Editorial

Ich kann kein Editorial für unsere neue MuG 48 verfassen, ohne noch einmal das Bild von Petra Jürgens über dem Editorial unserer letzten gemeinsamen MuG 47 auf mich wirken zu lassen (gerade schaue ich es mir noch einmal an, ein kluger, humorvoller, vielleicht auch etwas provokanter Blick…) – wir gestalteten diese letzte MuG sowohl als Mitherausgeber:innen als auch als Mitbeteiligte mit einem großen „Vierergespräch“ (gemeinsam mit Thomas Stegemann und Tonius Timmermann) zum 80. Geburtstag unseres Gründers und Herausgebers.
Ihr nicht ganz plötzlicher, aber für uns alle schmerzlicher Tod nimmt naturgemäß in dieser MuG einigen Raum ein: Sowohl Hans-Helmut Decker-Voigt’s Worte zu ihrer Trauerfeier in Friedensau als auch ein Nachruf von mir an die lieb gewordene Kollegin und Mitherausgeberin sollen noch einmal ihrer gedenken! Lassen Sie sich durch uns noch einmal an sie erinnern…

 

Nun aber ins Leben… Sophie Just und Gert Tuinmann (langjähriger Hamburger Kollege, nun schon lange in der Psychosomatik der Charité unter Matthias Rose, einem ebenfalls langjährigen Hamburger Kollegen) nehmen uns mit auf einen Klinikspaziergang durch die drei Psychosomatik-Standorte dieser berühmten Klinik. Wie erfreulich, dass Oberarzt Dr. med. Gert Tuinmann, selbst Absolvent eines musiktherapeutischen Masterstudiums, Musiktherapie nicht als Zusatz, sondern als zentrale therapeutische Schnittstelle interpretiert. Offensichtlich einzigartig in Deutschland ist bislang ein weitreichender musiktherapeutischer Konsildienst! Gleichzeitig ermutigt er auch seine ärztlichen Kolleg:innen, Kreatives – wo möglich – in den medizinischen Alltag zu integrieren. Na bitte, möchte man meinen, geht doch…
Anschaulich beschreibt dann Amelie Bode die tägliche Arbeit in einer musiktherapeutischen Praxis. Sehr interessant sind dabei ihre Ausführungen zum Krankheitsbild Mutismus.
Wie immer spannend die Rubrik „Patienteninterview“! Alexandra Takats spricht mit einem entwicklungsgestörten Kind, Jo., und dessen Mutter. Berührend vor allem die Freude von Jo zu spüren, wenn er sich an die musiktherapeutischen Erlebnisse, vor allem das Ausprobieren der Instrumente, erinnert. Die Mutter berichtet unter anderem von einer deutlichen Verbesserung der Schwäche seiner linken Hand.
Stephan Sallat, Erziehungswissenschaftler aus der Philosophischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, beschäftigt sich mit kindlicher Entwicklungsförderung im unmittelbaren, wichtigen Zusammenspiel zwischen Musik und Sprache. Für ihn stellt Musik eine Art „Steigbügel“, eine wichtige Unterstützung für Spracherwerb und Sprachverarbeitung dar. Informativ und sachlich werden für diesen Ansatz wichtige musiktherapeutische Vorgehensweisen beschrieben. Der Autor bildet hier Schwerpunkte wie a) Psyche und Selbstkonzept, b) Neurokognition und Verarbeitung, c) Kommunikation und Interaktion, d) Aufmerksamkeit und Konzentration, e) Motorik und Planung, f) Wahrnehmung und Diskrimination, um die herum entsprechende sinnvolle musiktherapeutische Interventionen formuliert werden.
Der Beitrag von Claudia König, Dipl.-Orchestermusikerin für Klarinette und Dipl.-Musiktherapeutin, ist
deutlich länger als sonstige Beiträge, die Sie aus unserer MuG kennen. Trotzdem ist er nur formal überarbeitet – da, wo es etwas präziserer wissenschaftlicher Formulierungen bedurfte –, im Wesentlichen aber ungekürzt. Der Text berührt die quasi durchgehende Ressourcenorientierung, wenn es um die Beschreibung z. T. ausgeprägterer Entwicklungsverzögerungen und betreffende musikalische Interventionen geht. Immer ist eine Art Optimismus und ein „anderer“, eben nicht defizitorientierter Blick vorhanden.
Lucia von Damnitz beschreibt die musikalische Arbeit mit einem Kind, Esther, mit einer Autismus-Spektrum-Störung in einem Schulzusammenhang. In eine eindrucksvolle Fallschilderung ist Theoretisches zur Autismus-Spektrum-Störung an sich und deren musiktherapeutischer Behandlungsmöglichkeiten eingeflochten.
Nicht fehlen darf – wie immer – das „Capriccio cerebrale“ von Thomas Stegemann, mittlerweile bereits die 23. Ausgabe. Er widmet sich dem Thema „Bridges…von Brücken in Hamburg und im Gehirn“. Ich möchte den Beginn zitieren, weil die ersten Zeilen der Hamburger 13. EMTC-Konferenz im Juli gewidmet sind, die für uns alle recht eindrucksvoll war. Stegemann beschreibt die abendliche Abschieds-Dampferfahrt. „‚Bridges‘ lautete das Motto der 13. European Music Therapy Conference – in einer Stadt, die mehr Brücken zählt als Venedig. ‚Ready to build bridges‘ stand als Aufforderung an die rund 700 Teilnehmenden auf der PowerPoint-Begrüßungsfolie. Zahlreiche Brücken wurden gebaut, viele alte und neue Verbindungen gepflegt oder geknüpft – inhaltlich (bei Vorträgen und Workshops) ebenso wie informell…“ In dieser Folge „wandert“ Stegemann durch unser Gehirn und erörtert Interessantes über dessen Brückenfunktionen.
Um auch Berufspolitisches zu bewirken – soviel sei von meiner Seite ergänzt – fanden täglich sog. „Mittagsgespräche“ mit Musiktherapeut:innen, Forscher:innen und gesundheitspolitisch relevanten Vertreter:innen statt, die von einer Wissenschaftsjournalistin inspirierend moderiert wurden. Es gab bereits unmittelbar gute mediale Reaktionen, die mehr solcher Formate sehr sinnvoll erscheinen lassen. An dieser Stelle sei ausdrücklich der DMtG, der HfMT und der MSH als organisatorisches Trio gedankt. Die ca. 700 Teilnehmer:innen verteilten sich in den Pausen unter den weißen Zelten und auf den Wiesen, der Hamburger Wettergott meinte es weitgehend gut…
Wie immer folgen Hochschulnachrichten und Rezensionen.
Ich wünsche wie immer viel Spaß und Erkenntnisgewinn beim Lesen!

Ihr/Euer
Hans Ulrich Schmidt