Heft 37 (2020) ist erschienen!

Musiktherapie in der Musikschule

Vor elf Jahren nahm der Verband deutscher Musikschulen Musiktherapie offiziell als optionales Fach auf. Eine Institution, in der beide – Musik als Kunst und als Therapie – Raum finden.

Editorial

Mitte der 70er Jahre wanderte ein Mann mitsamt seinem Akkordeon von einer der damals ca. 160 Musikschulen Baden-Württembergs hinüber in eine nahe Psychiatrie und sang dort mit Patienten dieselben Lieder, die er kurz vorher in der Musikschule erarbeitet hatte. Einfach so.
Dort in der Psychiatrie hieß seine Arbeit Musiktherapie. Und sie tat den Patienten sicher gut, denn unser Mann war ein sehr menschenfreundlicher Pädagoge mit Interesse für Patientenarbeit und deshalb auch Vorstandsmitglied in der sehr frühen Zeit der Deutschen Gesellschaft für Musiktherapie (DGMT, heute DMtG).
Natürlich gab es längst Psychia­trien und andere Institutionen im Gesundheitswesen, in denen unter Musiktherapie von einer Psychotherapie unter Einbeziehung von Musik in die therapeutische Beziehung gesprochen und danach gehandelt wurde. Musik- und Gesprächstherapie, Musik in der Trancearbeit usw. Dennoch war es eine Zeit der Anfänge und die Diskussion über die Trennlinie zwischen Musikerziehung (privat und an Musikschulen) einerseits und Musiktherapie war noch dünn gezeichnet.
Heute ist Musiktherapie, wie sie von Verbänden, Kliniken und Hochschulen definiert wird, in immer mehr Musikschulen als Therapie integriert, wird vom Vorstand des Verbandes deutscher Musikschulen (VdM) gefördert und von Diplom- und MA-MusiktherapeutInnen den Kindern und Jugendlichen angeboten, die unter den Bedingungen einer Störung, einer Behinderung leben, die eine Therapie nötig machen. Und die oft Not-wendend ist.

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Inhaltsverzeichnis

Editorial
Hans-Helmut Decker-Voigt

Musiktherapeutischer Klinikspaziergang
Musiktherapie in der LVR-Klinik Viersen
Eva Terbuyken-Röhm

Praxisvorstellung
Personare – Integrative Praxis für Stimme, Klang und Psychotherapie
Christa Metzdorf

Patienteninterview
Musiktherapie mit traumatisierten Patienten
Alexandra Takats

Schwerpunktthema I
„Spielraum schaffen, Spielraum erhalten – Wo die Musik Zuhause ist“
Erfahrungen von Musiktherapie in der Musikschule und ihren
schulischen Kooperationen
Karin Holzwarth

Schwerpunktthema II
Musiktherapie in der Musikschule
Regina Steiner-Hurtado

Schwerpunktthema III
Musiktherapie in der Musikschule „Die Stadtpfeife“
Interview mit Musiktherapeutin Ruth Winter
Constanze Rüdenauer-Speck

Musiktherapie im Ausland
Musiktherapie in Kanada
Julia Beth Kowaleski

Capriccio cerebrale
Da brat mir einer einen Storch – Neuromythen im Musikunterricht oder: Non vitae sed musicae discimus …
Thomas Stegemann

Tagungsberichte · Forschung · Wissen
„Musik zur Sprache bringen“
Ein Tagungsbericht
Monika Hoog Antink

32. werkstatt für musiktherapeutische forschung
Ein Tagungsbericht
Beate Haugwitz

Menschen und Orte
Ich gratuliere mir zum 75. – oder …
Von Musik und Therapie, von Ruf, Beruf und Verruf
Hans-Helmut Decker-Voigt

Zur Person. Eckhard Weymann zu einem besonderen Geburtstag
Hans-Helmut Decker-Voigt

News und Hochschulnachrichten

Singende Krankenhäuser e. V.
Elke Wünnenberg

Buch und Medien
Rezension
Rosemarie Tüpker (Hg.):
Spielräume der Musiktherapie
Ludger Kowal-Summek

Zum Mitmachen
Kleine Hilfen mit Atem, Bewegung und Stimme
Vom Lied der Seele
Sabine Rittner

Praxismodelle
Märchenhaft! Intermediales Arbeiten
mit Märchen und Geschichte
Constanze Rüdenauer-Speck

Kolumne
AufgeMuGt
Von Künstler-Lachen und Gelehrten-Gelächter
Hans-Helmut Decker-Voigt

Kolumne
AufgeMuGt

Vorschau. Impressum

Musiktherapeutischer Klinikspaziergang

Musiktherapie in der LVR-Klinik Viersen

Von Eva Terbuyken-Röhm

Die LVR-Klinik Viersen liegt in dem Viersener Stadtteil Süchteln, das am Niederrhein nahe Düsseldorf, Mönchengladbach und der niederländischen Grenze im sogenannten Johannistal an das Waldgebiet der Süchtelner Höhen angrenzt. Alte Bäume und Grünflächen prägen zusammen mit alten herrschaftlichen und neuen modernen Gebäuden das Klinikgelände. Die LVR-Klinik Viersen wurde 1906 als „Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt Süchteln-Johannistal“ gegründet. Anfang 2016 wurde der Grundstein für den Neubau der Allgemeinpsychiatrie gelegt. Träger der Klinik ist der Landschaftsverband Rheinland, kurz LVR, welcher als Kommunalverband mit rund 19.000 Beschäftigten für die 9,7 Millionen Menschen im Rheinland arbeitet. Zum Klinikverbund des LVR gehören insgesamt neun Kliniken, die therapeutisch-psychiatrische Versorgung im Rheinland anbieten. „Qualität für Menschen“ ist Leitgedanke des LVR. So gehört auch die LVR-Klinik Viersen zu diesem Klinikverbund und versucht, den Leitgedanken mit dem folgenden Grundsatz umzusetzen: Menschen, für die wir da sind, behandeln wir respektvoll und individuell. Die Fachzentren der LVR-Klinik Viersen unterteilen sich in Abteilungen für Allgemeinpsychiatrie und Psychotherapie, für Abhängigkeitserkrankungen, ein Gerontopsychiatrisches Zen­trum, die Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik und die Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Auf dem Gelände befindet sich zudem die LVR-Klinik für Orthopädie.

Die LVR-Klinik Viersen verfügt über 448 Betten und Plätze und hat zudem weitere Plätze in den Bereichen Rehabilitation und Forensik. Sie beschäftigt insgesamt 1.406 Mitarbeiter. Einzugsbereich der Klinik sind der Kreis Viersen und Mönchengladbach. Neben der therapeutisch-psychiatrischen Behandlung gibt es in der LVR-Klinik Viersen eine Vielzahl an kulturellen Angeboten, wie z. B. Konzerte in der Klinik-Kirche und Kunstausstellungen, insbesondere von der Malgruppe der Klinik, sowie Familienfeste, Angebote der Klinikseelsorger und regelmäßige Fachvorträge im Festsaal der Orthopädie.

Musiktherapie in der Erwachsenen­psychiatrie der LVR-Klinik Viersen
In der Erwachsenenpsychiatrie der LVR-Klinik Viersen ist die Musiktherapie ein wichtiger Bestandteil der therapeutischen Angebote. Sie gehört neben Ergo-, Sport-, Kunst- und Arbeitstherapie zu den therapeutischen Diensten. Die Musiktherapieabteilung in der Erwachsenenpsychiatrie der LVR-Klinik Viersen wurde 2013 neu aufgebaut und besteht heute aus einem Team von vier Musiktherapeutinnen mit einem Stellenanteil von 2,5 Vollzeitstellen. Aktuell wird sie hier in der Allgemeinpsychiatrie, forensischen Psychiatrie, Gerontopsychiatrie und Tagesklinik sowie auf einigen Stationen der Abteilungen für Abhängigkeitserkrankungen eingesetzt.
Im Mittelpunkt der musiktherapeutischen Behandlung stehen das aktive Musizieren miteinander und das gemeinsame Hören von Musik. Beide Ansätze gehen davon aus, dass Musik, auch ohne musikalische Vorbildung, im gemeinsamen Erleben in verschiedener Weise positiv auf die Psyche der PatientenInnen wirkt. Gemeinsames Erleben in der Musik kann ermöglichen, Gefühle auszudrücken, sie zu strukturieren und zu verarbeiten. Gleichzeitig können auf diese Weise auch Selbst- und Fremdwahrnehmung sowie Interaktionsfähigkeit gefördert werden. Weitere wichtige Ziele der Musiktherapie sind die Förderung von Konzentration, Kommunikation und Kreativität.
Die Musiktherapie ist in der Erwachsenenpsychiatrie sehr stationsnah präsent, da die Musiktherapeutinnen versuchen, am Stationsalltag teilzunehmen, z. B. an Morgenrunden auf der Station, an Stationsforen oder auch an Behandlungsteamsitzungen. Außerdem werden viele Patienten auch direkt von den Musiktherapeutinnen auf der Station zur Musiktherapie abgeholt oder aber die Musiktherapie findet direkt auf der Station statt. Letzteres zeichnet ein besonderes Konzept der Klinik aus, nämlich aufsuchend vorzugehen. Auf zurzeit fünf Stationen wird die Musiktherapie im Rahmen dieses milieutherapeutischen Arbeitens angeboten. Dabei findet die Musiktherapie in einem offenen Setting im Tagesraum der Station, z. B. in einer gemütlichen Sitzecke, statt. Milieutherapeutisch ist dabei, dass die Umgebung der Patienten und die Stationsatmosphäre in die Musiktherapie einbezogen werden. Auf diese Weise wird das Stationsleben Teil der Musiktherapie und gleichzeitig die Musiktherapie Teil des Stationslebens. Die Teilnahme ist hier frei und die Patienten können nach Belieben und Möglichkeiten kommen und gehen. Bei dieser Musiktherapie werden vor allem gemeinsam Lieder gesungen und auf den mitgebrachten Instrumenten dazu zusammen gespielt. Mitgebrachte Instrumenten sind hier oft: kleine Perkussionsinstrumente, Trommeln, Glockenspiele, Kalimba, Gitarre, Geige oder ähnliches. Oft wird aber auch Musik zum Zuhören für die Patientinnen und Patienten angeboten. Diese milieutherapeutische Methode steht frei unter dem Motto: Dabeisein ist alles! Auf diese Weise soll den Patientinnen und Patienten eine möglichst stressfreie Teilnahme an einem therapeutischen Angebot ermöglicht werden. Dieses Konzept ist 2013 für akutpsychiatrische Patientinnen und Patienten auf den geschlossenen Akutaufnahmestationen entwickelt worden und wird auch heute noch vor allem dort eingesetzt.

Die folgende Fallvignette wird diese Methode veranschaulichen:
An einem Morgen ist es sehr unruhig auf der geschlossenen Akutstation, da ein Patient einen Pfleger angegriffen hat und fixiert werden musste. Alle Patienten sind sehr unruhig und ängstlich. Herr M. kommt direkt zu Anfang der Musiktherapie und freut sich sehr über mein Kommen. Er strahlt mich beinahe an wie ein Kind und fragt direkt nach meiner Geige. Er blättert in meinen Büchern und findet viele Lieder und klassische Musikstücke, die er mag. Er setzt sich neben mich und singt Lieder mit mir. Es stellt sich etwas Vertrautes ein. Auf seinen Wunsch spiele ich mehrere klassische Stücke für ihn auf der Geige. Die anderen Patienten verhalten sich zurückhaltend, da alle sehr unruhig und ängstlich sind. Aber durch die Musikwünsche von Herrn M. verändert sich die Stimmung auf der Station plötzlich. Es wird zusehends ruhiger auf der Station. Ein Patient hört auf zu schreien. Immer mehr Patientinnen und Patienten setzen sich dazu und hören zu. Immer wenn ich aufhöre zu spielen, wird es wieder unruhiger und auch die Pfleger bitten mich, weiterzuspielen. Herr M. scheint dies auch zu verstehen und beginnt, Tambura zu spielen. Er erzählt beim Spiel, dass ihm dieses Instrument beim letzten Aufenthalt in der Musiktherapie „die Seele gerettet“ habe. Ich spiele zu seinem Spiel auf der Geige; ich improvisiere oder spiele ein Lied („Amazing Grace“ und „Am Brunnen vor dem Tore“). Herr M. genießt das gemeinsame Spiel sehr. Die Stimmung auf der gesamten Station beruhigt sich durch die Musik so sehr, dass ich erst kurz vor dem Mittagessen gehe und eine ganz ruhig essende Gruppe auf der Station zurücklasse.1

Weiter finden Gruppen- und Einzeltherapien in den vier Musiktherapieräumen der Erwachsenenpsychia­trie statt. Hier werden neben dem Singen und Spielen von Liedern freies Instrumentalspiel, Instrumentalspiel mit Übungsanleitung sowie rezeptive Musiktherapie, wie z. B. Entspannungsübungen mit Musik oder musikimaginative Verfahren, angeboten.
In der Forensik findet die Musiktherapie in stationsübergreifenden Gruppen, wie z. B. der Band, einem Rap-Projekt oder der Fördergruppe für die Band, sowie in Einzeltherapien statt.
Zielsetzungen der Musiktherapie werden immer individuell abgestimmt und entsprechen einer Integration der Behandlung in das Gesamtkonzept der Klinik. Dies zeigt sich besonders in einer engen interdisziplinären Zusammenarbeit, insbesondere mit den Ärzten, Psychologen, dem Pflegeteam und anderen Therapeuten. Die Patientinnen und Patienten werden zum Teil vom behandelnden Team oder Stationsarzt für die Musiktherapie eingeteilt im Rahmen einer Verordnung. Insgesamt besteht die Teilnahme an der Musiktherapie auf freiwilliger Basis.

Musiktherapie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der LVR-Klinik Viersen
In der Kinder- und Jugendpsychia­trie gibt es eine weitere Musiktherapieabteilung, die seit Jahren eine lange Tradition in der LVR-Klinik Viersen hat und fest im Behandlungsplan aller Abteilungen dort integriert ist. Zum Team gehören weitere fünf MusiktherapeutInnen.
Die Musiktherapie wird hier für alle Stationen, Ambulanz sowie Tageskliniken der Kinder- und Jugendpsychiatrie Viersen in Gruppen- und Einzeltherapien angeboten. Als Besonderheit wird die Musiktherapie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie auch im Rahmen des StäB angeboten, der „stationsäquivalenten psychiatrischen Behandlung“ im häuslichen Umfeld.

1. Vgl. Terbuyken-Röhm, Eva (2019): Narzissmus in der Musiktherapie. Der narzisstische Musikgenuss in der Musiktherapie auf geschlossen psychiatrischen Stationen. Münster: readbox unipress.

LVR-Klinik Viersen
Johannisstr. 70
41749 Viersen
Telefon +49 (0)2162 96-31
Fax: +49 (0)2162 80642
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www.klinik-viersen.lvr.de

Die Autorin:

Eva Terbuyken-Röhm
studierte Geige (B.M.) und Musiktherapie (B.M.) am Conservatorium Enschede (NL) sowie klinische Musiktherapie (M.A.) an der Universität Münster. 2015 bis 2019 promovierte sie an der Universität Münster bei Prof. Rosemarie Tüpker zum Thema „Narzissmus in der Musiktherapie. Der narzisstische Musikgenuss in der Musiktherapie auf geschlossenen psychiatrischen Stationen.“ mit erfolgreichem Abschluss (Dr. phil.). Neben der Kindermusiktherapie erwarb sie Erfahrungen mit der musiktherapeutischen Arbeit im Bereich Gerontopsychiatrie und Forensik, in der Kombination Musiktherapie und Logopädie sowie Musiktherapie mit Menschen mit Behinderungen. Seit 2013 arbeitet sie als Musiktherapeutin in der Erwachsenenpsychiatrie der LVR-Klinik Viersen. Eva Terbuyken-Röhm ist zertifizierte Musiktherapeutin der Deutschen Gesellschaft für Musiktherapie.

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Praxisvorstellung

Personare – Integrative Praxis für Stimme, Klang und Psychotherapie

Von Christa Metzdorf

Auf intuitivem Weg zur Musikpsychotherapie
Ich bin in einer typischen Kleinfamilie der Nachkriegszeit mit ihren allgegenwärtigen Kriegstraumata, individueller und struktureller Gewalt, Tabus und Sprachlosigkeit im Moselland aufgewachsen. Dies allein wäre schon Grund genug gewesen, mich meinem Impuls der Selbstheilung zuzuwenden und einen therapeutischen Weg zu wählen.
Dass diese Reise über sinnvolle „Um“wege und Seitenpfade endlich ins Land der Musikpsychotherapie führte, hing untrennbar zusammen mit frühen, vielfältigen musikalischen und spirituellen Anregungen meines Elternhauses.
Im Musikalischen fand ich erste Möglichkeiten, meine Gefühle auszudrücken und sie mitfühlend in Gemeinschaft zu leben.
Diese Erfahrungen in Musik und spirituellen Dimensionen wurden mir neben der Natur überlebenswichtig, zum stärksten Quell meiner Lebenskraft, -motivation und -freude.

Musikstudium
Zunächst aber studierte ich in Trier und Mainz Schulmusik, Musikwissenschaft und Germanistik, als Gasthörerin Psychologie – im halbbewussten Wunsch, Gefühl und Sprache zu vereinen, mich und die Welt verstehen zu lernen, meine Persönlichkeit in Kohärenz erfahren zu wollen.
Hatte ich bis dahin mit mäßigem Ehrgeiz seit meinem sechsten Lebensjahr auf eigenen Wunsch Geige gespielt, kleinere Soloauftritte gemeistert, später sieben Jahre in einem Oratorienchor gesungen, so war nun das Studium eine völlig andere, neue Welt für mich.
Die Masse der hohen Anforderungen und Stress mit drei Studienfächern, die Konkurrenz unter den Studierenden, hoher Leistungsdruck, Lehrproben, in denen es um Wissensvermittlung und Erfüllung des Lehrplans ging, parallele Konzerttätigkeit, sowie wenig bis kein Freizeitausgleich machten mir klar, dass dieses Studium nur ein Übergang auf ein anderes Ziel hin sein konnte als das einer Musiklehrerin im klassischen Schulbetrieb.

Gesang und Aufgabe
Durch glückliche innere und äußere Fügung konnte ich nach der Zwischenprüfung vom Hauptfach Geige zum Gesang wechseln und war voller Hoffnung, der Erfüllung tiefer Sehnsucht näher zu kommen.
Sie war eine Ahnung, ein unbewusstes inneres Wissen, dass es etwas gäbe, worin ich meine „Aufgabe“ im Leben würde erfüllen können, für mich und andere Menschen.
In der Beschäftigung mit meiner Stimme kam ich mir selbst näher, hatte viele Fragen und bekam darauf wenig Antworten. Eine rege Konzerttätigkeit auch hier machte mir viel Freude, konnte aber meinen Wissensdurst nach den tieferen Zusammenhängen zwischen Persönlichkeit, Atem, Bewegung und Stimme nicht stillen.
Nach dem ersten Staatsexamen ging ich nicht ins Referendariat, sondern studierte weiter Gesang an der Musikakademie Basel mit dem Wunsch, den Prozess der Stimmentwicklung in der Tiefe zu erforschen und mich noch besser verstehen zu lernen.
Leider kam ich durch einen Stimmfachwechsel nach 1,5 Jahren in eine tiefe stimmliche und persönliche Identitätskrise, weil ich einen Teil meiner Stimme „verloren“ hatte. Mein Wissen über Körper, Atem, Haltung und Bewegung beim Singen war indes profunder geworden.
Ich versuchte weiterzugehen, ohne konkretes Ziel, einzig im Vertrauen auf den durch Zufälle und Fügungen sich immer wieder neu eröffnenden Weg zu meiner Stimme als Ausdruck meiner Persönlichkeit. Darin wurde ich getragen von der Stimmigkeit und Bereicherung, die ich bis dahin in meinem Tun und durch den Ausdruck der Schönheit der Gesangsliteratur erleben durfte.
Ich traf in Mannheim Gabriele Schnaut, eine international erfolgreiche, bekannte Sängerin und erarbeitete mir mühsam wieder Höhe und Kopfstimme. Eine längere Zeit arbeitete ich auch nach der Methode des Lichtenberg Instituts/Rohmert.
Eine klassische Gesangskarriere entsprach allerdings nicht meinen mir gegebenen psychischen Voraussetzungen, was mir durch die Arbeit mit einer Profisängerin und deren Bühnenerfahrungen klar wurde.

Weiterbildung Integrative Musiktherapie
Auf der weiteren Suche nach einer Verbindung meiner vielfältigen Ausbildungen entdeckte ich über eine Freundin die Weiterbildung Integrative Musiktherapie am Fritz Perls Institut (FPI), heute Europäische Akademie für psychosoziale Gesundheit (EAG-FPI).
Der psychotherapeutische Ansatz dieser Leibtherapie in Verbindung mit kreativen Medien innerhalb einer intersubjektiven, kontextbezogenen Theorie, die Integrative Therapie nach H. Petzold, entsprach sehr meinem Wesen und inneren Wissen.
Ich begann 1989 dort eine weitere, schicksalshafte Lehrzeit. Wieder folgte ich dem Vertrauen auf meine Ahnung und meine innere Führung.
Es gab sehr viel zu lernen. Völlig neu und ganz anders als in meinen früheren Ausbildungen – drei Jahre Selbsterfahrung in einer tragenden Gruppe/Gemeinschaft, um die Integrative Therapie buchstäblich am eigenen Leibe zu erfahren und sie mehr und mehr mit den theoretischen Konzepten zu tiefgreifendem Wissen zu vereinen.
Es war herausfordernd, oft schwer und schmerzlich, mich Verdrängtem, Abgewehrtem aus meiner Biographie zu stellen. Es war faszinierend und letztlich der Prozess einer großen Befreiung hin zu einer persönlichen und beruflichen Erfüllung.
Ich durfte erstmalig meine ureigenste Stimme in vielfachen freien Improvisationen entdecken, meine Gefühle, Stimmungen bewertungsfrei ausdrücken, ohne mich an Vorgegebenem orientieren, einem klassischen Gesangsideal anpassen zu müssen.
Mein Ziel, meine Aufgabe tauchte auf dem Weg der Weiterbildung mehr und mehr aus dem Nebel der Ahnung auf und wurde mit jedem Tun im Außen klarer und fassbarer. Ich wollte, dass viele Menschen Zugang zu solchen Erfahrungen und Wissen bekommen könnten.

Berufliche Umsetzung in Musikpädagogik, Musikschule und Klinik
Während dieser Zeit baute ich an einer Musikschule bei Mannheim eine Gesangsklasse auf (SchülerInnen im Alter von 14–52), in der Stimmbildung als Persönlichkeitsentfaltung akzeptiert und gepflegt wurde, inklusive Auftrittscoaching zur Bewältigung von Ängsten.
Im Geigengruppenunterricht mit Kindern standen Körperwohlgefühl, Entwicklung des Klangs, Intonationssicherheit (die ein komplexes Geschehen an Bewusstheit im Einklang mit Körper, Hören und Vorstellungskraft beinhaltet), Gemeinschaftserleben und Freude im Vordergrund meines Unterrichts.
Gleichzeitig etablierte ich im Laufe von zwei Jahren mit dem engagierten, innovativen Leiter der Musikschule und der Unterstützung der Stadt (gegen erste vehemente Widerstände) Musiktherapie in das Angebot der Schule.
Dieses kam Kindern zugute, die im Elementarunterricht Entwicklungsschwierigkeiten zeigten und in den Gruppen der Früherziehung nicht integriert werden konnten.
Parallel arbeitete ich fünf Jahre mit einigen Stunden als Honorar-Musiktherapeutin an der Psychosomatischen Klinik am Hardberg/Odenwald mit hypnotherapeutisch-systemisch-lösungsorientiertem Ansatz, den ich dort kennen- und schätzen gelernt habe.
1991 begann ich mit dem Aufbau einer eigenen Praxis im Odenwald/Oberhambach und praktizierte auch in Heidelberg in einer Gemeinschafts­praxis.

Musikpsychotherapie
Nach einem Umzug 1998 ins Rheinland, der Erteilung der Approbation als Kinder-und Jugendlichenpsychotherapeutin im Zuge der Neuregelung des Psychotherapeutengesetzes und HPG/Psychotherapie baute ich in Köln eine inhaltlich erweiterte Private Praxis auf:
PERSONARE
Integrative Praxis für Stimme, Klang und Psychotherapie
Ich konnte einige Behandlungen über Kostenerstattung, selten über Heilpraktiker-Zusatzversicherungen abrechnen. Mein Hauptklientel waren SelbstzahlerInnen.
Im Alexianer Krankenhaus Porz war ich sechs Jahre tätig, wo mir Einblick in das gesamte Spektrum psychischer Erkrankungen im Erwachsenenalter ermöglicht wurde. Seit 2006 arbeite ich nur noch in eigener Praxis.
2015 erhielt ich den Eintrag ins Arztregister der Kassenärztlichen Vereinigung NRW als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und kann seither Kinder-, Jugendlichen-, und Erwachsenenbehandlungen auch mit privaten Kassen und Beihilfe abrechnen.
Größere Fortbildungen wie „Prozess- und embodimentfokussierte Psychologie (PEP)“ bei Dr. M. Bohne, „EMDR“ bei Arne Hofman und „Trauma-Lösung im Kontext körpertherapeutischer Arbeit“ bei M. Mokru vervollständigten meine psychotherapeutischen Möglichkeiten u. a. in der Behandlung von Trauma-Folgestörungen und belastenden Erinnerungen.

Konzepte
Die große Bandbreite meiner langjährigen Lebenserfahrungen, das erfolgreiche Bewältigen etlicher Krisen und Wandlungsprozesse, der mir bewusst gewordene verschlungene Weg hin zu meiner Berufung durch das Hören auf Stimmigkeit und innere Führung, vielfältigste Ausbildungen und Arbeitsfelderfahrungen ermöglichen es mir, prozessorientierte, intuitive (Intuition = Erfahrung und Wissen) und passgenaue Therapieprozesse kontextabhängig als Krisenintervention, Kurzzeit-, oder Langzeittherapie und auch Coaching für Menschen einzeln oder in Gruppen in Anwendung zu bringen.
Grundlegend für meine Arbeit war und ist die Integrative Therapie (EAG-FPI) nach Petzold et al. Wesentlich ist mir außerdem die Einbeziehung der spirituellen Dimension, die ich besonders in Musik, Natur und Stimmentfaltung selbst früh erlebt, später bewusst gefunden und vertieft habe.
Dazu gehören Zenmeditation 1978, Belehrungen des Dalai Lama 2004, Hawaianisch-Schamanische Trance Weiterbildung 2006–2008, die intensive Vorbereitung einer Pilgerreise nach Tibet/Kailash 2009, intensivste Auseinandersetzung mit der Philosophie des Buddhismus, eine Peru-Reise/Schamanische Musiktherapie 2015 u.v.m.
Ich arbeite im psychotherapeutischen Prozess mit kreativen Medien (Musik, Stimme, Haltung, Atmung, Bewegung, Tanz, künstlerisches Gestalten, Poesie) nach Indikation einer prozessualen Diagnostik, die in einem intersubjektiven Ko-respondenzprozess mit dem jeweiligen Menschen oder einer Gruppe erarbeitet wird.
Dabei erschließen „Intermediale Quergänge“ (die Transformation eines musikalischen Ausdrucks, einer Körperempfindung, eines Gedichts etc. in wiederum ein anderes kreatives Ausdrucksmedium) zum Erfassen der Komplexität eines differenzierten Geschehens eine Vielzahl verschiedener Dimensionen im Therapieprozess.
Der Stressregulation, dem individuellen Erarbeiten einer Spannungsbalance und dem Aufbau eines gesundheitsfördernden Lebensrhythmus kommt in allen Behandlungen eine besondere Bedeutung zu. Hierbei ist die Musik hilfreiches und direkt erfahrbares sowie verhaltensänderndes Medium.
Ich begleite Menschen mit Funktionellen Stimmstörungen (ohne organischen Befund) verschiedenster Art, SängerInnen und MusikerInnen mit Blockaden und Problemen komplexer Herkunft und Zusammenhänge, Menschen mit psychosomatischen Erkrankungen, Kommunikations- und Beziehungsproblemen, Angststörungen, mit Anpassungsstörungen, Depressionen, Burnout und Schlaflosigkeit, Menschen in Krisen und Übergängen, in Trauerprozessen, in Adoleszenzkrisen, spiritueller Suche und Orientierungslosigkeit.
Seit ich 1998–2000 eine Weiterbildung in Integrativer Therapie zur Lehrtherapeutin absolviert habe, führe ich auch mit großer Freude Lehrtherapien durch. Supervision, Dozenten-, und Seminartätigkeit runden ein vielfältiges sich gegenseitig befruchtendes Arbeitsfeld ab.

Stimm-Bewusstsein, Entfaltung und Dimensionen
Dabei gilt der Stimme in all ihren Wahrnehmungsmöglichkeiten im Inneren und im Ausdruck, eingebettet in den psychotherapeutischen Prozess, meine große Liebe. Das gilt auch oft für Menschen, die mich aufsuchen, selbst wenn es „nur“ um die innere(n) Stimme(n) geht.
Häufig existieren aber auch Sehnsüchte, lange verheimlichte und schambesetzte Wünsche bzgl. eines eigenen Stimmausdrucks.
In solchen Fällen ist die behutsame Hinführung hierzu ein wesentlicher Teil des Therapieprozesses.
Stimmentfaltungsprozesse sind in all ihren Facetten, vom Sprechen, Atmen, Bewegen, Hören, Vorstellen, über Summen, kreatürlichen Ausdruck, Tönen oder Singen herausragende Wege, um sich selbst nahe zu kommen. Sich mit sich selbst zu verbinden, ermöglicht oft erst die Verbindung zu anderen Menschen, einer Gruppe, der Gesellschaft, und der gesamten materiellen wie spirituellen/immateriellen Mitwelt. Daraus erwächst die Erfahrung einer besonderen Sinnhaftigkeit, die ungeahnte Entwicklungschancen und Veränderungsprozesse in Gang zu setzen vermag.
Der Stimmausdruck repräsentiert stets die Gesamtpersönlichkeit eines Menschen und ist daher u. a. ein hervorragendes diagnostisches Medium.
Als ureigenstes Instrument, das aus der ganzen Differenziertheit der Körperwahrnehmung als Ausgangspunkt für Ausdruck erwächst, kann sie sich gleichzeitig in spirituelle Dimensionen aufschwingen und geistige Erfahrungen großer Tiefe ermöglichen.

Praxiserlebnisräume
Bei der Gestaltung meiner Praxisräume bevorzuge ich eine Größe ab 30qm als Angebot zur Bewegungsfreiheit und des Empfindens von Freiraum sowie dezente Farbgebungen, die Geborgenheit und Wärme evozieren. Damit hoffe ich, Freiheits- und Nähebedürfnisse der Menschen gleichermaßen beantworten zu können.
Ein ausgewogenes, ästhetisch und sinnlich ansprechendes, vielfältig musiktherapeutisches Instrumentarium fordert Neugier und Interesse heraus.
Ein warmer Holzboden und eine stimmfreundliche Akustik runden die Basics ab. Nicht zu vergessen die Möglichkeit eines freien Blicks ins Grüne.
Seit ich vor einem Jahr von Köln nach Dießen an den Ammersee umgezogen bin, kann ich direkt hinter dem Praxisraum in Feld und Wald spazieren, um Therapieprozesse auch in der Natur lebbar zu machen – was ich mit viel Zustimmung schon an meiner ersten Musiktherapiestelle im Odenwald, in Seminaren am Odenwald-Institut begonnen und in allen Wirkungsbereichen wenn möglich fortgesetzt und weiterentwickelt habe.
Hier in Dießen gibt es einen geheimnisvollen Nixenweiher, eine kleine Kapelle zum Tönen und einen weiten Alpenblick bis hin zur Zugspitze.
Und den wunderbaren Ammersee.

Zum Abschluss möchte ich ein berührendes Beispiel aus der Seminarpraxis (Heilsames Singen und Tönen 2017 am EAG-FPI) berichten. Es lässt Einblicke zu, wie aus dem Gesamtprozess einer Gruppenimprovisation ein Einzelprozess erwachsen kann. Die Beschreibung einer Teilnehmerin, die aus einer Erstarrung wieder auftauchen und dadurch zu einer neuen Verbundenheit mit ihrer Stimme, innerlich wie äußerlich kommen konnte, wird jeweils kursiv zitiert.
Im Verlaufe des Seminars entstand aus einer Gruppenatmosphäre der Hemmung heraus meine Einladung, sich zu einem von mir intuitiv ausgewählten, zur Stimmevokation sanft anregenden klassischen Musikstück zu bewegen und der Stimme zu erlauben, mit zu tönen.
„Meine Stimme verstummt im großen Klanggefüge, ergriffen von frühen Prägungen, erstarrt im großen Musikwerk, ein innerliches Verstummen nimmt Raum … sich verdichtende Kreise lassen mich von der Gruppe ausgeschlossen, mich verloren fühlen … kindliche System-Großfamilie-Gefühle ergreifen mich: traurig, verzweifelt, wütend, ohnmächtig …“
Nach der Improvisation findet ein Resonanzaustausch statt, zu der sie sich früh einbringt:
„so springe ich in eine Wortmeldung, mein Rettungsversuch, nicht verloren zu gehen. Ich fühle, wie die Situation mir entgleitet, als eine andere Teilnehmerin mein Gefühlsplateau als Raum für ihre Gefühlswelt aufgreift – ich fühle, als ob mir mein Gefühl, meine Daseinsberechtigung weggenommen wird und bleibe alleine zurück … “
Ich kann in der Gegenübertragung deutlich die Wut wahrnehmen, welche von der Teilnehmerin nicht geäußert wird.
„Ich werde von einer klaren, zugewandt warmen Stimme abgeholt, eingeladen, mich auf meinen Körper zu besinnen, ihn stimmlich hörbar werden zu lassen, auszudrücken, was jetzt da ist.“
Dazu wird der Protagonistin angeboten, die Gruppe als unterstützende musikalische Begleitung wählen zu dürfen, was sie zögerlich annimmt.
„Meine Stimme und das Klavier … Die Stimme zunächst eruptiv erklingend aus aufgestauten Gefühlwelten – ich werde ermutigt, Körper und Stimme zu verbinden … beginne den Gang in eine stimmliche Körperreise … Wut bewegt die Füße, aufstampfen, schreien wie ein Kind – erstarrte Ohnmacht und Verzweiflung spürbar in Armen und Händen, ein Weinen und Schluchzen … meine Stimme zeigt mir den Weg – ein zaghaftes und kraftvolles Geschöpf/Wesen …. im Wechselspiel mit dem Klavier… wie unglaublich erleichternd, von der Zartheit und Kraft dieser Klänge unterstützt und begleitet zu werden … beantwortet zu werden … wie heilsam!
Einen heilsamer Weg: die Gefühle durch meinen Körper tönend hindurch fließen lassen, sie mir zugehörig fühlen …meine Stimme klingt freier, fließt in mein Potential rhythmischer Vielfalt … Ich spüre nun meine Kraft, meine Zartheit, mein Verspieltsein, meine Freude, mein Berührtsein … ich vernehme nun auch die Resonanz der Gruppe, höre ein Mitswingen und Schnipsen, angesteckt von meinem Rhythmus … meine Stimme im Gruppengroove … Teil des Ganzen sein, nun ein Miteinander-sein. Ich lache beglückt, gleichzeitig tief berührt, bin gleichzeitig im Klang und Blickkontakt verbunden.
Diese heilsame, nährende und korrigierende Erfahrung als dichtes Resonanzgeschehen wirkt nach … ist geborgen in meinem Innern, als Qualität einer weiten Stille – Ankommen.“

Ausblick
Das Ziel, weiterhin möglichst vielen Menschen wertvolle Erfahrungen mit Musikpsychotherapie zu ermöglichen, hat mich u. a. dazu bewogen, zurzeit eine hälftige Kassenzulassung als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin zu beantragen.
Im Seminarbereich werde ich Weiterbildungen für TherapeutInnen in körperorientierter Musik-und Stimmtherapie sowie Retreats zur Selbstfürsorge, Ressourcenstärkung, Erholung und geistigen Erneuerung (Re-creation) anbieten.
Dazu bin ich mit zwei musiktherapeutischen Kollegen im Allgäu bzgl. des Aufbaus eines „Instituts für Musiktherapie und Psychotherapie“ im Gespräch.

Die Autorin:

Christa Metzdorf
1954 Trier, Musik-und Stimmpädagogin, Musikpsychotherapeutin, Ki-Ju-Psychotherapeutin, Lehrtherapeutin DMtG, EAG/FPI, DGT, Dozentin, Supervision, Weiterbildungsseminare für TherapeutInnen im Bereich Stimme, Spiritualität

Wengen 29
86911 Dießen a.Ammersee
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Schwerpunktthema II

Musiktherapie in der Musikschule

Von Regina Steiner-Hurtado

Du trägst dein Ego
Wie eine Rüstung
Bleiern, kalt und schwer.
Aber Kind!
Deine Rüstung wird dir zum Gefängnis!
Tagsüber schreist du blutige
Schlachtparolen in die Welt hinaus.
Nachts widerhallt dein Schluchzen
An deinen eigenen Kerkerwänden.
Komm!
Lass los, lass fallen, lass gehen.
Mach dich frei
Von Blei und Schwerem.
Melodien tröpfeln durch Ritzen deines
Kerkers.
Nähre dich. Trinke den Nektar.
So viel und so lange,
bis deine Rüstung abfällt.
Und plötzlich
stehst du da.
Ohne Panzerkleid,
schutzlos wie ein Neugeborenes.
Ich bette dich auf warmen Klang,
decke dich mit weichen Melodien zu.
Bis du geworden warst.
Dein Frühling kam am Piano.
R.St.

Timo, 12-jährig und sogenannt „verhaltensauffällig“, wurde auf Empfehlung der Klassenlehrperson für die Musiktherapie angemeldet. In der Schule warf er mit Stühlen um sich, bedrohte seine Mitschüler und auch sein alleinerziehender Vater stieß an seine Grenzen. Seine Mutter kannte er kaum, sie hatte nach seiner Geburt auf das Sorgerecht verzichtet und lebte vom Vater getrennt. Es bestand loser Kontakt über Facebook.
In den ersten Musiktherapiestunden veranstaltet Timo eine regelrechte Ein-Mann-Show. Ich werde auf den Bürostuhl verbannt und er verharrt, für mich nicht sichtbar, hinter dem großen Gong. Kurz darauf vernehme ich einen wuterfüllten, frauenfeindlichen Wortschwall. Timo schreit die übelsten Beschimpfungen gegen den Gong. Unverhofft schlägt er mit flacher Hand, bald auch mit Schlägel und anderen harten Gegenständen auf den Gong ein und verleiht so seiner Wut noch heftigeren Ausdruck.
Ich fühle mich seiner Musik schutzlos ausgeliefert. Sein Hass gegen das Weibliche erschreckt mich, besonders auch, weil er für mich hinter dem Gong unsichtbar ist und die Attacke überraschend kommt. Durch die latente akustische Gefahr, die im Raum schwebt, steigert sich meine Anspannung. In der Nachbearbeitung der Stunde wird mir auf der Metaebene schnell klar, dass sich Timo in seinem unsteten Umfeld ähnlich schutzlos und ausgeliefert fühlen muss. Seine Mutter, die er so schmerzlich vermisst, existiert zwar, ist jedoch nicht anwesend und dementsprechend kein Gegenüber für ihn. All seine angestauten Emotionen finden keinen Weg zu ihr. Der Ruf nach ihr erreicht sie nicht, prallt ab und staut sich in Timo selbst an bis ins Unerträgliche, genau wie ich es beim Gong auf akustischer Ebene erlebe. Timo kann seine Gefühle nirgends platzieren. Er bleibt alleine, überschwemmt von seiner eigenen Wut und Traurigkeit. Seine abgrundtiefe Einsamkeit und Verzweiflung werden nun sicht- und hörbar. Die Wut ist Ausdruck davon, dass er nie gehört wurde.
In der darauffolgenden Stunde versuche ich ihm aufzuzeigen, dass ich seine Not erkenne und dass sie bei mir ankommt. Ich kommentiere sein Tun und benenne seine Wut, gebe seiner Einsamkeit und Trauer einen Namen.
Behutsam rolle ich mit meinem Bürostuhl im Zimmer umher, um Blickkontakt zu schaffen. Die Atmosphäre ist aufs Äußerste angespannt. Ich kommentiere meine Gefühle, indem ich erwähne, dass mich der gewaltige Nachhall des Gongs überschwemmt und mich die unerwarteten Schläge furchtbar erschrecken und das Leben für mich unangenehm und schwer machen. Timo hört genau hin. Mir scheint, als sei er erstaunt, dass ich trotzdem dableibe und ihm die Schlägel nicht aus der Hand nehme oder seine Worte verurteile.
Bald darauf nimmt er seine Beschimpfungen wieder auf, jedoch ist nicht mehr die gleiche Intensität spürbar. Als ob ihn gerade dies verunsichern würde, wählt er nun noch üblere Schimpfwörter. Aber auch diese wirken irgendwann leer und deplatziert.
Wir stehen an einem Wendepunkt. Sein bisheriges Verhaltensmuster funktioniert nicht mehr. Gemeinsam betreten wir Neuland.
Ich wage es, unterstützt vom Nachhall des Gonges, Wortfetzen seiner Ausbrüche aufzunehmen und singend zu wiederholen. Dabei begleite ich mich am Schlagzeug. „Hau ab ab ab …. Duu, ja duu… Hau ab ab ab ab…“ Timo akzeptiert meine Einwürfe und beginnt unbestimmte Laute gegen den Gong zu singen. Mal laut, mal leiser, kreischend, brummend, röhrend, schrill. Mehrere Stunden lang wiederholen wir diese Improvisationen und werden immer variantenreicher und verspielter dabei. Die Worte verlieren nach und nach ihre inhaltliche Brisanz. Vielmehr geht es darum, den seit langer Zeit angestauten Gefühlen hinter der Wut Ausdruck zu verleihen. Anfänglich gefährlich klingende, bedrohliche Schreie und Drohgebärden verwandeln sich nun in ein Lamentieren, später in ein Jammern und Wehklagen. Die unverhofften Schläge auf den Gong bleiben aber noch lange und treffen mich immer wieder unvorbereitet. Ich ertappe mich, wie ich lauschend verharre, oft die Schultern leicht angespannt, da ich doch immer wieder befürchte, ein gewaltiger Gongschlag könnte mich überraschen.
Dann wird Timo still. Misstrauen kommt mir entgegen. Ich setze mich ans Klavier und beginne zu improvisieren. Er nimmt es an und hockt sich mit angezogenen Beinen in den Schaukelstuhl. Ich spüre seine große Verletzlichkeit und versuche behutsam, ihn musikalisch und atmosphärisch aufzufangen. Wochenlang spricht er wenig. Dieser Stille lassen wir viel Raum. Meine Fürspiel erweitere ich Schritt für Schritt mit Akkordeon, Ocean Drum, Gesang und später noch mit der Klangwiege.
Nach mehreren Wochen steht Timo unerwartet auf und setzt sich ans Klavier. Intuitiv erhebe ich mich und will musikalisch Boden geben, halte mich aber zurück und bemerke noch rechtzeitig, dass er mich nicht braucht. Zum ersten Mal vernehme ich musikalisch denjenigen Timo, der mir bisher hinter seiner Wut und der Trauer verborgen blieb. Seine Musik ist echt, ureigen und akustischer Ausdruck seines zaghaften Ichs, das vertrauensvoll zu wachsen beginnt und welches es von nun an zu stärken und zu nähren gilt.
Nach eineinhalb Jahren beendeten wir die Musiktherapie. Timo ist auf gutem Weg, Zuhause und in der Schule hat sich die Situation deutlich verbessert. Die Kontaktlosigkeit zu seiner Mutter ist nicht mehr in gleichem Maße belastend. Timo richtet den Blick nach vorne und befasst sich bereits mit seinen Berufswünschen.

Musiktherapie im Fächerkatalog der Musikschule
Musikalische Bildung ist vielseitig. Die Bedürfnisse der Gesellschaft sind es ebenso. Musikschulen sind Bildungseinrichtungen, die zum Ziel haben, Kindern und Jugendlichen auf freiwilliger Basis musikalische Bildung zu vermitteln. Dabei ist eine intensive Zusammenarbeit mit den verschiedenen Bildungsinstitutionen, insbesondere mit der Volksschule, unerlässlich.
In den Visionen des VMS (Verband Musikschulen Schweiz) wird als wichtiges Ziel beschrieben, allen Kindern und Jugendlichen einen Zugang zur musikalischen Bildung zu ermöglichen, unabhängig von ihrem soziokulturellen Hintergrund und ihren individuellen Lernvoraussetzungen. Die Realität zeigt jedoch ein anderes Bild. Oft können mit dem Angebot der Musikschulen nicht alle Zielgruppen gleichermaßen erreicht werden.
Wie weiter, wenn ein Kind kognitiv oder aufgrund seines Verhaltens an seine Grenzen stößt, in seiner Entwicklung verzögert oder durch eine Lebenskrise blockiert ist? Was tun, wenn die Instrumentallehrer ratlos oder gar überfordert sind und das Unterrichten erschwert wird?
Musiktherapie kann eine sinnvolle Ergänzung zum Instrumentalangebot einer Musikschule sein, weil sie in einem pädagogisch geprägten Berufsfeld für die psychosoziale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen eine wichtige Rolle übernimmt und die Instrumentallehrer auch in einem gewissen Maße entlasten kann.
Die Stadt Zug übernahm mit der Einbindung der Musiktherapie in die Musikschule schweizweit eine Pionierrolle. Bereits 1989 wurde Musiktherapie an der Musikschule Zug eingeführt. „Musik für alle“ war das Motto. Jedem Kind soll die Möglichkeit geboten werden, seinen Fähigkeiten entsprechend einen Zugang zu Musik zu bekommen.
Anfänglich gab es in Zug noch keinen festen Therapieraum und die damalige Musiktherapeutin startete mit einer Lektion pro Woche für Kinder mit einer geistigen Behinderung. Seither wurde das Angebot kontinuierlich ausgebaut. Musiktherapie existiert heute als eigenständiges Fach an der Musikschule Zug so wie auch an der Heilpädagogischen Schule in Zug. Es steht ein großes Therapiezimmer mit breitem Instrumentarium zur Verfügung. Somit könnten auch Menschen mit einer Behinderung, einer Entwicklungsstörung oder sonstigen Beeinträchtigungen ein Teil der Musikschule sein, indem es ihnen ermöglicht wird, sich in wertefreier Zone mit musikalischen Mitteln auszudrücken.
Dazu auch Mario Venuti, aktueller Leiter der Musikschule Zug: „Die Musikschule Zug hat vor 31 Jahren die Musiktherapie in den Fächerkatalog aufgenommen. Vielen Menschen konnte in dieser Zeitpanne geholfen werden. Die Musiktherapie ist an der Musikschule Zug eine Erfolgsgeschichte, ein Ort, wo ohne Leistungsdruck durch Musik eine hohe Wirkung erreicht wurde.“
Die Musikschule Zug kooperiert heute über die Musiktherapie erfolgreich mit der Heilpädagogischen Schule wie auch mit dem Schulpsychologischen Dienst, der Schulsozialarbeit und anderen umliegenden Institutionen.

Wer bist du
Hinter der Bühne deiner Gedanken
Wer bist du
Unter dem Berg deiner Gefühle
Wer bist du
Jenseits von Worten und Diagnosen
Wer bist du
Gerade jetzt?
Was ich sehe im Außen
Ist Spiegel von dir drin
Wo liegt der Weg nach Innen
Versteckt liegt da der Sinn.
Im Sein bist du verborgen
In jedes Herzens Grund
Hinter unseren Sorgen
Goldig, klar und rund.
R.St.

Ohne ein Wort der Begrüßung kommt Sandy ins Zimmer, setzt sich auf den Teppich und beginnt sofort, Steel­drum zu spielen. Sandy ist 17 Jahre alt und Autistin. Außer ein paar Wortfetzen spricht sie wenig. Sie führt oft für Außenstehende unverständliche Selbstgespräche mit starrem und abwesendem Blick und lächelt dabei in sich hinein. Sie scheint imaginäre Gesprächspartner zu haben. Ihre Bewegungen sind roboterhaft, ihre Sprache gepresst, ihr Körpertonus hoch und ihre Hände feuchtgeschwitzt. Im Alltag ist Sandy isoliert, der Kontakt zu Mitschülern kommt nicht zustande. „Sie lebt in einer anderen Welt“, sagen die Lehrpersonen. Als ob es mehrere Welten gäbe, die sich überlagern, aber nicht berühren. Ich vermute, Sandy leidet unter dieser Einsamkeit. Jeder Mensch – zumindest jeder heranwachsende Mensch – will in einem gewissen Maße erkannt werden und sich als Teil des Ganzen fühlen. Es ist ein gefährlicher Trugschluss zu denken, Autisten wären ja sowieso gerne alleine.
Sandy sitzt mit gebeugtem Rücken an der Steeldrum und spielt vor sich hin. Ich setze mich an die Djembe und beginne leise, Sandy zu begleiten. Ihr Blick wandert sofort zu mir und bleibt auf meinen Händen haften. Eine Weile spielen wir so gemeinsam weiter. Dann beginne ich kurze, rhythmische Motive einzuwerfen. Sofort reagiert Sandy und gibt meine Motive korrekt und rhythmisch sauber zurück, wie eine Art akustisches Copy-paste-Geschehen. Ich bin mir bewusst, dass dieses musikalische Hin und Her für Sandy bereits eine große Errungenschaft ist. Ich möchte jedoch mehr, ich möchte Sandys Kern treffen, sie selbst erkennen – wer ist sie hinter der Fassade einer jugendlichen Autistin? Und wie geht es ihr eigentlich? Wie fühlt sie gerade jetzt?
Ich singe ein kurzes Motiv in den Raum. Sandy scheint es erst nicht wahrzunehmen. Ihr Blick ist abgewandt, noch immer spielen wir in fast schwebendem Tempo gemeinsam auf Steeldrum und Djembe. Dann, mit einer Verzögerung von vielleicht 30 Sekunden, kommt ihre stimmliche Antwort. Es ist ein gehauchter Laut, dabei blickt sie mir direkt in die Augen. Ihr Blick berührt mich sehr. Es ist kein kalter oder kontrollierender Blick, sie ist eindeutig in Beziehung. Sie ist da, jetzt habe ich diejenige Sandy vor mir, die ich suchte. Wieder singe ich eine kurze Sequenz. Sie antwortet in einer Art Wolfsgeheul. Die Steeldrum und das Djembe hören auf. Wir heulen uns zu und blicken uns in die Augen. Sandy ist jetzt stimmlich, körperlich und affektiv ganz in Beziehung.
Plötzlich spüre ich, dass es nun genug ist. Ich lasse meinen Gesang leiser werden und verstumme. Sandy ist bereits aufgestanden und hat sich von mir abgewandt auf den Schaukelstuhl gesetzt. Sie braucht eine kurze Pause.