: beispielhaft die eigenen Wahrnehmungsmuster im Denken, Fühlen und Körpererleben zu erkennen und gegebenenfalls zu modifizieren.
Ulf Böttcher nutzt seine doppelte Rolle, um therapeutische Perspektiven auch konzeptionell weiterzuentwickeln. Er sieht in den Spezialtherapien ein wesentliches Handlungsfeld, um die komplexen menschlichen Erlebnisweisen für die Medizin (die Patienten und Behandler) zugänglich zu machen – eine Haltung, die im Klinikalltag spürbar wird.

Campus Virchow-Klinikum (CVK): Zwischen Rhythmus und Resonanz in Tagesklinik und stationärer Versorgung
Unser nächster Halt liegt im Norden Berlins am Campus Virchow-Klinikum. Hier wirkt M.A. Musiktherapeutin Sophie Just, die gleich zwei Bereiche betreut: die Tagesklinik W134T mit zehn Plätzen sowie die Station W10A mit zwölf stationären Betten. In beiden Bereichen werden Menschen mit einem breiten Spektrum an psychosomatischen und somatopsychischen Störungen behandelt – darunter somatoforme Schmerzstörungen, funktionelle Herzbeschwerden, psychische Erkrankungen mit körperlichen Leitsymptomen, chronische Erschöpfungssyndrome oder auch dissoziative Störungen.
Ziel der Musiktherapie ist hier vor allem, Zugang zu emotionalen Erlebnisinhalten und Verhaltensmustern zu ermöglichen, die oft nicht bewusst oder sprachlich zugänglich sind. Musik bietet einen Schutzraum, in dem emotionale Regulation und Zugänge geübt und Ausdrucksformen sämtlicher Erlebnisinhalte entwickelt werden können, welche als innere Ressourcen zur Verfügung stehen. Aktive Improvisationen, rezeptive Hör- und Imaginationsangebote sowie das gemeinsame Singen werden je nach individuellem Therapieplan sowohl einzel- als auch gruppentherapeutisch eingesetzt. In der Tagesklinik wird der kontinuierliche Prozess durch regelmäßige musiktherapeutische Einheiten unterstützt, die auch den unmittelbaren Transfer in den Alltag ermöglichen.
Sophie Just betont: „Musik kann nonverbal Brücken bauen – zwischen Patient:in und Therapeut:in, zwischen innerer und äußerer Welt.“ Sie arbeitet eng mit den Kolleg:innen der Psychologie und Medizin zusammen, sodass die Musiktherapie integrativer Bestandteil der Behandlungsplanung ist.

Medizin trifft Musik: Die Perspektive des Arztes
Auch auf ärztlicher Seite gibt es an der Charité eine besondere Verbindung zur Musiktherapie: Oberarzt Dr. Gert Tuinmann, selbst Absolvent eines Master-Musiktherapiestudiums in Hamburg, bringt dieses Verständnis aktiv in die klinische Arbeit ein. Er versteht Musiktherapie nicht als „Zusatz“, sondern als zentrale therapeutische Schnittstelle, insbesondere dort, wo Worte fehlen oder psychosomatische Zusammenhänge komplex sind.
Seine besondere Perspektive fördert ein tieferes Verständnis der emotionalen Prozesse, die körperliche Symptome mitgestalten können. Dr. Tuinmann ermutigt seine Kolleg:innen, kreative Therapien ernst zu nehmen und in den medizinischen Alltag zu integrieren. „Die Musiktherapie hat das Potenzial, das medizinische Verständnis von Heilung zu erweitern“, betont er.

Musik als Brücke: Der deutschlandweit einzigartige musiktherapeutische Konsildienst
Ein Alleinstellungsmerkmal der Charité ist der musiktherapeutische Konsildienst – bislang einzigartig in Deutschland. Gemeinsam mit Sophie Just etablierte Dr. Gert Tuinmann dieses Pionierprojekt der Musiktherapie im Jahr 2023, welches seither einen festen Bestandteil des psychosomatischen Angebots am CVK darstellt.
Hier können periphere Stationen gezielt nach Bedarf musiktherapeutische Unterstützung anfordern. Aktuell kommt dieses Angebot vor allem auf den onkologischen Stationen, der Palliativstation und den Intensivstationen zum Einsatz. Patient:innen in existenziellen Krisen oder in belastenden Krankheitsphasen erhalten durch die Musiktherapie eine neue Möglichkeit zur emotionalen Verarbeitung, zur Aktivierung innerer Ressourcen oder schlichtweg zur Linderung von Angst, Schmerz und Anspannung.
Die Musiktherapie in diesem Kontext verfolgt das Ziel, eine empathische Begleitung in Ausnahmesituationen zu bieten. Musik dient hier nicht nur als Ausdrucksform, sondern auch als Quelle von Trost, Verbindung, Halt und Sinnstiftung. Das Angebot wird interdisziplinär koordiniert und in der Ausführung durch Sophie Just individuell auf die Bedürfnisse der Patient:innen abgestimmt. Oft reicht ein einfacher Klangimpuls in Präsenz und Mitgefühl, um das Gespräch zu öffnen oder Momente in Wohlgefühl und Geborgenheit zu schaffen.
Besonders auf den onkologischen und palliativen Stationen erleben wir, wie Musiktherapie zur Bewältigung von Angst, Verzweiflung oder existenziellen Fragen beiträgt. Durch die Herstellung einer hörbaren Resonanz des Erlebten wird die Aktivierung von Ressourcen und die Regulation körperlicher sowie emotionaler Anspannungszustände ermöglicht. Auch Angehörige berichten häufig, dass die gemeinsamen Musikeinheiten mit ihren schwerkranken Familienmitgliedern einen wertvollen und bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Diese Form der Begleitung ist tief menschlich und stellt eine wesentliche Erweiterung der klinischen Versorgung dar. 

Schlussakkord: Einladung zum Nachspüren
Unser Spaziergang endet – doch die Musik klingt weiter. Vielleicht haben Sie gespürt, wie vielfältig und tiefgreifend die Musiktherapie in der Psychosomatik an der Charité wirkt. Sie ist nicht nur Methode, sondern Haltung: ein Zuhören mit allen Sinnen, ein Spüren jenseits des Gesagten, ein Raum, in dem sich Schmerz, Hoffnung und Wandlung begegnen dürfen.
Die Musiktherapie ist eine Einladung, Resonanz zu erfahren – mit sich selbst, mit anderen, mit dem Leben. Wir freuen uns, wenn Sie neugierig geworden sind und laden Sie herzlich ein, mehr über uns zu erfahren. Unsere Türen stehen offen – und manchmal auch unsere Instrumentenschränke.

Dr. med. Gert Tuinmann
Diplom-Musiktherapeut. Nach dem Medizinstudium habe ich am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf eine fachärztliche Weiterbildung als Internist und Hämatologe/Onkologe absolviert. Anschließend studierte ich berufsbegleitend Musiktherapie (2005–2008) an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg und begann eine Ausbildung in Guided Imagery and Music, die ich 2014 als GIM-Fellow abschloss. Nach einer Zwischenstation an der Schön-Klinik Hamburg Eilbek und Abschluss meiner fachärztlichen Weiterbildung im Gebiet Psychosomatische Medizin arbeite ich seit Februar 2015 als Oberarzt in der psychosomatischen Abteilung der Charité Universitätsmedizin Berlin.

Sophie Just
B.Sc. Psychologie, M.A. Musiktherapie. Nach Abschluss meines Bachelorstudiums in Psychologie absolvierte ich mein Masterstudium 2020–2023 an der Universität der Künste Berlin zur Musiktherapeutin. Seitdem arbeite ich in der psychosomatischen Abteilung der Charité Berlin und habe 2024 parallel dazu in Hamburg eine Ausbildung zur MI- und GIM-Therapeutin aufgenommen. Seit Februar 2025 bin ich ergänzend in der Neonatologie des Universitätsklinikums tätig.