Heft 48 ist erschienen!
Musiktherapie bei Entwicklungsstörungen
Die 48. Ausgabe der MuG beschäftigt sich mit den zahlreichen Anwendungsbereichen von Musiktherapie bei Entwicklungsstörungen, z. B. zur Unterstützung von Spracherwerb und Sprachverarbeitung oder bei Autismus-Spektrum-Störungen.
Editorial
Ich kann kein Editorial für unsere neue MuG 48 verfassen, ohne noch einmal das Bild von Petra Jürgens über dem Editorial unserer letzten gemeinsamen MuG 47 auf mich wirken zu lassen (gerade schaue ich es mir noch einmal an, ein kluger, humorvoller, vielleicht auch etwas provokanter Blick…) – wir gestalteten diese letzte MuG sowohl als Mitherausgeber:innen als auch als Mitbeteiligte mit einem großen „Vierergespräch“ (gemeinsam mit Thomas Stegemann und Tonius Timmermann) zum 80. Geburtstag unseres Gründers und Herausgebers.
Ihr nicht ganz plötzlicher, aber für uns alle schmerzlicher Tod nimmt naturgemäß in dieser MuG einigen Raum ein: Sowohl Hans-Helmut Decker-Voigt’s Worte zu ihrer Trauerfeier in Friedensau als auch ein Nachruf von mir an die lieb gewordene Kollegin und Mitherausgeberin sollen noch einmal ihrer gedenken! Lassen Sie sich durch uns noch einmal an sie erinnern…
Vorschau Heft 49 (2026)
Musiktherapie und Songwriting
Im Musiktherapeutischen Songwriting erschaffen die Klienten mit Unterstützung des Therapeuten/der Therapeutin eigene Lieder und Texte und können darin ihre Gedanken, Gefühle, Wünsche u.a. zum Ausdruck bringen.
Inhaltsverzeichnis
Editorial
Hans Ulrich Schmidt
Musiktherapeutischer Klinikspaziergang
Klinikspaziergang durch die Psychosomatik der Charité – Musiktherapie erleben
Gert Tuinmann und Sophie Just
Praxisvorstellung
Therapeutische Praxis Ameli Bode, Hannover
Ameli Bode
Patienteninterview
Musiktherapie bei Entwicklungsstörungen
Alexandra Takats
Schwerpunktthema I
Musiktherapie zur Förderung der kindlichen Entwicklung
Stephan Sallat
Schwerpunktthema II
Musiktherapie im Bereich der (Neuro)Entwicklungsstörungen
Claudia König
Schwerpunktthema III
Esther – musiktherapeutische Begegnung.
Zur Rolle von Situationsliedern im Kontakt mit einem Kind im Autismus-Spektrum
Lucia von Damnitz
Capriccio cerebrale
Bridges… von Brücken in Hamburg und im Gehirn
Thomas Stegemann
Menschen und Orte
News und Hochschulnachrichten
Zur Person.
Gedanken zum Abschied von Prof. Dr. Petra Jürgens
Hans-Helmut Decker-Voigt
Zur Person.
Nachruf für Petra Jürgens
Hans Ulrich Schmidt
Zur Person.
Christine Decker-Voigt
Hans-Helmut Decker-Voigt
Eindrücke vom European Musictherapy Congress in Hamburg
Buch und Medien
Rezension
Seppendorf/Schöndube: Musiktherapeutische Intervention im Coaching
Ludger Kowal-Summek
Zum Mitmachen
Kleine Hilfen mit Atem, Bewegung und Stimme
Nachnährendes Tönen im gemeinsamen Körper-Klang-Kugel-Raum
Sabine Rittner
Impressum
Vorschau. Impressum
Musiktherapeutischer Klinikspaziergang
Klinikspaziergang durch die Psychosomatik der Charité – Musiktherapie erleben
Gert Tuinmann und Sopie Just
Willkommen zu einem besonderen Rundgang durch die psychosomatischen Abteilungen der Charité – Orten, an denen Körper und Seele ganzheitlich betrachtet werden und die Musik als therapeutische Ergänzung eine bedeutende Rolle spielt. Die Musiktherapie ist ein integraler Bestandteil unseres multimodalen Behandlungsansatzes. Sie unterstützt Patient:innen dabei, Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken, Ressourcen zu aktivieren und entdecken, innere Spannungen zu lösen, Entspannung zu fördern und in Kontakt mit sich selbst und anderen zu treten. Musiktherapie schafft einen Raum, in dem das Unsagbare einen Ausdruck findet, sodass individuelle Prozesse angestoßen und emotionale Entwicklungen begleitet werden können.
Begleiten Sie uns auf einem Spaziergang durch die drei Standorte der Charité und lernen Sie die Menschen kennen, die sich mit großer Hingabe und fachlicher Expertise dieser besonderen Therapieform widmen. Entdecken Sie, wie Klänge Brücken bauen, Resonanz erzeugen und Heilungsprozesse auf einzigartige Weise unterstützen.
Campus Benjamin Franklin (CBF): Klangräume für Essstörungen und psychosomatische Erkrankungen
Unser erster Halt führt uns in den Südwesten Berlins – zum Campus Benjamin Franklin. Hier befindet sich die Station S34, auf der Musiktherapeutin Andrea Klein Patient:innen mit Essstörungen wie Anorexia nervosa oder Bulimia nervosa begleitet. Darüber hinaus betreut sie Menschen mit generalisierten psychosomatischen oder somatopsychischen Erkrankungen – darunter chronische Schmerzsyndrome, somatoforme Störungen, Angststörungen, Depressionen mit körperlichen Beschwerden sowie funktionelle Magen-Darm-Beschwerden. Es handelt sich um ein komplexes Spektrum, in dem körperliche und seelische Aspekte untrennbar miteinander verwoben sind.
In der Musiktherapie auf S34 steht die Beziehungsarbeit durch Klang und Rhythmus im Zentrum. In einer Atmosphäre, die sowohl Halt als auch Ausdruck ermöglicht, werden gemeinsam Klänge gestaltet, Instrumente ausprobiert, die eigene Stimme eingesetzt oder Musik gehört – ein Weg, um emotionale Blockaden zu lösen, Selbstregulation zu üben und das Körperempfinden auf neue Weise zu erleben. Darüber hinaus sollen Verhaltens- und Erlebensweisen in Interaktion reflektiert und auf spielerische Weise erprobt und gestaltet werden.
Die Station ist auf 32 Patient:innen ausgerichtet, die im Rahmen eines interdisziplinären
Behandlungskonzepts betreut werden. Die Musiktherapie wird sowohl einzeln als auch in Gruppen angeboten und ist eng mit anderen therapeutischen Angeboten wie Psychotherapie, Kunsttherapie, Physiotherapie oder Sozialdienst verzahnt. Andrea Klein beschreibt ihre Arbeit als „eine spielerische Einladung, die eigenen Wahrnehmungs- und Handlungsmöglichkeiten auszuloten und den Umgang mit sich selbst und anderen neu zu gestalten.“
Campus Mitte: Tinnitus verstehen – durch Musik zur inneren Stille finden
Am traditionsreichen Campus Mitte betreut Ulf Böttcher, Musiktherapeut und zugleich Leiter der Spezialtherapien in der Psychosomatik, Patient:innen mit Tinnitus in der dortigen psychosomatischen Tagesklinik. Tinnitus stellt ein komplexes Belastungsgeschehen dar. Oft ist es verbunden mit chronischem Stress, Angst, Depression und Schlafstörungen.
Die Musiktherapie kann hier helfen, indirekt den individuellen Umgang mit dem Tinnitusklang zu verändern. Über gezielte Hörübungen in der rezeptiven Musiktherapie kann das subjektive Belastungserleben reguliert werden. Dabei steht nicht das „Abschalten“ des Tinnitus im Fokus, sondern die Entwicklung achtsamer Wahrnehmung und innerer Gelassenheit im Umgang mit dem „Störenden“. Musik wird hier zur Übung in Präsenz: beispielhaft die eigenen Wahrnehmungsmuster im Denken, Fühlen und Körpererleben zu erkennen und gegebenenfalls zu modifizieren.
Ulf Böttcher nutzt seine doppelte Rolle, um therapeutische Perspektiven auch konzeptionell weiterzuentwickeln. Er sieht in den Spezialtherapien ein wesentliches Handlungsfeld, um die komplexen menschlichen Erlebnisweisen für die Medizin (die Patienten und Behandler) zugänglich zu machen – eine Haltung, die im Klinikalltag spürbar wird.
Campus Virchow-Klinikum (CVK): Zwischen Rhythmus und Resonanz in Tagesklinik und stationärer Versorgung
Unser nächster Halt liegt im Norden Berlins am Campus Virchow-Klinikum. Hier wirkt M.A. Musiktherapeutin Sophie Just, die gleich zwei Bereiche betreut: die Tagesklinik W134T mit zehn Plätzen sowie die Station W10A mit zwölf stationären Betten. In beiden Bereichen werden Menschen mit einem breiten Spektrum an psychosomatischen und somatopsychischen Störungen behandelt – darunter somatoforme Schmerzstörungen, funktionelle Herzbeschwerden, psychische Erkrankungen mit körperlichen Leitsymptomen, chronische Erschöpfungssyndrome oder auch dissoziative Störungen.
Ziel der Musiktherapie ist hier vor allem, Zugang zu emotionalen Erlebnisinhalten und Verhaltensmustern zu ermöglichen, die oft nicht bewusst oder sprachlich zugänglich sind. Musik bietet einen Schutzraum, in dem emotionale Regulation und Zugänge geübt und Ausdrucksformen sämtlicher Erlebnisinhalte entwickelt werden können, welche als innere Ressourcen zur Verfügung stehen. Aktive Improvisationen, rezeptive Hör- und Imaginationsangebote sowie das gemeinsame Singen werden je nach individuellem Therapieplan sowohl einzel- als auch gruppentherapeutisch eingesetzt. In der Tagesklinik wird der kontinuierliche Prozess durch regelmäßige musiktherapeutische Einheiten unterstützt, die auch den unmittelbaren Transfer in den Alltag ermöglichen.
Sophie Just betont: „Musik kann nonverbal Brücken bauen – zwischen Patient:in und Therapeut:in, zwischen innerer und äußerer Welt.“ Sie arbeitet eng mit den Kolleg:innen der Psychologie und Medizin zusammen, sodass die Musiktherapie integrativer Bestandteil der Behandlungsplanung ist.
Medizin trifft Musik: Die Perspektive des Arztes
Auch auf ärztlicher Seite gibt es an der Charité eine besondere Verbindung zur Musiktherapie: Oberarzt Dr. Gert Tuinmann, selbst Absolvent eines Master-Musiktherapiestudiums in Hamburg, bringt dieses Verständnis aktiv in die klinische Arbeit ein. Er versteht Musiktherapie nicht als „Zusatz“, sondern als zentrale therapeutische Schnittstelle, insbesondere dort, wo Worte fehlen oder psychosomatische Zusammenhänge komplex sind.
Seine besondere Perspektive fördert ein tieferes Verständnis der emotionalen Prozesse, die körperliche Symptome mitgestalten können. Dr. Tuinmann ermutigt seine Kolleg:innen, kreative Therapien ernst zu nehmen und in den medizinischen Alltag zu integrieren. „Die Musiktherapie hat das Potenzial, das medizinische Verständnis von Heilung zu erweitern“, betont er.
Musik als Brücke: Der deutschlandweit einzigartige musiktherapeutische Konsildienst
Ein Alleinstellungsmerkmal der Charité ist der musiktherapeutische Konsildienst – bislang einzigartig in Deutschland. Gemeinsam mit Sophie Just etablierte Dr. Gert Tuinmann dieses Pionierprojekt der Musiktherapie im Jahr 2023, welches seither einen festen Bestandteil des psychosomatischen Angebots am CVK darstellt.
Hier können periphere Stationen gezielt nach Bedarf musiktherapeutische Unterstützung anfordern. Aktuell kommt dieses Angebot vor allem auf den onkologischen Stationen, der Palliativstation und den Intensivstationen zum Einsatz. Patient:innen in existenziellen Krisen oder in belastenden Krankheitsphasen erhalten durch die Musiktherapie eine neue Möglichkeit zur emotionalen Verarbeitung, zur Aktivierung innerer Ressourcen oder schlichtweg zur Linderung von Angst, Schmerz und Anspannung.
Die Musiktherapie in diesem Kontext verfolgt das Ziel, eine empathische Begleitung in Ausnahmesituationen zu bieten. Musik dient hier nicht nur als Ausdrucksform, sondern auch als Quelle von Trost, Verbindung, Halt und Sinnstiftung. Das Angebot wird interdisziplinär koordiniert und in der Ausführung durch Sophie Just individuell auf die Bedürfnisse der Patient:innen abgestimmt. Oft reicht ein einfacher Klangimpuls in Präsenz und Mitgefühl, um das Gespräch zu öffnen oder Momente in Wohlgefühl und Geborgenheit zu schaffen.
Besonders auf den onkologischen und palliativen Stationen erleben wir, wie Musiktherapie zur Bewältigung von Angst, Verzweiflung oder existenziellen Fragen beiträgt. Durch die Herstellung einer hörbaren Resonanz des Erlebten wird die Aktivierung von Ressourcen und die Regulation körperlicher sowie emotionaler Anspannungszustände ermöglicht. Auch Angehörige berichten häufig, dass die gemeinsamen Musikeinheiten mit ihren schwerkranken Familienmitgliedern einen wertvollen und bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Diese Form der Begleitung ist tief menschlich und stellt eine wesentliche Erweiterung der klinischen Versorgung dar.
Schlussakkord: Einladung zum Nachspüren
Unser Spaziergang endet – doch die Musik klingt weiter. Vielleicht haben Sie gespürt, wie vielfältig und tiefgreifend die Musiktherapie in der Psychosomatik an der Charité wirkt. Sie ist nicht nur Methode, sondern Haltung: ein Zuhören mit allen Sinnen, ein Spüren jenseits des Gesagten, ein Raum, in dem sich Schmerz, Hoffnung und Wandlung begegnen dürfen.
Die Musiktherapie ist eine Einladung, Resonanz zu erfahren – mit sich selbst, mit anderen, mit dem Leben. Wir freuen uns, wenn Sie neugierig geworden sind und laden Sie herzlich ein, mehr über uns zu erfahren. Unsere Türen stehen offen – und manchmal auch unsere Instrumentenschränke.
Dr. med. Gert Tuinmann
Diplom-Musiktherapeut. Nach dem Medizinstudium habe ich am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf eine fachärztliche Weiterbildung als Internist und Hämatologe/Onkologe absolviert. Anschließend studierte ich berufsbegleitend Musiktherapie (2005–2008) an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg und begann eine Ausbildung in Guided Imagery and Music, die ich 2014 als GIM-Fellow abschloss. Nach einer Zwischenstation an der Schön-Klinik Hamburg Eilbek und Abschluss meiner fachärztlichen Weiterbildung im Gebiet Psychosomatische Medizin arbeite ich seit Februar 2015 als Oberarzt in der psychosomatischen Abteilung der Charité Universitätsmedizin Berlin.
Sophie Just
B.Sc. Psychologie, M.A. Musiktherapie. Nach Abschluss meines Bachelorstudiums in Psychologie absolvierte ich mein Masterstudium 2020–2023 an der Universität der Künste Berlin zur Musiktherapeutin. Seitdem arbeite ich in der psychosomatischen Abteilung der Charité Berlin und habe 2024 parallel dazu in Hamburg eine Ausbildung zur MI- und GIM-Therapeutin aufgenommen. Seit Februar 2025 bin ich ergänzend in der Neonatologie des Universitätsklinikums tätig.
Praxisvorstellung
Therapeutische Praxis Ameli Bode, Hannover
Ameli Bode
Mein Alltag
Montagmorgen um 8:30 Uhr: Es herrscht alles andere als Stille vor der Tür meiner Praxis. Die Straße wurde aufgerissen, E-Gas und neue Telefonleitungen werden verlegt. Seit bereits einem Jahr! Zum Glück mag der größte Teil meiner jungen Klientel Bagger und Kipplaster und Erwachsene kommen erst nach Bauarbeiterfeierabend. Ich habe im Laufe der Monate nicht nur die Namen von Fahrzeugen und deren Fahrern gelernt, sondern auch, dass Absprachen durchaus möglich sind. Eine friedliche Co-Existenz ist entstanden.
Wie jede Woche wird pünktlich um 9 Uhr Ella (Name geändert) von ihrem Vater gebracht. Das vierjährige Mädchen ist sehr kreativ und hat sich im Laufe des letzten Vierteljahres ein eigenes Repertoire aus Liedern, Melodien und Spielen erarbeitet, die sich teilweise im Laufe der Stunden spontan entwickelt haben. Ella verabschiedet sich nicht von ihrem Vater und begrüßt mich nicht. Ohne Blickkontakt aufzunehmen zieht sie ihre Schuhe aus und steuert schon während des Begrüßungsliedes, das ich mit der Gitarre begleite, auf das Trampolin zu. Das Lied passt sich augenblicklich Tempo, Rhythmus und Höhe der Sprünge an und geht in ihr persönliches „Ella-aufdem-Trampolin“-Lied über. Nach wenigen Momenten wendet sich Ella mir erstmals zu und sucht lächelnd meinen Blick. Den wiederkehrenden Refrain tönt sie häufig auf Vokalen mit. Sie experimentiert aktiv mit der Höhe ihrer Sprünge, die sich in Lautstärke und Tempo der Musik abbilden und lacht laut, wenn sie abrupt stoppt und gleichzeitig plötzliche Stille herrscht.
Eigentlich müsste Ella um diese Zeit im Kindergarten sein. Leider hat sie ihren Platz dort verloren. Als kleiner Mensch mit einer sogenannten „tiefgreifenden Entwicklungsstörung“, in diesem Fall aus dem Autismusspektrum (ASS), stößt Ella an die Grenzen des Systems. Vor allem durch fehlendes
Fachpersonal ist die individuelle Betreuung autistischer Kinder zunehmend herausfordernd. Besonders Kinder mit schweren Formen des Autismus (ehemals „frühkindlicher Autismus“), haben Schwierigkeiten, sozial adäquat zu interagieren. Manche treten kaum aktiv in einen Austausch und sprechen in den ersten Lebensjahren oder sogar lebenslang nicht. Sie zeigen auch kein typisches Imitations- und Spielverhalten, durch das sich andere Kinder ihre Welt nach und nach erschließen. Vielmehr haben Menschen mit ASS ein großes Bedürfnis nach gleichbleibenden Abläufen und reagieren stark auf Veränderungen und Anforderungen von außen. Ihr Nervensystem scheint durch eine besondere Reizverarbeitung schneller überlastet zu sein. Es kommt viel eher – und für die Umwelt oft überraschend – zu einer Reizüberflutung (Overload). Diese kann in einen sogenannten Meltdown münden, einen Zustand der Verzweiflung, der oft als Wutanfall missverstanden wird.
Der Vierjährigen wurden ihr enormer Bewegungsdrang und stündliche Meltdowns zum Verhängnis. Lange Schreiphasen sowie das Schlagen des Kopfes an die Wände führten zu Überlastung aller Beteiligten. Der Sinn üblicher Regeln einer Kita hat sich Ella nie erschlossen. Sie konnte weder die Reaktion anderer Kinder bezüglicher ihrer Übergriffe auf ihre Spiele deuten noch verstehen, dass sie nicht aus spontanen Impulsen heraus Gegenstände werfen oder auf Möbel klettern durfte. Nun bekommt Ellas Familie mehrmals pro Woche tatkräftige Alltagsunterstützung durch eine Mitarbeiterin des Autismuszentrums, mit der ich regelmäßig im Kontakt stehe. Logopädie, Ergotherapie und Musiktherapie sind Bausteine, die Ella über den Alltag hinaus fördern sollen, um ihr eine Rückkehr in die Kita zu ermöglichen.
Arbeit im Einzelsetting
In meiner Praxis arbeite ich grundsätzlich nur mit jeweils einer Person. Das musiktherapeutische Einzelsetting bietet die Möglichkeit einer individualisierten Therapie, bei der auch der Raum an spezifische Bedürfnisse angepasst wird. So werden für Ella sämtliche Stühle, die sie zum Hochklettern auf Schränke benutzen könnte, verbannt, zerbrechliche Gegenstände hochgestellt oder in abschließbare Schränke geräumt. Ella wird nur eine überschaubare Anzahl elementarer Musikinstrumente zur Verfügung gestellt. Außerdem baue ich ihr das Trampolin und eine Hängenestschaukel auf. Beide laden zu Körpererfahrung und Regression ein. Trampolin und Schaukel sind häufig zunächst die wichtigsten Orte autistischer Kinder in der Musiktherapie. Hier entsteht durch die musikalische Begleitung ein Kontakt, der das fundamentale, aber schwer zu befriedigende Bedürfnis autistischer Menschen nach Nähe und Geborgenheit nähren kann. Viele Autistinnen sind nämlich von Körper- und Blickkontakt schnell überwältigt und vermeiden ihn deshalb. Die Erfahrung, dass wir uns durch Musik verbunden und sicher fühlen, besonders, wenn sie live gespielt wird, kennen wir alle. Autistische Menschen profitieren umso mehr. Durch individualisierte Lieder und Improvisationen, in denen Bewegungen und Lautäußerungen des Kindes synchron verarbeitet werden, ist es in jedem Moment selbstwirksam und in der Lage, die Nähe aktiv zu regulieren. Insbesondere in der Schaukel, die in jede Richtung gedreht werden kann und auch zum embryonalen Verstecken einlädt, beginnt so manches Kind spontan den aktiven Sprachgebrauch. Zunächst erklingen oft babyartige Laute, aus denen sich erste Silben und schließlich Wörter entwickeln. Auch beim „Guck-Guck-Spiel“ erklingt häufig ein begeistertes „Da“ oder sogar ein „Guckuck!“ aus der Schaukel.
Motivation
Wegen Kindern wie Ella bin ich Musiktherapeutin geworden. Während eines sozialen Jahres in einer Einrichtung für geistig beeinträchtigte Menschen durfte ich die Musiktherapie praktisch erleben und wollte seitdem keinen anderen Beruf mehr ergreifen. Heute sind meine Tage erfüllt von Musik und Begegnungen mit einer großen Bandbreite von Menschen. Zu mir kommen Kinder mit Entwicklungsstörungen unterschiedlichster Art, ADHS, Mutismus oder körperlichen Beeinträchtigungen. Es kommen außerdem Jugendliche und Erwachsene, vor allem mit Depressionen, Demenz oder Fragen an das Leben, bei denen sie Begleitung wünschen. Durchschnittlich vier Stunden pro Woche mache ich darüber hinaus Hausbesuche.
Stellenwert des Sprechens und rezeptiver Musiktherapie
Je älter die Klient:innen sind, desto größer ist der Gesprächsanteil, um das musikalische Geschehen bewusst zu verarbeiten. Aber auch rezeptive Musiktherapie bekommt mit steigendem Alter ein größeres Gewicht. Rezeptiv bedeutet, dass ausgewählte Musik vom Band oder live erklingt. Sie kann je nach Kontext z.B. entspannen oder Erinnerungen vertiefen. So arbeite ich mit einer Wachkomapatientin, deren Reaktionen auf das Singen ihrer einstigen Lieblingslieder lediglich ein vermehrtes Blinzeln und eine tiefere Atmung sind. Letztens hat sie jedoch bei der Liedzeile „Da hab’ ich noch im Dunkel die Augen zugemacht“ (aus Der Lindenbaum) ihre sonst überwiegend geöffneten Augen fest geschlossen. Ein besonderer Moment.
Wenn das Sprechen schwerfällt – Mutismus
Bei anderen Menschen liegt weder eine Entwicklungsstörung noch eine Behinderung vor. Obwohl sie sprechen können, vermeiden sie dies. Denn sie haben Angst vor sozialen Situationen. Sie reden deshalb mit niemandem oder „selektiv“ ausschließlich mit sehr vertrauten Personen. Oft werden sie als „schüchtern“ bezeichnet, doch es ist viel mehr als das. Sie erstarren bei Kontaktangeboten förmlich, drehen sich zur Seite und weichen Blicken aus. Menschen mit (selektivem) Mutismus sind deshalb häufig isoliert und in Kindergarten, Schule und Beruf schwer eingeschränkt. Dennoch haben Betroffene ein riesiges Bedürfnis nach Selbstausdruck und leiden darunter, dass sie die Schwelle vor ihrer eigenen Lautäußerung nicht zu überwinden vermögen. Mein Ziel ist daher, den Übergang von der Stille zum eigenen Klang im gemeinsamen Spiel zu normalisieren. Hier bietet die Musiktherapie viele Möglichkeiten.
Mutismus wird oft im Kindergarten- oder Grundschulalter diagnostiziert. Meiner Erfahrung nach ist Musiktherapie die vielversprechendste Behandlungsmethode bei dieser Symptomatik. Neben der Einbeziehung individueller Musikvorlieben und Interessen der Kinder, wie z.B. Tiere, Pokemon oder Fahrzeuge, haben sich in der Musiktherapie bestimmte Vorgehensweisen und Instrumente bewährt. Oft bringen mutistische Kinder aus eigenem Antrieb Spielsachen mit, die als Kommunikationsbrücke
fungieren. Diese sind häufig heißgeliebte Übergangsobjekte, die eine innere Verbindung zur Bezugsperson halten. Über das gemeinsame Spiel mit den Übergangsobjekten, in das Musikinstrumente integriert werden, kann sich das aufgestaute Bedürfnis nach Selbstausdruck oft erstmals Bahn brechen. Ich bin immer wieder überwältigt, was mutistische Kinder musikalisch alles zu erzählen haben. Zarte Musik auf Saiteninstrumenten wie der Geige gewähren einen Blick auf die Verletzlichkeit, die ich mit meiner Begleitung halte und schütze. Laute Instrumente lassen Gefühle der Wut und Verzweiflung zu. Hierbei klingt die Musik oft unstrukturiert und übersteuert. Im weiteren Verlauf bekommen jedoch auch die lauten Äußerungen Struktur und Form. Innere Bilder von Stärke und Mut drängen sich auf. Ein Mädchen nannte dies einmal „Drachenmut“, ein Wort, das ich seither gerne verwende.
Die Stimme ist irgendwann wie von selbst Teil des Geschehens. Insbesondere in den Klang des Beckens mit seinem langen Nachhall hinein tätigen mutistische Kinder gerne ihre ersten bewussten Lautäußerungen. Auch bekannte Lieder wie Unser kleiner Bär im Zoo laden zu ersten stimmhaften Aktionen ein. In meinen Strophen hüpft und tanzt der Bär nicht nur, er schüttelt zur Beruhigung des Nervensystems zunächst seine Tatzen, streckt sich geräuschvoll, brummt und brüllt. Gegen Ende der Therapie kann ich oft mit der Loopstation arbeiten. Hierbei wird eine Tonspur nach der anderen über ein immer wieder neu beginnendes Akkordmuster mit Grundbeat aufgenommen. Die Akkordfolge beginnt nach etwa einer Minute von vorne und wird nach und nach mit unseren Stimmen angereichert. Es ist erstaunlich zu erleben, wie schnell der Funke überspringt und wie vielfältig die Aufnahmen werden. Geräusche, Beatboxing, Tierlaute, Lieblingsessen, Quatschwörter, Lieder, kleine Geschichten – jedes Kind entwickelt eigene Ideen. Dabei gewöhnt es sich an den Klang seiner Stimme, die mit jeder Wiederholung häufiger ertönt. Erfolge zeigen sich oft auch schnell im Alltag, weil die Kinder ihr Bedürfnis nach Selbstausdruck besser spüren können und das Probehandeln aus der Therapie in den Alltag transferieren.
Die Praxis
Die Eröffnung meiner Praxis in Hannover war die Erfüllung eines Lebenstraums: Eigene Räume und die Freiheit, sie selbst zu gestalten und zu beleben. Ich übernahm ein Ladenlokal, das seit den 1970er Jahren nicht mehr richtig renoviert worden war. Hier sollte eine Praxis entstehen, in der unruhige und ängstliche Kinder zur Ruhe finden, sich aber auch Jugendliche und Erwachsene aufgehoben fühlen. Gerne wollte ich in den Räumen meine vielseitigen beruflichen Erfahrungen aus Psychiatrien (für Kinder, Jugendliche und Erwachsene), heilpädagogischen und pflegerischen Einrichtungen, Kindergärten und Grundschulen einbringen. Also musste der Raum flexibel gestaltet werden können und ein gutes Aufbewahrungssystem für Musikinstrumente und Materialien bieten. Innenarchitektin Sybille Ronshausen entwickelte nach meinen Wünschen ein Konzept, nach dem ich mit Hilfe meiner Familie und einigen Handwerkern die Räume komplett umgestaltete. Dunkle Räume mit abgehängten Decken, griechischem Kellenputz und vielen Lagen Tapeten wichen über Wochen Licht, Höhe, neuen Farben und Struktur. Nun ist der offene Praxisraum in drei Zonen aufgeteilt, die durch Deckenfelder aus Lampen, Schallschutzplatten und runden Teppichen strukturiert sind. Schranksysteme aus niedrigen und hohen Sideboards bieten Raum für Instrumente und Materialien, die bei Bedarf verstaut werden können. Der helle Grünton wirkt beruhigend, das helle Grau fokussierend.
Aufmerksamkeit
Durch meine vorherigen Tätigkeit im Ganztagsbereich einer Grundschule habe ich eine besondere Affinität zu Kindern, bei denen das Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) diagnostiziert wurde. Trotz Fortbildungen, aktiver Mitgliedschaft im ADHS-Qualitätszirkel und Erfahrungen aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie war dies meine bisher größte berufliche Herausforderung. Die Teilnehmenden kamen in Gruppen. Durch meine fast drei Jahrzehnte musikpädagogische Arbeit in Kindergärten bin ich dieses Setting eigentlich gewohnt. Aber sechs Grundschüler:innen mit einer kurzer Aufmerksamkeitsspanne, Neigung zu impulsiven Handlungen und einer enormen Ablenkbarkeit in einem Musikraum…! Meine Aufmerksamkeit, um Unfälle, Übergriffe und Beschädigungen an Instrumenten zu verhindern, wuchs in diesen Jahren geradezu ins Unermessliche. Aber der Einsatz lohnte sich. Jede noch so chaotische Anfangsphase war ein Aufbruch zu Höhenflügen. Sobald ein Zusammengehörigkeitsgefühl entstanden war, konnten sich die Superkräfte meiner „ADHS-Kinder“ entfalten: Phantasie und unkonventionelles Denken in Verbindung mit der Fähigkeit zum Hyperfokus ermöglichten uns unvergessliche Stunden mit selbst erfundener Musik, Geschichten und dem Ausdruck von Zukunftsträumen, auf die alle stolz waren.
In meiner Praxis werden die Eltern ADHS-Betroffener noch enger als sonst in die Behandlung einbezogen, da klare Absprachen und Hilfestellungen für den Alltag einen besonderen Stellenwert haben. In der Musiktherapie wechseln sich variable und immer an Phantasie gekoppelte Übungen zur Verbesserung von Konzentration, Aufmerksamkeit und Impulskontrolle mit freier Improvisation ab. Auch die therapeutische Bearbeitung von Erlebnissen steht immer wieder im Fokus. So werden belastende Szenen aus der Schule nicht nur besprochen, sondern auch gerne mit Instrumenten dargestellt. Dabei ist es spannend zu sehen, wem welche Instrumente zugeordnet werden. Warum soll die Lehrerin beispielsweise von einer flachen Bodentrommel, das Kind aber von einer hohen Conga sowie einer Holzratsche dargestellt werden? Wie stehen die Instrumente zueinander in Beziehung, wie erklingen sie zusammen? Wie fühlt es sich für das Kind an, in die Rolle der Lehrerin zu schlüpfen?
Tiefe durch thematische Improvisationen
Begebenheiten, Personen, Gefühle oder Wünsche mit Musikinstrumenten darzustellen, verleiht der therapeutischen Arbeit besondere Tiefe, besonders bei Jugendlichen und Erwachsenen. Die aus der Systemischen Therapie bekannte „Wunderfrage“ weckt zum Beispiel ungeahnte Ressourcen. Sie lautet folgendermaßen: „Stellen Sie sich vor, Sie wachen eines morgens auf und alle Ihre Probleme sind durch ein Wunder einfach verschwunden. Woran merken Sie dies? Woran erkennen ihre Mitmenschen die Veränderung?“ Weitere Fragen in der Musiktherapie lauten: „Wie klingen Sie nun?“ „Wie ist die Resonanz Ihrer Umgebung?“ Bei Menschen mit Depressionen treten bei dieser Vorstellung häufig bleierne Müdigkeit, innere Unruhe, kreisende Gedanken und Hoffnungslosigkeit in den Hintergrund, um einer Ahnung von Hoffnung, Freude und Begegnungen Raum zu geben. Erinnerungen an das gesunde Leben tauchen auf und offenbaren auch mir ein differenzierteres Bild von der Person.
Meine Wünsche
Tägliche Begegnungen mit unterschiedlichen Menschen, die ständige Reflektion meiner Arbeit und spannende Fortbildungen erfüllen mich Tag für Tag. Tatsächlich wünsche ich mir nur eins: Mehr Musik in meiner Freizeit.
Ameli Bode
Ameli Bode, Dipl.-Musiktherapeutin seit 2002, zertifiziert von der Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft, Musikpädagogin, ADHS-Therapeutin, musiktherapeutische Schmerztherapeutin, Heilpraktikerin für Psychotherapie. Seit 2019 tätig in eigener Praxis in Hannover.
Voßstraße 23, 30161 Hannover. www.musiktherapie-hannover.de, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.
Zum Mitmachen
Kleine Hilfen mit Atem, Bewegung und Stimme
Sabine Rittner
Nachnährendes Tönen im gemeinsamen Körper-Klang-Kugel-Raum
Heute möchte ich Sie verlocken zu einer wohltuenden Erfahrung im achtsamen Stimm-Körperkontakt zu zweit. Diese Sequenz kann – je nach Kontext – auf verschiedenen Tiefungsebenen eingesetzt werden: sowohl spielerisch-übungszentriert als auch selbsterfahrungs-erlebniszentriert oder aber psychotherapeutisch-konfliktzentriert.
Frühe Entwicklungsstörungen und Spiegelungsdefizite gehen häufig mit einem tiefen, unbenennbaren Lebens-Grundgefühl von Mangel, Verlorenheit, Sich-nicht-gemeint-Fühlen einher. Kurz gefasst: mit einem Mangel an Verbundenheit. Die körperorientierte Musikpsychotherapie, wie ich meinen therapeutischen Ansatz nenne, hat hier eines ihrer wichtigsten Einsatzfelder: das Nachnähren von prä- und postverbalen Defiziten über neuronale Neubahnung durch korrigierende Neuerfahrungen. Und ja, das alte Konzept des „Nachnährens“ halte ich – zeitgemäß adaptiert – für nach wie vor relevant, sofern es gelingt, das Damals mit dem Heute und dem Zukünftigen über die mit allen Sinnen durchlebte Erfahrung in therapeutischer Trance im parasympathischen Nervensystem neu zu verknüpfen. Und hier lassen Sie uns nun in das Erleben einsteigen.
Was Sie benötigen:
– einen geschützten Raum
– eine:n Übungs-Partner:in im Kontext einer Gruppe
– mindestens 70 Minuten Zeit
– eine kleine, wohltönende Klangkugel
– falls vorhanden (Bezugsquelle siehe am Ende des Beitrags)
– je Übungs-Paar eine Matte, Decke, Kissen, ggf. auch zwei Hocker
Vorbereitung: Dauer mind. 10–15 Min.
– Während die Gruppe den Ablauf des ersten Teiles der Sequenz erklärt bekommt, hat es sich bewährt, eine kleine, wohlklingende Klangkugel herumzugeben, so dass die Teilnehmer:innen über diese zarte, sinnliche Klangerfahrung in ihren Händen ein metaphorisches „seeding“ erfahren, sich einstimmen. Häufig löst dies sinnliche Neugier und Freude aus.
– Mit einer Person wird nun eine kurze Demo (nur!) des ersten Teiles gemacht, dabei werden die Art und Qualität der Berührungen und „Körper-Klangkugel“-Erkundungen über den Rücken gezeigt und erklärt.
– Die Partner bereiten ihren Platz mit einer Matte vor und sprechen sich ab, wer am Beginn empfangende und wer gebende Person ist. Die Körperposition der empfangenden Person ahmt eine Kugel nach, indem diese sich am Boden auf den Unterschenkeln sitzend nach vorne einrollt. Dabei liegen die Arme neben dem Körper nach hinten gelegt, der Kopf liegt mit der Stirn am Boden auf (auch „Embryonalhaltung“ genannt).
– Die empfangende Person bereitet ihre „eingekugelte“ Körperposition mit Unterstützung der/des
Partner:in und mit Hilfe der zur Verfügung stehenden Decken und Kissen so vor, dass sie diese Position über ca. 10–15 Minuten auf angenehme Weise beibehalten kann. Beispielsweise kann der Brustkorb mit Hilfe einer gerollten Decke unterstützt werden oder die Arme können nach vorne etwas erhöht auf zwei Kissen abgelegt werden. Wenn es am Boden überhaupt nicht geht, so kann auch auf einem Hocker sitzend eine nach vorne rund eingerollte Sitzposition eingenommen werden (ähnlich dem „Kutschersitz“ beim Autogenen Training). Für dieses Finden einer angenehmen, regressiven „Kugel-Position“ sollte ausreichend Zeit gegeben werden.
Erster Teil: Dauer ca. 5 Minuten
– Die gebende Person setzt sich auf Höhe des Beckens des Partners/der Partnerin und stimmt sich ein. Dazu öffnet sie/er nun über sich selbst das 8. Chakra, das sich oberhalb des Kopfes befindet. Es handelt sich hierbei um eine Energiequelle, die sozusagen heilsame Urinformation über uns enthält. Dazu visualisiert sie/er einen strahlenden Lichtball etwa 30–40 cm über dem Scheitelpunkt, dem Kronenchakra, legt nun die Handflächen vor dem Herzbereich zusammen und lässt diese mit dem nächsten Einatem aufsteigen bis über dem Kopf, mitten in den imaginierten Lichtball hinein. Daraufhin öffnet er/sie im Ausatem die Handflächen nach außen und zieht um sich herum eine Lichthülle bis zu den Füßen hinab. In der nächsten Atemphase schließt sie/er den empfangenden Partner/die Partnerin in der Wiederholung dieser Energiebewegung mit ein in eine gemeinsame Lichthülle. Diese energetische Einstimmung schafft einen geschützten, liebevollen Energieraum und verhindert zu viel Aktionismus vor dem Beginn des Körperkontaktes. Meist spürt die/der bereits eingerollte Partnerin/Partner intuitiv die deutliche Veränderung in der Beziehungsqualität.
– Nun nimmt die gebende Person Kontakt auf, indem sie ihre Hände in Höhe des Beckens rechts und links neben die Wirbelsäule der Partnerin/des Partners legt und deren Atembewegung in den Händen wahrnimmt.
– Klopfmassage:
Die Finger in Pfötchenhaltung zusammengelegt, so dass eine Höhlung in der Handfläche entsteht,
lässt sie/er nun die Hände locker auf den unteren Rücken des Partners/der Partnerin fallen. Dabei
wandern die Hände auf einer Seite der Wirbelsäule mit einem sanft belebenden, gleichmäßigen Klopfen von der Wirbelsäule aus zur Flanke hinunter und wieder zurück. Danach eine Handbreit weiter nach oben. Auf diese Weise beklopfen die Hände den Rücken des PartBerühners/der Partnerin bis hinauf zu den Schultern. Dort die Seite wechseln und über die Schulter an der anderen Rückenseite wiederum in Schichten hinunter wandern bis zurück zum Becken. Dann kommen die Hände dort zur Ruhe.
– Wichtige Hinweise:
Die Hände fallen rechts-links abwechselnd locker herunter, die Arme sind dabei entspannt. Es findet
kein kraftvolles „Betrommeln“ statt, sondern eine sanfte, belebende Klopfmassage. Dabei ändert die
gebende Person immer wieder ihre Hock- oder Sitzposition, um bequem und ohne jede Anstrengung
mit den Händen über den Rücken der empfangenden Person wandern zu können. Beide Partner sollen
diese Klopfmassage-Begegnung genießen können!
Es wird nie direkt auf die Wirbelsäule geklopft, sondern immer daneben.
Und: Die empfangende Person kann selbstverständlich jederzeit nonverbal Rückmeldung geben, ob das Beklopfen sanfter oder kräftiger ausgeführt werden soll.
Zweiter Teil: Dauer ca. 10 Minuten
– Die empfangende Person beginnt nun leise und mühelos in ihren Rücken hinein zu brummen, zu summen, zu tönen. Die gebende Person erkundet dabei mit den Handflächen die Vibrationen im Rücken des Partners/der Partnerin, indem sie/er neugierig auf Entdeckung geht: Wo ist mehr Vibration zu spüren, wo weniger? Was ändert sich, wenn die tönend eingekugelte Person die Tonhöhe verändert? Wie verlockt die Berührung der Hände die tönende „Klangkugel“ dazu, immer runder, immer klangvoller zu werden?
– Sofern genügend Vertrauen vorhanden ist, kann die gebende Person auch mal ein Ohr auf den Rücken der Partnerin/des Partners auflegen und die tönende „Klangkugel“ staunend erkunden. Auf diese Weise wird die zuvor gebende Person nun rezeptiv und empfangend, ohne irgendetwas zu bewerten.
– Es ist auch möglich, dass der gebende Partner/die Partnerin ins Tönen mit einstimmt, so dass sich nun beide Partner tönend an der Berührungsstelle der Hände begegnen und das Geben und das Empfangen sich aufheben.
– Als Zeichen, dass diese Phase beendet ist, lässt die gebende Person ihre Hände wieder auf dem Becken der Partnerin/des Partners zur Ruhe kommen. Das Tönen klingt aus.
– Für das sich wieder Aufrollen der empfangenden Person assistiert die/der Gebende mit zwei Fingern, die langsam und an das Tempo des Entrollens angepasst vom Becken her die Wirbelsäule hinauf wandern.
– Während die empfangende Person wieder ankommt, schließt die gebende Person die gemeinsame
Energiehülle, indem er/sie mit gestreckten Armen die Hände seitlich am Körper mit den Handflächen
nach außen hinaufhebt bis über den Kopf in den Energieball des 8. Chakra hinein – so, als würden
sich Flügel wieder zusammenfalten. Mit einer abschließenden Geste der Hände, die vor dem eigenen
Körper hinabgleiten, kann sie sich aus dieser unerschöpflichen Licht- und Informationsquelle am Schluss selbst nähren, stärken, aufladen, frische Energie in den eigenen Körper hinuntergleiten lassen.
Wechsel: Dauer ca. 20 Min.
Die Partner wechseln jetzt die Rollen und wiederholen die Vorbereitung der Lagerung, sowie den ersten und den zweiten Teil miteinander.
Dritter Teil: Dauer ca. 10 Minuten
– Ohne zu sprechen setzen sich beide Partner (am Boden, auf je einem Sitzkissen oder auf zwei Hockern) Rücken an Rücken. In ihre Rücken hinein tönend erweitern sie die Klangkugel zu einem gemeinsamen, großen Klang-Kugel-Raum.
– Dabei können sanfte, gemeinsame Bewegungen über die Rückenbegegnung entstehen – jedoch ohne sich miteinander auszutoben. Hier geht es mehr um ein Spür-Lauschen in einer gemeinsamen Klang-Körper-Trance-Erfahrung. Dabei kann manchmal auch abwechselnd getönt werden, um die feinen Vibrationen der verschiedenen Tonhöhen an verschiedenen Kontaktstellen im Rücken des Partners/der Partnerin, um den gemeinsamen Klangberührungs-Raum intensiver wahrnehmen zu können.
Vierter Teil: Dauer ca. 10 Minuten
Die gesamte Gruppe liegt auf Matten auf dem Rücken sternförmig am Boden, die Köpfe in die Mitte. Alle berühren sich links und rechts an den Schultern/Oberarmen. Gemeinsam wird nun in der großen, gemeinsamen, raumfüllenden „Klangkugel“ getönt, gesungen, häufig gegen Ende auch gespielt und gelacht…
Bezugsquelle
für eine wohltönende „Elfenklangkugel“ (in verschiedenen Größen erhältlich): https://kathan-zauberhaus.de/instrumente.htm
Literaturtipps
Rittner, S. (2021). Vokale Musiktherapie. In Decker-Voigt et al (Hrsg.): Lexikon Musiktherapie. Göttingen: Hogrefe.
Rittner, S. (2017). Die Bedeutung des Körpers in der Musikpsychotherapie. Musik und Gesundsein, 31, 21–24.
Sabine Rittner
ist Musikpsychotherapeutin, Atem- und Stimmtherapeutin, approbierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, Psychotherapeutin (HP), Hypnotherapeutin, IFS- und Traumatherapeutin mit Spezialisierung in der Arbeit mit veränderten Bewusstseinszuständen und körperorientierter Therapie. Sie war 30 Jahre lang tätig am Institut für Medizinische Psychologie
der Universitätsklinik Heidelberg (Lehre, Psychotherapie, Bewusstseins- und Musiktherapieforschung). Sie arbeitet weiterhin in eigener Praxis (Therapie, Supervision, Coaching, Lehrtherapien), leitet Seminare, bildet aus, hält Vorträge und tritt international in Kunst-Performances auf. Umfangreiche
Forschung und Publikationen zu den Themenkomplexen Bewusstseinsforschung – Klang – Trance –
Stimme – Musiktherapie – Depression.
Weitere Informationen: www.Sabine-Rittner.de

