Heft 41 (2022) ist erschienen!

Hinein in die Talsohle – und heraus aus ihr…

Crossing borders…
… lesen, hören und (emp-)finden wir immer im Zusammenhang mit musiktherapeutischen Prozesse: Auf unseren internationalen Kongressen, im Umgang mit Migration, Integration …

Editorial

Crossing borders…

… lesen, hören und (emp-)finden wir immer im Zusammenhang mit musiktherapeutischen Prozesse: Auf unseren internationalen Kongressen, im Umgang mit Migration, Integration …
Crossing borders durch Musiktherapie in den therapeutischen Prozessen in Corona-Zeiten, deren Tragik der Schriftsteller Daniel Kehlmann beschreibt, weil das Heilmittel die Distanz, die Trennung voneinander sei.
Zum Zeitpunkt der Endredaktion dieser Ausgabe häufen sich die Grenzen, die Musiktherapie zu überschreiten sucht: Corona-Grenzziehungen – siehe unser Schwerpunktthema. Und aktuell und erstmals seit 1945 wieder – Nachrichten von Krieg in Europa. Ein Krieg, der etliche von uns, die wir in der Ukraine oder in Russland musiktherapeutisch arbeiten, weit mehr als nur aus der Entfernung zwischen Sofa und Fernseher heraus involviert.

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Inhaltsverzeichnis

Editorial
Hans-Helmut Decker-Voigt

Praxisvorstellung
Praxis für Musiktherapie
Tonius Timmermann

Diesmal statt Klinikspaziergang – Das BIM
EIN Zentrum, EIN Verein und sein Netzwerk
Ilse Wolfram

Patienteninterview
Musiktherapie in der Pandemie
Alexandra Takats

Schwerpunktthema I
Innovation am Ende der Talsohle? Erfahrungen aus einer musiktherapeutischen Studie in Pandemiezeiten
Laura Blauth, Carina Petrowitz, Thomas Wosch

Schwerpunktthema II
Ist besser als gar nicht gut genug?
Musiktherapie während der Pandemie
Julia Stegmann, Christiane Ebeling

Musiktherapie im Ausland
Musiktherapie in Irland
Bill Ahessy

Capriccio cerebrale
3G, Qigong und GABA –
Wie Musik dem Gehirn hilft, gute Vorsätze einzuhalten
Thomas Stegemann

Menschen und Orte Capriccio cerebrale
Omne quod habet, latus effectus operatur
(Alles, was wirkt, hat auch Nebenwirkungen)
Clemens Krejci, Hans Ulrich Schmidt

News und Hochschulnachrichten

Mozart würde Maske tragen
Hans Krieger

Singende Krankenhäuser e. V.
Kordula Voss, Ingrid Kappeler-Kewes, Sabine Rachl, Klaus Loescher, Thomas Jüchter, Regina Steffens, Katja Böhm, Kristiana Stary, Daniela Sauter de Beltré

Buch und Medien
Rezension
Ludger Kowal-Summek:
Musiktherapie bei AD(H)S
Lucia Kessler-Kakoulides

Rezension
Johannes Oehlmann:
Die Klangreise
Monika Nöcker-Ribaupierre

Rezension
Tonius Timmermann (Hrsg.):
Glück und Sinn in musiktherapeutischen Behandlungen
Ludger Kowal-Summek

Zum Mitmachen
Kleine Hilfen mit Atem, Bewegung und Stimme
HöBAt – eine Achtsamkeits- und Tranceinduktionsmethode für Alltag und Therapie
Sabine Rittner

Praxismodelle
Wenn der Himmel tatsächlich Teil des Empfindens ist –
Outdoor-Musiktherapie im Klanggarten
Constanze Rüdenauer-Speck

Vorschau. Impressum

Diesmal statt Klinikspaziergang – Das BIM

Von Ilse Wolfram

EIN Zentrum, EIN Verein und sein Netzwerk

… das ist BIM, das Bremer Institut für Musiktherapie und seelische Gesundheit e.V.
Im Zusammenhang mit diesem Text kommen wir nicht umhin, sich die Vorgeschichte des „Zentrums für Musiktherapie“ in Bremen zu vergegenwärtigen. BIM, gegründet 2000, war etwa fünfzehn Jahre lang „nur“ ein „virtuelles Institut“, öffentlich auffindbar über eine Webseite, bekannt nach gelegentlichen Pressenotizen für einen Fachtag oder auch noch über einen Wechsel im Vorstand. Umso intensiver entwickelte sich die Wahrnehmung unter den meisten bremischen Musiktherapeut*innen für die Notwendigkeit, über einen gemeinsamen öffentlich betretbaren Raum zu verfügen. Aber wie?

Gründung und Einweihung des Zentrums 2014
Etwa ab 2010 kreisten die Gedanken der damals 31 Mitglieder um Bezahlbarkeit, Lage, Größe, Verantwortung, Anschaffungen, Lautstärke, Nutzerkonzept. Mehrere Versuche, etwas gemeinsames Größeres zusammen mit Angehörigen der Künstlerischen Therapien oder von soziokulturellen Initiativen, z. B. Verein Downsyndrom, aufzubauen, scheiterten an der notwendigen längerfristigen Bereitschaft zur Mitarbeit oder an sich verändernden persönlichen Lebensumständen. BIM-Aktive besichtigten erfolglos andere Praxen in unterschiedlichen Stadtteilen oder führten zeitraubende Gespräche mit Behörden, immer begleitet von den Bedenken der Kolleginnen, wie das zu schaffen sein würde.
Es wurde ein Prozess von mehreren Jahren, ehe der jetzige Ort gefunden und als geeignet bewertet worden war. Das attraktive Mietobjekt besteht aus einem größeren Raum von ca. 40qm, 2 kleineren Räumen, WC, einer gemeinsamen Küchennutzung auf der Etage, alles frisch renoviert, kein Fahrstuhl, guter öffentlichen Erreichbarkeit in einem Bürogebäude und einer Miethöhe von 547 € inklusive aller Nebenkosten. Eine Mitgliederversammlung (von 31 waren 15 erschienen) beschloss die Anmietung dieser knapp 75qm, um erst einmal damit anzufangen. Versprochen hatte die Hausverwalterin bezüglich der zu erwartenden Lautstärke durch Musik: „Sie können hier so laut sein, wie Sie wollen, Sie können hier rasen“. Es ging einige Jahre gut, dann wechselten die Mieter des unteren Stockwerks und nach einigen Beschwerden wurde es für die Musiktherapeutinnen so unangenehm, dass wir einen Anwalt aufsuchten und seitdem eine Mieterschutzversicherung bezahlen. Tröstlich am heutigen Tag: Die Störung durch Beschwerden ist vorüber.
Wie betreibt BIM dieses Zentrum? Und: Hat das „Zentrum für Musiktherapie“ sich zu einem Ort entwickelt, in welchem nicht nur gut musiktherapeutisch gearbeitet werden kann, sondern in dem auch der Öffentlichkeit Musiktherapie nahegebracht werden kann?
Die Ausstattung erwies sich als ein relativ unproblematischer Prozess. Mehrere praktizierende Kolleginnen schenkten oder liehen (vielen Dank!) Musikinstrumente und Regale, das Fundraising wurde intensiviert mit dem großartigen Ergebnis, dass eine Bank 10.000 € beisteuerte. Damit konnten wir Tische und Stühle, große Außenschilder, ein gutes Klavier und andere Einrichtungsgegenstände einkaufen. Von einer weiteren Spende eines befreundeten Chormitglieds konnten wir einen Kontrabass anschaffen, dessen „therapeutische Qualitäten“ beim nächsten „Tag der Offenen Tür“ demonstriert wurden. Es war ein Freude, mit vielen Mitgliedern die Räume einzurichten und die Einweihung vorzubereiten! Bei dieser konnten wir Prof. Dr. Hans-Helmut Decker-Voigt begrüßen, außerdem den Klinikdirektor der Psychiatrie, den Vertreter der zustiftenden Bank und einen gesundheitspolitischen Vertreter (SPD). Gelegentlich braucht das Zentrum Neues: Wir haben einen Bewegungsraum eingerichtet mit Hängematte, Decken, einem Zelt, einer Verkleidungskiste, um den Spielbedürfnissen gerecht zu werden. 

Klinische und andere Aufgaben des Zentrums: HPE, Öffentlichkeit und Projekte
Das Zentrum entwickelte sich schnell dank der Aktivitäten von Arbeitsgruppen mithilfe der Kompetenzen „aus den eigenen Reihen“. Zu den Themen Demenz, Autismusbehandlung, Supervision, Arbeit mit Blinden, mit Psychiatriepatientinnen und mit dem Film „Metamorphosen“ wurde eine öffentliche Vortragsreihe realisiert. Gleichzeitig wurde die Mietbelastung durch eine stundenweise Vermietung an drei Initiativen aus dem soziokulturellen und klinischen Spektrum reduziert. In Coronazeiten ist die Vortragsplanung, auch wenn es Nachfragen danach gibt, allerdings zum vorläufigen Erliegen gekommen. Aber nur vorläufig!
Entscheidend für die zuverlässige inhaltliche und finanzielle Existenz des Zentrums war jedoch die Kooperation mit dem Amt für Soziale Dienste (AfSD). Zeitgleich mit dem Einzug in das Zentrum konnte BIM einen Vertrag 2014 als „Leistungserbringer für Heilpädagogische Einzelmaßnahmen“, HPE genannt, abschließen. Die musiktherapeutische Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Entwicklungsdefiziten und aus sozial benachteiligten Familien auf der Basis des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (KJHG) ist die wichtigste therapeutische Aufgabe, die im Zentrum für Musiktherapie erfüllt werden kann. Doch die Zuweisung durch die jeweils zuständigen Casemanager des Jugendamts gelingt nur durch eine komplexe und sorgfältig wahrgenommene Abstimmung innerhalb des HPE-Teams. Das Procedere bis zum tatsächlichen Beginn einer HPE ist genau geregelt: Antrag der Erziehungsberechtigten, Erstgespräche mit Kindern und Erziehungsberechtigten, Teamentscheidungen, Erst- und Abschlussberichte, zweijährige umfassende Qualitätsentwicklungsberichte (QE), Kostenregelung. Dazu kommen regelmäßige Informationstreffen mit den sog. Regionalkoordinatoren der Sozialen Dienste, Teamsupervision und Fachsupervision. Die Kolleginnen arbeiten sowohl auf Honorarbasis als auch als Festangestellte. Der Verein BIM als Träger des Zentrums hat drei neue Arbeitsplätze geschaffen und im Laufe des letzten Jahres 2021 siebzehn Kinder versorgt! Entsprechend hat sich auch der administrative Aufwand für den Vorstand und insbesondere die Schatzmeisterin, gesteigert. Die Überschüsse (Overheads) durch die öffentlichen Zahlungen werden für die Miete und andere HPE-spezifische Kosten verwendet.
Eine weitere Aufgabe des Zentrums ist es, jüngeren Kolleginnen einen Einstieg in die Berufstätigkeit zu ermöglichen, indem sie die Räume nach Bedarf nutzen können.
In welcher Weise betrifft nun die seit März 2020 regierende Coronapandemie und ihre Folgen die therapeutische Arbeit im Zentrum für Musiktherapie?
Friederike Jacob hatte in ihrer Eigenschaft als HPE-Teamleiterin bereits ausführlich für die MuG Nr. 38/2020
(S. 26–27) über Vorsorgemaßnahmen geschrieben und dabei das Wort „systemrelevant“ für Kinder und ihre Eltern betont. Sie endete in ihrem Beitrag damit, dass es auch weiterhin gute Nachrichten gebe: „Trotz Corona stellen immer neue Familien Anträge an ihre Casemanager für eine HPE-Musiktherapie“.
Wie sieht es nun nach einem weiteren Jahr und länger im Zentrum aus? Aktuell beherrscht Omikron die gesundheitliche Lage. Die Kolleginnen berichten, dass die Regionalkoordinatoren und die Casemanager heutzutage weitaus schwieriger erreichbar sind, und dass Entscheidungen für eine Kostenzusage erheblich länger dauern. Das trifft die HPE-Arbeit empfindlich, da BIM selbst dafür keine Werbung für die Musiktherapie im Zentrum machen darf. Friederike Jacob: „Auch viele Klientinnen sind in Quarantäne. Deshalb führen wir Telefon- oder Videotherapie durch. FFP2-Masken tragen die Therapeutinnen immer und Kinder, wenn möglich. Doch: Trauer? Wut? Neugier? Wenn Masken einen Teil des Gesichts verbergen, wird die Interpretation schwierig. Bisher ist keine Therapeutin krank geworden. Wir testen uns 2–3 Mal pro Woche und fragen die Kinder, ob sie selbst negativ getestet sind. Schwierig ist der Umgang mit nicht geimpften Eltern! Für solche Fälle ist unsere Regel, dass maximal ein Elternteil begleiten darf und vor der Tür bleibt. Elterngespräche führen wir telefonisch. 

Erfahrungen in der Pandemie während eines musiktherapeutischen Projekts
Mit einigem Stolz konnte BIM bisher auf seine Projekte blicken. Doch das zuletzt beendete Regenbogenfisch-Projekt hat unter Corona erheblich gelitten. Es ist einfach traurig, bedauerlich und dennoch, trotz der Einschränkungen, ist es happy-end-mäßig gelungen.
Das Projekt mit dem schönen Namen „Hand in Hand mit dem Regenbogenfisch“ – ein Musical für Kinder mit und ohne Migrationshintergrund – basiert auf einer bekannten Erzählung nach Markus Pfister von 1992. Projektpartner war eine Grundschule, Zielgruppe waren 15–20 Kinder der ersten und zweiten Klassen, beteiligt waren ausdrücklich auch ihre Eltern und Lehrer. Das Projektkonzept gewann sogar einen Förderpreis für beispielhafte Kinder- und Jugendprojekte unter dem Motto „Selbermachen!“. Doch während des ersten Lockdowns hatte es schon einmal von März bis September 2020 pausieren müssen. Danach durfte es wieder weitergehen – die Erwachsenen trugen Maske, die Kinder kamen ohne Maske in Kohorten zusammen. Singen war verboten! Das bedauerten alle, denn was ist ein Musical ohne Singen? Die Leiterin verlegte sich einfallsreich aufs Rappen, auf diese Weise entstand ein „Regenbogenfisch- Rap“. Auch dieses wurde bald seitens der Schulleitung nicht mehr gewünscht.
Die Leiterin entschied sich, ausschließlich szenisch und instrumental zu arbeiten. Die Buchtexte wurden verteilt, gelernt und geprobt. Schauspielübungen führten die Kinder in die Welt der Gefühle, der Stimmungen und der verschiedenen Charaktere des Stücks ein. Für jede Szene entstanden nun instrumentale Musiken wie z.B. Wassermusik, Sturmmusik, Musik des weinenden Regenbogenfisches etc. Dabei konnten die Kinder zahlreiche unbekannte Instrumente wie Ukulele, Schlagzeug, Oceandrum, Stealdrum und mehr ausprobieren und sich auch solistisch hervortun.
Die nächste Idee „in diesen Coronazeiten“ war die Gestaltung des Bühnenbildes – es entstanden individuelle bunte Fische und auch Aquarien zum Aufhängen. Zur Zeit des zweiten Lockdowns waren leider kaum noch Kinder in der Schule, daher pausierte das Projekt erneut. Eine Aufführung wurde trotz der sehr engagierten Lehrerinnen und der Sozialpädagogin fraglich. Doch dann durfte der geplante öffentliche Auftritt nicht stattfinden. Die Spielfreude und Kreativität der Kinder konnte dennoch aufblühen, wie hier in Fotos dokumentiert. Der Projektablauf hat der Musiktherapeutin ein gerüttelt Maß an Flexibilität und organisatorischer Improvisation abverlangt. Die Kinder erhielten zur Erinnerung einen USB-Stick mit ihrer Musik und ihren Fotos und bewahren ihre Erlebnisse mit den anderen und mit sich selbst sicherlich noch lange auf.

Ehe es das Zentrum für Musiktherapie gab, gab es EINEN Verein
Warum taten sich Kolleginnen in Bremen im Jahr 2000 zusammen? Aus heutiger Sicht ist es vielleicht schwierig, sich die damalige Lage der Musiktherapie in den 80er und 90er Jahren vorzustellen. Kurz gesagt, beäugten sich viele Angehörige unserer in mindestens acht unterschiedlichen Organisationen aufgesplitterten Berufsgruppe misstrauisch, denn Studiengänge und Ausbildungen hatten sich auf der Basis von unterschiedlichem theoretischem Hintergrund entwickelt. Zentrale Frage, nicht immer offen ausgesprochen, war: Wer ist ein richtiger Musiktherapeut und wendet die richtige Musiktherapie an? Viele hatten sich Illusionen über eine berufliche Anerkennung gemacht, gehofft, dass die Studienlage zu einem Berufsrecht führen würde, und leidvoll zur Kenntnis nehmen müssen, dass die Psychologischen Psychotherapeuten im Jahr 1999 ein Berufsgesetz erhielten, das die Musiktherapeutinnen ausschloss. Damit entfiel auch die Möglichkeit, im Einzelfall über eine ärztliche Delegation eine Kostenübernahme zu erreichen (Delegationsmodell).
In der Region Bremen versuchten einige Kolleginnen mit Erfahrungen aus Arbeitskreisen und Kongressen das Beste daraus zu machen: eine gegenseitige Annäherung, zunächst über lockere Treffen an ihren Arbeitsplätzen, was zu einem erfreulichen Austausch führte. Die Handlungsebene verlangte indessen auch eine organisatorische Form, „ein Gefäß“, wie es Hans-Helmut Decker-Voigt im „Nationalen Komitee zur Vorbereitung des 8. Weltkongresses“ in Hamburg 1996 nannte. Auf dem Hintergrund dieser Erfahrungen entstand der Verein BIM e.V. durch die Initiative zunächst von Eva Frank-Bleckwedel und Ilse Wolfram, später kamen viele andere hinzu. Nicht nur die großen, bundesweiten Organisationen sollte es geben, sondern von nun an auch in der Region Bremen eine offizielle Anlaufstelle für Musiktherapie. Um zusätzlich zu den bereits bestehenden selbstständig geführten Praxen das Potential des Fachs auch hier sichtbar zu machen, mussten arbeitsfähige
Strukturen entwickelt werden. Sichtbar wurde BIM durch seinen „Stadtführer Musiktherapie“. Mit vielen kleinen Schritten wurde BIM größer, organisierte Fachtage, lernte Fundraising und gab ab 2010 „zur Mitgliederbindung“ die „Infobriefe“ pro Quartal heraus, in denen bis heute über lokale, bundes- und europaweite Ereignisse berichtet wird. Wir sind bei Nr. 45, einsehbar als Download bei www.musik-bim.de oder über den Mailverteiler bei Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! bestellbar. Die 38 Mitglieder stellen eine „bunte Mischung“ aus Ausbildungen und Studiengängen dar, sie werden auf diese Weise der „Vielfalt“ gerecht, auch das ist eine Stärke unseres Fachs. Wie heißt es in der Vorrede zum Weltkongress: „One of the strengths of our discipline of music therapy is its diversity“.
Der Verein BIM e.V. arbeitet mithilfe eines verlässlichen (ehrenamtlichen) fünfköpfigen Vorstands; ein personeller gut vorbereiteter Wechsel zu jüngeren Kolleginnen wurde Ende 2021 bruchlos vollzogen. Anfragen nach Beratung und Therapieplätzen werden zügig beantwortet. Es lässt sich also durchaus sagen, dass die Trägerschaft des Zentrums gewährleistet ist und dass BIM ständig neue Ideen aufgreifen wird. Die BIM-Satzung formulierte bereits 2000 dafür als Vereinszweck „durch Musiktherapie unmittelbar die seelische Gesundheit von Menschen in allen Lebensbereichen zu fördern“. Damit kann BIM überall ankommen.

Die Autorin:
Ilse Wolfram
Integrative Musiktherapeutin (HPG), Dipl. Psych. mit Schwerpunkt Arbeits- und Organisationspsychologie
Lehrmusiktherapeutin DMtG zert., Ehrenmitglied DMtG
Supervisorin DGSv
Berufspolitik bei BAG MT, BAG KT, EMTC
Mitgründerin von BIM e.V.
Musiktherapeutische Praxis in Bremen 

Praxisvorstellung

Praxis für Musiktherapie

Pünktlich zu meinem 40jährigen Praxisjubiläum erhalte ich von der MuGRedaktion die Anfrage, diese dort vorzustellen. Es gibt sie seit 1981 in München, seit 1989 auch in Wessobrunn. Ich teile sie mit meiner Frau, der Pianistin und Atemtherapeutin Gabriele Engert-Timmermann. Ich selbst bin immer dienstags und mittwochs in der Münchner Praxis, ansonsten kann man mit mir in Wessobrunn Termine vereinbaren.
Zum Beruf des Musiktherapeuten kam ich auf Umwegen. Ich habe von 1969 bis 1975 in Münster studiert, schloss das Studium sowohl mit einem 1. Staatsexamen für das Lehramt und Musik als didaktischem Fach als auch mit einem Diplom in Pädagogik mit Schwerpunkten Sozialarbeit und Psychologie ab. Von 1975 bis 1978 war ich dann als Musiklehrer an einer Hauptschule im nördlichen Emsland tätig. In dieser Zeit lernte ich Musiktherapie im Rahmen einer Wochenend-Weiterbildung bei Hans-Helmut Decker-Voigt in der Lüneburger Heide kennen und wusste sofort: Das ist es!
Meine musiktherapeutische Ausbildung erhielt ich von 1978 bis 1981 an der Hochschule, heute Universität, für Musik und Darstellende Kunst in Wien unter der Leitung von Prof. Alfred Schmölz. Er hat meine Vorstellungen vom Fach, die praktische klinische Arbeit sowie Lehre und Lehrtherapie sehr geprägt. Seine didaktische Methode, den Studierenden Musik als Sprache verständlich zu machen, ist für mich immer noch faszinierend und grundlegend für vieles, was heute in der modernen Musiktherapie praktiziert, erforscht und gelehrt wird. Den Stufenweg zum musikalischen Symbolisieren in der Improvisation habe ich, natürlich meiner Persönlichkeit, Erfahrung und Weiterbildungen entsprechend, modifiziert und in dieser Form auch mit meinen Studierenden angewendet als eine Schule des Hörens und Verstehens, des Erspürens und Ausdrückens in Tönen.
Nach dem Studium in Wien zog ich nach München, um im Auftrag des Freien Musikzentrums dort Musiktherapie als Fachbereich aufzubauen. Dieser umfasste schließlich eine Fortbildungsreihe, eine jährliche Tagung und eine berufsbegleitende Ausbildung. Gleichzeitig begann ich in München Musiktherapie in freier Praxis anzubieten, was damals noch recht ungewöhnlich war. Man stieß aber durchaus auf das Interesse von Ärzt*innen und Psychotherapeut*innen, und der damalige Zeitgeist war sehr offen für Neues, selbsterfahrungsbereit und tolerant. Unser Fach war zunehmend in psychotherapeutischen Weiterbildungsinstituten und bei entsprechenden Veranstaltungen vertreten. Ärzt*innen und Psychotherapeut*innen nahmen Kontakt zu mir auf und boten Zusammenarbeit an, wenn sie Patient*innen hatten, bei denen sie sich von der Musiktherapie gute Erfolge versprachen. Bei entsprechenden ärztlichen Empfehlungsschreiben und einer selbstverfassten schriftlichen Begründung konnten die Kosten für die Musiktherapie sogar als „Kulanzleistung“ von Kassen übernommen werden. Das endete leider mit dem Psychotherapeutengesetz.
Von 1987 bis 1989 war ich Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Ulm, zunächst an der Abteilung „Anthropologie und Wissenschaftsforschung“ bei Prof. Baitsch, dann an der Abteilung für Psychotherapie, wo ich bei Horst Kächele promovierte. Die Studie zu einer Einzelmusiktherapie ermöglichte mir noch einmal eine lange und gründliche Reflektion der praktischen Arbeit, die ich nicht missen möchte. Gemeinsam mit Nicola Scheytt und Susanne Bauer bauten wir, insbesondere durch die „ulmer werkstatt für musiktherapeutische grundlagenforschung“, ein Netzwerk zur musiktherapeutischen Forschung auf. Inzwischen wird diese Tagung an der Universität Augsburg weitergeführt.
Im Jahre 1989 zogen meine Frau und ich mit unseren Kindern nach Wessobrunn, wo wir immer noch leben und seitdem im Hause einen Praxisraum für Musik- und Atemtherapie eingerichtet haben. Oberbayern ist im ländlichen Bereich keine therapeutische Diaspora. Sowohl Atem- als auch Musiktherapie werden nachgefragt. Zu mir kommen neben einigen Ortsansässigen auch Patient*innen und Klient*innen, die eine weitere Anreise mit der Arbeit in Blockzeiten kompensieren und die oberbayerische Landschaft genießen.
1995 fanden wir unsere Münchner Praxis, ein ehemaliges Tonstudio, welches schallisoliert worden war und daher sowohl die akustischen Phänomene dämpft als auch einer musiktherapeutischenSchweigepflicht genüge tut.
Sowohl in der Münchner als auch der Wessobrunner Praxis führe ich Musiktherapie mit erwachsenen Patient*innen und Klient*innen durch. Die meisten kommen mit psychosomatischen Beschwerden und verschiedenen psychischen Probleme, manche auf Empfehlung, manche wollen nach einem Klinikaufenthalt Musiktherapie als eine Therapieform, die ihnen gut getan hat, weiter erleben, manche suchen gezielt nach Musiktherapie und finden mich im Internet.
Inzwischen nehmen auch Lehrmusiktherapien und Supervisionen einen großen Teil meiner Praxistätigkeit ein. Lehrtherapie beinhaltet für mich einerseits einen persönlichen Selbsterfahrungsprozess, der die eigene Geschichte und aktuelle Probleme reflektiert. Gleichzeitig begleitet der Prozess die Erfahrungen in der Ausbildung, die Begegnungen mit dem Setting dort, insbesondere auch der Gruppe. Es wird jedoch auch immer
wieder die Metaebene einbezogen, das Reflektieren von erlebten Vorgehensweisen, Gedanken über die Rolle als Therapeut*in, das entsprechende Verhalten, unter Umständen verbunden mit theoretischen Hinweisen, und, last but not least, die Abgrenzungen vom Verhalten des Lehrtherapeuten oder der Lehrtherapeutin, um eine eigene Therapeut*innen-Persönlichkeit zu entwickeln.
Für die Arbeit stelle ich sowohl in München als auch in Wessobrunn Räume mit einem Instrumentarium zur Verfügung. Dies ist so ausgewählt, dass eine möglichst große Vielfalt an Klangmöglichkeiten angeboten werden kann. Zur Einrichtung des Raumes gehören ansonsten bequeme Sitz- und Liegemöglichkeiten inklusive Decken und Kissen. Auch kleine Angebote wie das Bereithalten von Papiertaschentüchern und von Zetteln und Stift für Notizen haben sich in der Alltagspraxis bewährt.
Zentrale Instrumente sind für mich Klavier, Monochord, Bassettl, Schlagwerk und Gitarre, ergänzt um diverse Orff- und Rhythmusinstrumente, um Blasinstrumente, Leiern, Akkordeon, Geige, um Gong, Klangschale, Ocean Drum, um Dschembe, Rahmentrommel, Rasseln und andere handliche Klangerzeuger. Alle Instrumente stehen bei mir grundsätzlich sowohl den Patient*innen/Klient*innen als auch mir als Therapeuten zur Verfügung, je nachdem, was die jeweilige Situation ausmacht.
Das Klavier ist von der Tonerzeugung her einfach und ohne besondere Kenntnisse zu spielen; an ihm lässt sich die ganze Komplexität der Musik (also Zentraltönigkeit/Bordun, Basslinien, Akkorde/Kadenzen, Melodien, Rhythmen, Atmosphären…) verwirklichen. Man kann es gut zu zweit spielen. Therapeut*innen ermöglicht es modales und kadenziales Spiel ebenso wie tastendes Mitsuchen oder provozierendes Aufrütteln.
Das Monochord hatte ich im Rahmen meines Wiener Studiums in der Vorlesung von Prof. Rudolf Haase über harmonikale Grundlagenforschung kennengelernt. Zwar fand ich das Messen mit den kleinen hölzernen Stegen spannend und aufschlussreich, sah aber auch die Möglichkeit, mit stabileren Spielstegen Skalen und andere Tonfolgen aus allen möglichen Teilen der Erde wie bei einem musikalische Baukasten einzustellen. Da hinein phantasierte ich eine Zukunftsmöglichkeit in der Musiktherapie, die sich erst später konkretisierte. Patient*innen und Klient*innen aus den verschiedensten Ländern Europas und der Welt sind heute selbstverständlicher Teil des musiktherapeutischen Alltags. Dieser schlichte Holzkasten mit Saiten namens Monochord ist kulturunabhängig eine Art Archetyp des Saiteninstruments, und in Verbindung mit dem Einstellen kulturspezifischer Skalen entsteht eine sofort und leicht spielbare Begegnung mit dem jeweiligen kulturellen Hintergrund. Gleichzeitig stellt das fließende Spiel auf den gleichgestimmten Saiten eine Möglichkeit zum rezeptiven „Für-Spiel“ oder auch eine Einladung zum Mittönen mit der Stimme dar.
In verschiedenen Texten habe ich bereits über die musikalische Realisation gängiger psychotherapeutischer Techniken nachgedacht. Wie klingt Halten (Holding, Containing), Stützen, Spiegeln, Konfrontieren/Provozieren usw. Das Bassettl, ein kleiner Bass, weckt bereits im Namen die Phantasien von Basis, also haltendem, stützendem, fundierendem Spiel, durch Streichen oder „groovendes“ zupfendes Begleiten von Improvisationen – auch bei „exotischen“ Instrumenten jenseits von Kammerton und temperierter Stimmung. Es lassen sich aber musikalisch auch sehr schön die Schattenseiten des Lebens vertonen, besonders, wenn man ungeübt mit Streichinstrumenten ist, aber auch, wenn man es will.
Grundsätzlich kann jedes Instrument geeignet sein, auf das Spiel von Patient*innen und Klient*innen Resonanz zu geben. Dies kann ein unterstützendes und stärkendes Begleiten sein. Vielleicht folgt man aber auch (womöglich nicht unbedingt in der ersten Sitzung) dem Impuls zur Konfrontation durch spontan provozierendes Spiel als Anregung von Veränderung, Wandlung, sich Lösen aus Festgefahrenem.
Eine dabei hilfreiche therapeutische Haltung ist, die Patient*innen wahrzunehmen, ohne sie zu bewerten. Dies ist gerade in der Psychotherapie mit künstlerischen Medien von großer Bedeutung, wird doch künstlerischer Ausdruck in der professionellen Form immer auch mit kritischer Beurteilung verbunden. Nach meiner Erfahrung ist es am Leichtesten, wenn man einfach neugierig auf Musik im weitesten Sinne ist, auf freie Improvisation als einer akustischen Symbolsprache. Diese Haltung lauscht auf die Resonanz suchende Seele, findet authentische Formen klanglichen Ausdrucks spannend und möchte sich im Kontakt möglichst natürlich verhalten. „Möglichst“ schließt den Gedanken ein, dass auch Therapeut*innen nur Menschen sind und über individuell begrenzten Spielraum an Möglichkeiten verfügen, jedoch daran arbeiten und sich spätestens bei auftauchenden Problemen supervisorischen Beistand holen. Eine gute Kombination von Demut und Würde scheint mir dabei hilfreich.
Seit meiner Studienzeit beschäftige ich mich mit dem psychologischen Modell von C. G. Jung. Dies in den Zusammenhang mit der Musiktherapie zu stellen, war Thema eines meiner letzten Bücher. Sein Wirklichkeitsmodell ist für mich das natürlichste Abbild der Seelenlandschaft, das ich kenne. Im Zentrum steht die Individuation, die persönliche Selbst- und Sinnfindung des Menschen in Beziehung zu Mitmensch und Mitwelt. Ziel von Therapie ist dann, den persönlichen Spiel-Raum im Schicksal mehr und mehr auszufüllen, möglichst vollständig zu werden und die darin liegende Freiheit nehmen und leben zu können.
Mir gefällt speziell Jungs Unterscheidung der zwei Arten von Gewissen, des „Über-Ich“ und der „inneren Stimme“. In meinem akustischen Denken geht es darum, die Stimmen der „Über-Ich-Talkshow“ aus Eltern, Verwandten, Lehrern, Priestern und „Influencern“ aller Sorten leiser werden zu lassen, um die „innere Stimme“ des Selbst vernehmen zu können, um den ganz persönlichen Lebenssinn zu erkennen. Sozialisationsbedingter Selbst-Entfremdung setzt Jung das heilsame Bewusstsein entgegen, dass jeder Mensch persönlich bedeutsamer und sinnvoller Teil eines sinnvollen Ganzen ist. Es geht also um eine Be-sinnung auf und ein sich wieder Verbinden (re-ligio) mit dem tiefsten, primären Selbst, das heil und heilsam unter allen schicksalsbedingten Wunden, Irritationen und Verbiegungen auf dem Grunde unseres Atems darauf wartet, dass wir nach Hause kommen.
Großen Einfluss auf meine Arbeit hatte die Ausbildung in Atemtherapie, die ich, gemeinsam mit meiner Frau, bei Herta Richter im Münchner „Atemhaus“ in den 1980er Jahren genoss. Ich lernte, mich im Sitzen, Liegen und Stehen mit dem Atem zu verbinden. Das Schmölzsche Element der Stille, des Lauschens, des „Lauschsamwerdens“ und des sich Einstimmens wurde hier noch einmal vertieft. Als ehemalige Sängerin lud Herta Richter uns immer wieder zum Tönenlassen des Atems ein, was zu wunderschönen Stimmimprovisationen in der Gruppe führte und für mich auch eine Brücke zur Musiktherapie darstellte. In gemeinsam mit meiner Frau geleiteten Seminaren haben wir eine Kombination von Atem- und Musiktherapie methodisch entwickelt. In der therapeutischen Praxis sind Körper- und Atemwahrnehmung für die Vorbereitung rezeptiver Angebote und als Moment der Einstimmung in eine Improvisation hilfreich. Der Spielraum im Schicksal offenbart sich im Atemraum, den ich zulassen kann.
Eine große Erweiterung meiner therapeutischen Perspektive stellt auch die systemische Aufstellungsarbeit dar, die ich in den 1990er Jahren durch Selbsterfahrung und Beobachtung kennenlernte. In meiner musiktherapeutischen Arbeit ist sie eine wichtige Vorgehensweise, sowohl diagnostisch im Hinblick auf das Forschen nach dem Ursprung von Problematiken als auch bei der pragmatischen Suche nach Lösungen. Hierbei steht nicht das Subjekt oder Ich im Zentrum der Wahrnehmung, sondern das Spiel der Kräfte, in die der einzelne Mensch eingebunden ist. Aufstellungen können ein Feld voller Informationen in die Wahrnehmung bringen. Es kann spürbar werden, wie ein Familiensystem in seiner transgenerationalen, beziehungsmäßigen Komplexität wirkt und manchmal, wie dies im Zusammenspiel mit archetypischen Kräften (das Mütterliche, der Tod usw.) sich darstellt. Individuation ist durch Verstrickung in überpersönliche Schicksalszusammenhänge oft nur reduziert möglich, wenn Menschen unbewusst in systemisch ausgleichende Rollen gehen, z.B. das Schicksal eines vorhergehenden Familienmitglieds wie in einem für ihn geschriebenen Drehbuch „nachleben“. Freuds „Wiederholungszwang“, modern als „repetitive Muster“ beschrieben, zeigt sich hier auf der systemischen Ebene.
Die musiktherapeutische Aufstellungsarbeit mit Gruppen erfordert allerdings einen größeren Raum als meine private Praxis bieten kann. Doch auch im Einzelsetting ist das Aufstellen der Herkunftsfamilie für mich ein sehr anschauliches und bei rechter Anwendung wenig von Kopf und Über-Ich gesteuertes Mittel, sinnlich erlebbar und höchst wirksam den größeren Schicksalszusammenhang wahrzunehmen, in dem ein Mensch sich befindet. Indem dieser sich dann zu den einzelnen Instrumenten stellt, wird einerseits die Blickrichtung der repräsentierten Personen deutlich, gleichzeitig kann er sich dort jeweils einfühlen und auch die Situation anderer Familienmitglieder spüren. Die Symbolik der Instrumente tut ein Übriges. Das Experimentieren mit der Aufstellung ermöglicht eine Suche nach Lösungen, auch im weiteren Verlauf eines Prozesses. Ebenfalls in der Supervision hat sich dies bewährt.
Das war jetzt die Geschichte mit meiner Praxis. Auch wenn ich fest angestellt war an Kliniken und Universitäten,
ich behielt immer mindestens einen Tag pro Woche dafür bei. Ich konnte auch nie etwas erforschen oder unterrichten, was ich selber gar nicht mehr mache. Dazu liebe ich im Übrigen diesen Beruf zu sehr.

Schwerpunktthema I

Innovation am Ende der Talsohle? Erfahrungen aus einer musiktherapeutischen Studie in Pandemiezeiten

Von Laura Blauth, Carina Petrowitz, Thomas Wosch

Wenn über eine große Forschungsstudie berichtet wird, stehen vor allem Zahlen und Daten im Vordergrund. Hinter diesen Zahlen verbergen sich jedoch viele ganz persönliche Erfahrungen und Erlebnisse aller Beteiligten, die für die Planung und Durchführung zukünftiger Projekte von großer Bedeutung sind. An dieser Stelle wollen deshalb drei Mitarbeiter*innen der Forschungsstudie HOMESIDE einen Einblick hinter die Zahlen ermöglichen.
Die internationale Forschungsstudie HOMESIDE wird parallel in fünf Ländern (Australien, Deutschland, Großbritannien, Norwegen, Polen) durchgeführt und untersucht die Wirkung musiktherapeutischer und lesetherapeutischer Angebote für Menschen mit Demenz und ihre pflegenden Angehörigen. In Deutschland wird das Projekt von der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt, kurz FHWS, betreut und umgesetzt. HOMESIDE ist eine dreiarmige kontrolliert randomisierte Studie (RCT), die von der Europäischen Union unterstützt und in Deutschland vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziell gefördert wird. In jedem der fünf teilnehmenden Länder sollen 99 (also insgesamt 495) Paare an der Studie teilnehmen. Die Bezeichnung Teilnehmerpaar bezieht sich hier auf einen Menschen mit Demenz und einen, im gleichen Haushalt lebenden, pflegenden Angehörigen. Teilnehmende Paare werden zufällig der Musikintervention, der Leseintervention oder der Kontrollgruppe zugeteilt. Die Paare in der Musik- und der Leseintervention werden von Therapeut*innen dabei unterstützt, Musik- bzw. Leseaktivitäten im Alltag und in der häuslichen Pflege einzusetzen. Diese gemeinsamen Aktivitäten sollen dabei helfen, Symptome der Demenz (z.B. Unruhe oder Niedergeschlagenheit) zu regulieren, Erinnerungen zu wecken, Gemeinsamkeit zu erzeugen und das Wohlbefinden aller Beteiligten zu verbessern. Jede Einbeziehung der Teilnehmenden findet direkt bei ihnen in ihrem Zuhause, und damit in ihrem gewohnten Umfeld, statt.
Die Durchführung der Studie wurde von den Veränderungen und Kontaktbeschränkungen durch die Corona-Pandemie stark beeinträchtigt. Nach einem guten Start im Jahr 2019, konnte das Projekt ab März 2020 plötzlich nicht mehr wie geplant fortgeführt werden. Nur durch große Umstrukturierungen war es möglich, die Ziele der Forschungsstudie zu erreichen und den teilnehmenden Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen ein therapeutisches Angebot zu machen. In den folgenden Beiträgen möchten wir auf diese Veränderungen eingehen und aus drei individuellen Sichtweisen betrachten. Eine Musiktherapeutin, die klinische Studienleiterin und der Projektleiter von HOMESIDE in Deutschland erzählen, ob und wie sie das „Hinein in die Talsohle – und hinaus aus ihr“ durch die Corona-Pandemie erlebt haben.

Teil 1: Carina Petrowitz
Musiktherapie aus dem Homeoffice – musiktherapeutische Arbeit in Zeiten von Kontaktbeschränkungen
Nach einiger Zeit der klinischen Arbeit als Musiktherapeutin in einer Akutpsychiatrie beginnt für mich im November 2019 eine neue berufliche Herausforderung und Tätigkeit: die Durchführung der musiktherapeutischen Interventionen im Rahmen der internationalen Studie HOMESIDE. Die Studie HOMESIDE ist zu diesem Zeitpunkt nicht nur die weltweit größte Studie im Bereich der Demenz, sondern die untersuchte
musiktherapeutische Intervention bringt auch besondere Neuerungen und Bedingungen mit sich.

Besonderheiten des musiktherapeutischen Angebots
Als ambulantes, häusliches Angebot findet die HOMESIDE Musiktherapie im häuslichen Umfeld der Studienteilnehmer*innen statt. Die Demenzbetroffenen und ihre Angehörigen nehmen gemeinsam an den von Musiktherapeut*innen geleiteten, therapeutischen Interventionen teil. Zu dritt entdecken und erleben Therapeut*in und das teilnehmende Paar Musik, die zum Beispiel das Wohlbefinden steigern, gemeinsame Erinnerungen ermöglichen oder die Beziehung der Teilnehmenden stärken kann. Gemeinsames Singen, Hören von Musik, Tanzen oder Instrumentalspiel werden als musikalische Aktivitäten vorgestellt und ausprobiert. Orientiert an individuellen Vorlieben und Interessen der Teilnehmer*innen können durch die gemeinsamen Musikaktivitäten positive Erlebnisse angeregt, fokussiert und verstärkt werden. Diese gemeinsam entdeckten, musikalischen Aktivitäten sollen über die therapeutische Intervention hinaus auch im Alltag und ganz ohne die Therapeutin genutzt und eingesetzt werden.

Neue musiktherapeutische Chancen und Herausforderungen
Im Vergleich zu meiner bisherigen Tätigkeit im klinischen Umfeld bewege ich mich heraus aus meinem voll ausgestatteten Musiktherapieraum, hinein in das Zuhause der Menschen und nutze das, was ich jeweils vor Ort vorfinde. Darüber hinaus muss ich immer im Kopf haben, dass alle musikalischen Aktivitäten auch ohne mich nutzbar sein sollten und die Teilnehmenden darin anzuleiten, dies in ihren Alltag zu integrieren.
Im Januar 2020 ist es dann soweit, das erste Paar wird der Musikgruppe zugeteilt und ich kann die Arbeit mit ihnen beginnen. Ich besuche die Teilnehmenden zu Hause, bin Gast in ihrem Wohnzimmer und gleichzeitig Therapeutin einer Forschungsstudie, die Musik mit ins Haus bringt oder die Musik im Haus wieder erklingen lässt. Die Atmosphäre im ersten Termin scheint zunächst verhalten. Gemeinsam gestalten wir einen intensiven ersten Termin und legen schnell unsere Nervosität ab. Schließlich ist bereits dieser Termin geprägt von einem regen Gesprächsaustausch, aber auch viel Musik. Wir freuen uns miteinander über positive Reaktionen, wie beispielsweise ein Wippen mit dem Fuß, Klatschen oder leises Mitsingen. Wir blättern gemeinsam in Fotoalben, weil uns bei einem Lied etwas eingefallen ist oder uns zu einem älteren Foto auch ein neues, passendes Lied einfällt. Wir überlegen, wann und wie die Musik einen Platz im Alltag finden kann, um jederzeit an die positiven Erlebnisse anknüpfen zu können. Zum Abschluss verabreden wir uns für ein kurzes Telefonat in der folgenden Woche. Eine telefonische Begleitung findet über den gesamten Zeitraum der gemeinsamen Musikaktivitäten statt.
Auch wenn ich zu Beginn meiner Tätigkeit nur eine annähernde Vorstellung dieses neuen musiktherapeutischen Arbeitsfeldes habe, merke ich schnell, wie mich diese wertvolle Arbeit begeistert. Kurz darauf beginne ich die Begleitung eines weiteren Paares. Zusammen gelingt es uns, den Alltag mit Musik zu bereichern und das Leben mit sowie das Erleben der Demenz so zu verändern, dass die Fokussierung auf das Positive im Mittelpunkt steht. Natürlich können die Symptome der Demenz dadurch nicht genommen werden, aber wir können den Blick darauf und den Umgang damit verändern.