Zum Mitmachen

Kleine Hilfen mit Atem, Bewegung und Stimme
Von Sabine Rittner

Klangfarben – Farbklänge 
So hieß vor langer Zeit eines meiner Seminarangebote: „Klangfarben – Farbklänge“. 
Die Übungssequenz, die ich heute für Sie zum Mitmachen beschreiben möchte, begleitet mich, seit ich 1977 begonnen habe, musiktherapeutisch tätig zu sein. Diejenigen von Ihnen, die mich kennen, wissen, dass ich von Anbeginn konsequent körperbezogen gearbeitet habe, dass ich die Bewegung, den Atem, die Stimme und immer auch die Farben einbezogen habe in meine unterschiedlichsten musiktherapeutischen Tätigkeitsfelder. Ich konnte noch nie verstehen, wie man denn ohne den Atem, ohne die Stimme, ohne die sowieso vorhandene Körperbewegung, ja, auch ohne das Malen Musiktherapie ausschließlich an Musikinstrumenten betreiben kann…? Auch wenn sich mein Arbeitsstil mit dem Älterwerden sicherlich gewandelt hat, so hat sich doch meine Grundhaltung, dass multimodale Zugangswege immanent zur Musiktherapie gehören, bis heute nicht verändert. Sicherlich spielte die Erfahrung der sinnlichen und sinnhaften Aneignung meines eigenen Körpers dabei eine große Rolle, war doch die Suche nach Lebendigkeit eines von frühester Kindheit an in seiner Beweglichkeit eingeschränkten Körpers die schöpferische Quelle dieses Antriebs.

1. Vorbereitung
Nehmen Sie sich etwa 45 Minuten Zeit für diese Stimm-Klang-Farben-Erkundung. Die Sequenz findet im Stehen bzw. in Bewegung statt. Sie kann bei eingeschränkten Möglichkeiten aber auch im Sitzen oder am Boden hockend ausgeführt werden. Besorgen sie sich ein großes Blatt Malpapier oder einen großen Malblock und Malfarben. Am besten geeignet sind für diesen Zweck Wachsmalkreiden. Wählen Sie einen geeigneten Platz aus: im Raum oder draußen an einem geschützten Ort auf dem Balkon, im Garten oder in der Natur. Sie brauchen ausreichend Platz für Bewegung und einen Tisch oder eine erhöhte Ablagefläche für das große Blatt Malpapier und die Farben. Sie können das Malpapier mit KreppKlebeband auf den Tisch oder die Malfläche kleben. Falls möglich ist es auch sehr geeignet, das Malpapier in Armhöhe an eine Wand zu kleben.
(Hier ein Künstlerinnen-Tipp: Kleben Sie den gesamten Rand so ab, dass 1 cm des Bildrandes ringsum gleichmäßig abgedeckt ist. Ganz am Schluss, wenn sich das Gemälde vollendet hat, entsteht nach dem vorsichtigen Abziehen des Klebebandes ein weißes Passepartout, das dem Bild noch mehr Erhabenheit verleiht und zum Aufhängen verlockt.)

2. Loslassen
Nach diesen Vorbereitungen kann es nun losgehen. Stellen Sie sich mit gelösten Knien entspannt hin und richten Ihre Aufmerksamkeit auf Ihren Atem. Mit Hilfe Ihrer Vorstellungskraft schicken Sie nun Ihren nächsten Ausatem in den Boden hinunter. Dazu lassen Sie mit den Lippen ein weiches „fff“ hörbar werden. Mit diesem Rauschgeräusch Ihres Ausatems lassen Sie in die Erde hinab abfließen, was immer jetzt lästig oder zuviel sein mag: Spannungen, Unruhe, Gedanken…
Verlagern Sie nun mit dem nächsten Ausatem Ihr Gewicht auf einen Fuß und federn Sie in den Knien ein wenig nach, so dass alles Überfällige durch Ihre Fußsohle hindurch in die Erde hinunter sickern kann. Mit dem nächsten Ausatem verlagern Sie das Gewicht auf den anderen Fuß, federn nach, lassen los. Die Erde nimmt alles auf und verwandelt es.

3. Vertiefen
Begeben Sie sich nun auf Entdeckung zu Ihrem „innere Heiligtum“: wo finden sie es heute in Ihrem Körper-Seelen-Innenraum? Im Bauch oder im Herzen oder hinter der Stirn oder…? Lassen Sie aus diesem Raum in Ihrem Innern, in dem alles gut ist und Sie ganz bei sich zu Hause sind, summend einen Klang hörbar werden. Dieser Summ-Klang hat seine eigene Farbigkeit, sein ganz eigenes Licht, das Sie mit Ihren „inneren Augen“ wahrnehmen können. Das Summen breitet sich immer mehr aus, kleidet Ihren Innenraum nach und nach aus, indem es sich an seine Innenwände legt und Sie von innen her streichelt mit Vibrationen. Genießen Sie diese Summ-Klang-Nahrung aus der Tiefe Ihres Seins.

4. Tönen in Bewegung
Nach und nach erweitert sich dieses Summen zu einem Tönen, das Sie in Ihren Außenraum, in das Energiefeld, das Sie umgibt, hinausströmen lassen. Dazu greifen Sie die Bewegung, die schon längst da ist, auf und erlauben ihr, sich zu vergrößern, nach und nach den ganzen Körper zu ergreifen. Das Tönen nimmt Ihre Bewegungen mit und die Bewegungen inspirieren wiederum neue Töne. Es entsteht ein freier Tanz zu Ihren spontanen Gesängen, die aus dem Moment heraus geboren werden und sich in Bewegung ausdrücken mögen.

5. Tönend malen
Greifen Sie aus dieser tönenden Bewegung heraus zu einer Farbe, ohne mit dem Singen aufzuhören: Welche Farbe verlockt Sie spontan? Sie können auch beide Hände gleichzeitig zu zwei verschiedenen Farben greifen lassen. Sollten Sie davon überzeugt sein, überhaupt nicht malen zu können, habe ich folgenden Tipp: Nehmen Sie diejenige Hand, die Sie normalerweise nicht nehmen würden zum Malen, und schauen ihr neugierig zu, was entstehen, was sichtbar werden möchte.
Ihr Tönen, Ihr Singen stimuliert die Bewegungen Ihrer Hände, die durch den Raum auf dem Papier gleiten. Ihre Hände werden von den Klängen, von den Klangbewegungen gelockt, sich über das Papier zu bewegen und Sie schauen Ihnen neugierig, staunend und tönend dabei zu. Nach und nach fließt beides ineinander: mal führt das Tönen das Malen an, mal lässt das, was Sie malend entdecken, neue Klänge, Tonfolgen, Melodien aus Ihnen hervorquellen, schließlich findet alles gleichzeitig statt.
Lassen sie zu, dass das gesamte Blatt mit Farbe ausgefüllt wird. Sollten Sie sich dabei ertappen, angestrengt „etwas ganz bestimmtes darstellen oder zeichnen zu wollen“, so bitten Sie diesen ehrgeizigen Persönlichkeitsanteil, ein wenig beiseite zu treten und sich innerlich in einem bequemen Sessel auszuruhen. Von dort aus kann er gerne zuschauen, wie sie heute leistungsfrei experimentieren mit Ihren ureigenen Klangfarben und Farbklängen.

6. Nachspüren
Wenn es genug ist – Sie werden diesen Zeitpunkt erspüren – legen Sie die Stifte beiseite und treten einen Schritt zurück von Ihrem Bild. Nehmen Sie die Veränderungen wahr, die mit Ihnen geschehen sind. Was ist jetzt anders als am Beginn dieser Farb-Klang-Bewegungs-Erkundung? Wie hat sich Ihre Stimmung verändert? Wie ihr Körperempfinden? Wie Ihr Raumgefühl? Wie der Kontakt zwischen dem Innen und dem Außen? Was hat sich mit Ihren Gedanken verändert? Wenn Sie diese Wandlung Ihrer Befindlichkeit registriert haben, genießen Sie die „Ernte“, und gönnen Sie sich dann ein genüssliches Räkeln, Gähnen, Strecken.

7. Mit der Atembrücke das Bild explorieren
Nun nehmen Sie etwa 2–3 m Abstand von Ihrem Gemälde oder stellen Sie es ein wenig entfernt aufrecht vor sich hin, so dass Sie bequem davor stehen oder sitzen können. Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Ihren Atem, beobachten Sie das Ein und Aus Ihres Atems. Mit dem nun folgenden Ausatem gleiten Sie wie auf einer „Atembrücke“ hinüber und berühren mit diesem Ausatemstrom ihr Bild an einer bestimmten Stelle. Tauchen Sie dort hinein, erkunden Sie es neugierig, lassen Sie sich von diesem Punkt, dieser Stelle Ihres Gemäldes etwas mitteilen. Mit dem folgenden Einatem kehren Sie wieder zurück in Ihren Körper, nehmen in sich auf, was Sie entdeckt, erfahren, erkundet haben. In dieser Weise fahren Sie fort: der Ausatem gleitet hinüber – jedes Mal zu einer anderen Stelle des Bildes –, der Einatem kehrt zurück zu Ihnen und bringt eine Empfindung mit. Erkunden Sie auf diese Weise den gesamten Raum Ihres Gemäldes: Vielleicht entdecken Sie Bildbereiche, zu denen Sie sich besonders hingezogen fühlen, bei denen Sie gerne etwas länger verweilen, andere Stellen mögen Sie vielleicht irritieren oder gar abstoßen. Wenn Sie auf diese Weise das gesamte Bild erkundet haben, kehren Sie wieder ganz zu sich zurück und lassen Sie aus Ihrem Herzen heraus spontan einen Titel für das Gemälde aufsteigen. Schreiben Sie diesen auf die bemalte Vorder- oder auf die Rückseite des Bildes, zusammen mit dem Entstehungsdatum.

8. Ausklang
Nach Abschluss dieser Bildexploration nehmen Sie sich einen Moment Zeit, um sich zu dem, was Sie aus der Tiefe Ihrer Seelenweisheit mitgeteilt bekommen haben, Notizen zu machen. Wenn Sie die Gelegenheit haben, sich leistungs- und wertungsfrei mit jemandem über diese Klang-Farben-Erfahrung auszutauschen, umso besser.

Ich suche nicht – ich finde.
Suchen – das ist Ausgehen von alten Beständen…
Finden – das ist das völlig Neue! 
Das Neue auch in der Bewegung.
Alle Wege sind offen,
und was gefunden wird ist unbekannt.
Es ist ein Wagnis – ein heiliges Abenteuer!

Pablo Picasso


Methodische Hinweise für Musiktherapeut*innen

- Diese Übungssequenz lässt sich sowohl in der Einzeltherapie als auch in der Gruppenarbeit einsetzen. Besonders in der Einzelbegleitung macht es Sinn, als Therapeut*in einen schützenden Klangraum mit dem behutsam animierenden Tönen der eigenen Stimme anzubieten.
- Es wird in dieser Sequenz (2.–6.) das wellenförmige Grundprinzip verfolgt: von tief Innen, aus der Quelle des SELBST schöpfend, den momentanen Ausdruck sich entfalten lassen, immer mehr nach außen, dann in den Kontakt (mit dem Medium oder dem Du), schlussendlich wieder zurück nach innen und nachspüren in Stille (Embodiment).
- Bei der Bildexploration (7.) geht es nicht um Deutungen, Analysen und Erklärungen, sondern es bleibt immer noch beim intuitiven Spür-Erkunden des Gemäldes, um es staunend, interessiert, neugierig und körperbezogen mit Hilfe der „inneren Weisheit“ zu erkennen, wertungs- und leistungsfrei. Dabei geht es darum, zunehmend mehr SELBST-Bezug herzustellen. Dies kann für das therapeutische Nachgespräch von Bedeutung sein.

Literaturtipps und Infos
Rittner, S. (2008). Der Wirkfaktor Stimme in der Psychotherapie / in der Musiktherapie. Musiktherapeutische Umschau, Themenheft „Die Stimme im therapeutischen Dialog“, 29(3), 201–220.
Knill, P. J. (1992). Ausdruckstherapie. Künstlerischer Ausdruck in Therapie und Erziehung als intermediale Methode. Lilienthal: Eres Edition. – Ein historisch wertvolles Büchlein, das immer noch sehr lesenswert ist.
Egger, B. (2009). Faszination Malen. Praktisches, Erzieherisches, Anregendes. Bern: Zytglogge.
Rössler, W., Matter, B. (2013). Kunst- und Ausdruckstherapien. Ein Handbuch für psychiatrische und psychosoziale Praxis. Stuttgart: Kohlhammer.
Unter www.sabinerittner.de finden Sie mehrere Videos mit einer von Sabine Rittner angeleiteten, tönenden Stimm-Meditation und einer Klangtrance-Reise kostenlos zum Mitmachen.