Zum Mitmachen
Kleine Hilfen mit Atem, Bewegung und Stimme
Sabine Rittner
Vom Feueratem zum Kraftlied – eine ekstatisch bewegte Songkomposition
Einleitung
Für diese Ausgabe der MuG habe ich eine Übungsanleitung für Sie ausgewählt, in der es darum geht, den Zugang zum improvisatorischen Songwriting mit Ihrer Stimme einmal nicht aus der Tiefe der Stille heraus zu finden, wie es sonst gerne mein Vorgehen ist, sondern über die Anregung mit ekstatischem Atmen. Dabei wird Ihr Nervensystem stimuliert und Sie können bestenfalls eine Hyperwachheit bei gleichzeitiger vertrauensvoller Hingabe erleben – einen ekstatischen Trancezustand. Die hierfür kennzeichnende „entspannte Hochspannung“ würde sich auf der Ebene der Hirnwellen als sogenanntes paradoxical arousal (eine im Alltag niemals auftretende Gleichzeitigkeit von sehr langsamen und sehr schnellen Hirnwellenmustern) abbilden.
Die folgende Übungssequenz eignet sich am besten für die Durchführung in der Gruppe, sie ist jedoch auch alleine möglich. Im Teil I laden Sie sich auf, wozu Sie durchaus ein wenig Kraftaufwand und manchmal vielleicht auch Überwindung benötigen. Sie werden sehen, es lohnt sich, denn je mehr Sie sich mit Energie aufgeladen haben, umso freier und intuitiver wird Ihnen in Teil II ein Lied aus der Tiefe Ihrer kraftvollen Körpermitte heraus geschenkt werden.
Diese Übungssequenz wirkt stimmungsaufhellend, antidepressiv, verbindend und ressourcenstärkend. Methodisch macht sie sich einige der trancefördernden Prinzipien zunutze, wie Repetition, Rhythmisierung, Synchronisation von Körperrhythmen in der Gruppe, Akzeleration, Fokussierung und Ritualisierung (siehe dazu Rittner, 2017).
Diese Art des intensivierten Atmens ist sehr gesund. Sehr viel behutsamer sollten Sie den Teil I des Feueratmens jedoch dann durchführen, wenn Sie hochschwanger sind, unter Epilepsie leiden oder nicht regulierten Bluthochdruck haben. Ein leichtes Kribbeln im Körper oder eine beginnende Tetanie in Lippen oder Fingern als erste Anzeichen einer Hyperventilation treten eher selten auf, da sich der Körper bei dieser Art des Feueratems aktiv in Bewegung befindet. Sollte dies bei Ihnen dennoch auftreten, so genießen Sie es, es ist absolut unschädlich und es sind Anzeichen für den besonders kreativen Zustand des beginnenden, minimalen Kontrollverlustes bei einer ekstatischen Trance. Falls Ihnen dies unangenehm sein sollte, verlängern Sie die Ausatemphasen, so lässt es ganz schnell wieder nach.
Als zeitlichen Rahmen würde ich für die gesamte Sequenz etwa 45–60 Minuten veranschlagen. Ansonsten benötigen Sie einen Raum mit viel freiem Platz für Bewegung, eine Rahmentrommel, Malfarben und Malpapier, Schreibmaterialien. Bei Bedarf und falls vorhanden ein hohes Standmikrofon samt Aufnahmegerät.
Teil I: Feueratem
––Stellen Sie sich aufrecht hin, halten Sie den Kopf gerade und lassen Sie Ihre Schultern bewusst gelöst und entspannt nach unten sinken.
––Verschränken Sie Ihre Hände hinter dem Rücken, legen Sie dabei die ausgestreckten Zeigefinger aneinander, sodass sie gemeinsam nach unten zeigen.
––Stellen Sie sich nun ein Lichtband vor, das von Ihrem Körperzentrum (eine Hand breit unterhalb des Bauchnabels) bis tief in die Erde hinunter reicht, und verbinden Sie sich innerlich mit dieser Imagination.
––Atmen Sie einmal tief ein, dann tief aus, anschließend halb ein – und beginnen Sie nun mit dem forcierten Atmen:
––Atmen Sie etwa 150‑mal schnell durch die Nase ein und aus, wobei Ihr Zwerchfell jeweils den Impuls für die Atembewegung gibt. Lassen Sie es in Ihrem Bauch „hüpfen“, ganz von alleine, ihr Brustkorb hat währenddessen „Urlaub“. Das Atmen geschieht nur im mittleren Bauch-Solarplexusbereich. Wenn Sie mitzählen, hilft Ihnen dies dabei, nicht aus dem Rhythmus zu geraten. Sollte diese Phase anfangs ein wenig Mühe bereiten, überwinden Sie dies, indem Sie sich hindurchatmen, bis es wie von alleine läuft.
––Stopp! Atmen Sie einmal tief ein, tief aus und halten Sie anschließend den Atem an.
Halten Sie den Atem so lange an, wie es Ihnen möglich ist, ohne sich zu überfordern, und spüren Sie dabei in Ihren Körper hinein. Lassen Sie sich innerlich in diesen kostbaren „Augenblick danach“ hineinfallen.
Sollte Ihnen in Ihrem Innenraum eine Verspannung oder Engstelle auffallen, so erlauben Sie ihr liebevoll, sich zu lösen, nehmen Sie sie mit in diesen Moment der Hingabe hinein. Falls sich bei Ihnen ein zu starker Druck, ein unangenehmes Pressen im Hals aufbaut, so empfehle ich, die Kehle dabei offen zu lassen, den Atem bei geöffneten Stimmlippen ruhig und entspannt anzuhalten.
––Lösen Sie nun die Hände hinter Ihrem Rücken und lassen Sie die Arme sich kurz lockern.
––Verschließen Sie danach die Hände über dem Kopf, legen Sie die gestreckten Zeigefinger wieder aufeinander, diesmal weit nach oben hinauf zeigend. Die Arme sind dabei fast gestreckt, nur so wie es möglich ist, ohne die Schultern dabei hochzuziehen. Lassen Sie den Schultergürtel fallen, ziehen Sie die Schulterblätter ein wenig herunter.
––Stellen Sie sich jetzt vor, wie das Lichtband von Ihrem Körperzentrum unterhalb des Bauchnabels bis weit in den Himmel hinein reicht und Sie nach oben hin verbindet.
––Atmen Sie erneut tief ein, tief aus und dann halb ein – und beginnen Sie wieder mit der forcierten Atmung:
––Atmen Sie dazu etwa 150‑mal schnell durch die Nase ein und aus, lassen Sie das Zwerchfell den Impuls geben, nur der Bauch bewegt sich, der Brustkorb bleibt ruhig. Nutzen Sie das Mitzählen, um im Fluss zu bleiben.
––Stopp! Beenden Sie die Atemsequenz mit einem bewussten Stopp, atmen Sie dazu tief ein, tief aus und halten Sie wiederum den Atem an – so lange, wie es angenehm möglich ist, und nehmen Sie die innere Wirkung wahr. Lassen Sie sich in diesen kostbaren Augenblick der Hingabe hineinfallen. Dies ist der besondere Entspannungsmoment, in dem Ihr Körper nach stimulierender Arbeit Glückshormone und andere Botenstoffe ausscheidet.
––Lösen Sie schließlich Ihre Hände und lassen Sie Arme und Schultern wieder locker werden.
Führen Sie diese gesamte Feueratem‑Sequenz von Teil I zwei‑ bis dreimal hintereinander durch.
Spüren Sie anschließend nach: Nehmen Sie die Verbindung von Ihrer Körpermitte, Ihrem kraftvollen Qi-Zentrum, nach unten in die Erde und nach oben in den Himmel bewusst wahr und spüren Sie die Lebendigkeit Ihres gesamten Körpers von der Schädeldecke bis zu den Fußsohlen. Achten Sie darauf, welche Veränderungen Sie in sich wahrnehmen – in Ihrer emotionalen Gestimmtheit, Ihrer Wachheit, Ihrer Atmung, Ihrem Körperempfinden und Ihrer inneren Ausrichtung.
Teil II: Ein Lied empfangen und es in die Welt bringen
––Kommen Sie mit diesem durch das intensive Atmen entstandenen Empfinden nun in die Bewegung: beginnen Sie aus Ihrem Kraftzentrum in der Bauchmitte mit kleinen Bewegungen „zwischen Himmel und Erde“ und lassen Sie diese nach und nach größer werden.
––Wiederholen Sie eine einzige Ihrer ganz von alleine entstehenden Bewegungen, vergrößern Sie diese weiter und weiter, bis sie Ihren gesamten Körper erfasst und Sie in einen wiederkehrenden Bewegungsrhythmus (Repetition) führt.
––Beginnen Sie mit Ihren Füßen zu der entstandenen repetitiven Bewegung einen gleichmäßigen Puls in den Boden zu stampfen, so dass ein ganzkörperlicher Rhythmus entsteht.
––Wenn Sie in einer Gruppe sind, stimmen Sie sich aufeinander ein, synchronisieren Sie Ihre Schritte und finden Sie einen gemeinsamen Puls.
Zur stabilisierenden Unterstützung (Grounding) kann dabei eine von Hand angeschlagene Rahmentrommel einen tragenden, aber nicht dominierenden Grundpuls geben.
––Lassen Sie nun aus Ihrem vom Atmen aufgeladenen Kraftzentrum in der Bauchmitte einen Ton entspringen, den Ihre Stimme hörbar macht, dann weitere Töne und schließlich eine kleine Tonfolge, zunächst summend, dann mit geöffnetem Mund tönend – im Puls Ihrer wiederkehrenden Bewegungen und Ihrer stampfenden Füße auf dem Boden. (In einer Gruppe kann dafür ggf. ein gemeinsamer Ausgangston auf einer angenehmen mittleren Tonhöhe von der/dem Therapeut:in tönend aufgegriffen und angeboten werden.)
––Wiederholen Sie die entstehende Tonfolge immer wieder, lassen Sie zu, dass sich diese zu einer eigenen Melodie formt und Ihnen nach und nach immer vertrauter wird. Dies ist die Geburt Ihres heutigen, sehr persönlichen Kraftliedes. Lernen Sie es kennen, indem Sie es aufgreifen und wiederholen.
––Lassen Sie sich von dieser Melodie zu neuen Bewegungen mit Ihrem ganzen Körper inspirieren, von Kopf bis Fuß, und folgen Sie dem, was aus dem Moment heraus entstehen möchte. (Ein etwas lauter werdendes Trommelspiel der/des Therapeut:in kann dabei den expressiven, improvisatorischen Stimmausdruck der Gruppe zusätzlich anregen.)
––Singen Sie nun bewegt und mit weit geöffnetem Mund „aus voller Kehle“ zwischen Himmel und Erde. Schenken Sie Ihr Lied der Welt, indem Sie es mit Ihrem gesamten Körper singend bewegt ausdrücken.
––Vielleicht ergibt es sich, dass Sie mit einem anderen Gruppenmitglied singend und tanzend in den Austausch kommen, sich gegenseitig inspirieren in Ihrem sich mehr und mehr mit der Gemeinschaft synchronisierenden Körperausdruck im Gesang.
––Öffnen Sie sich nun während des Singens für das Empfangen eines Wortes oder eines Satzes – für eine unterstützende, wohlwollende Botschaft, die aus Ihrer ureigenen Melodie heraus entspringt oder von Ihnen aus ihr herausgehört wird.
––Bringen Sie Ihr Lied samt seinem Text singend und tanzend in die Welt, lassen Sie sich dabei von den Klängen im Raum um Sie herum inspirieren und folgen Sie Ihrem klangvollen Ausdruck so lange, bis er irgendwann ganz von selbst leiser wird und verklingt.
Spüren Sie in der sich anschließenden Stille einige Minuten lang nach:
Wie sind Sie jetzt in der Welt? Wie fühlen Sie sich in Ihrem Körper, wie mit Ihrer Stimme? Wie hat sich Ihre emotionale Gestimmtheit verändert? Wie ist der Kontakt zu den anderen Menschen im Raum? Wie ist Ihre Verbundenheit zwischen Himmel und Erde?
Teil III: Transfer
––Ankern: Finden Sie eine zu Ihrem Erleben passende Körpergeste oder Selbstberührung, die Sie jetzt mehrfach ausführen. Lassen Sie dazu ein stimmiges inneres Bild oder Symbol auftauchen und erlauben Sie der positiven Emotion, sich in Ihnen auszubreiten, während Sie das empfangene, bestärkende Wort / den Satz / die Botschaft mehrfach leise aussprechen.
––Malen Sie nun ohne zu sprechen ein Bild, in das Sie das Wort / den Satz/ die Botschaft Ihres Liedes mit hineinschreiben. Dieses Bild hängen Sie später an einem geeigneten, gut sichtbaren Ort zu Hause auf, so dass es Sie immer wieder an diese kostbare Erfahrung des ekstatisch bewegten Komponierens aus der Tiefe Ihrer Körperweisheit erinnert.
––Oder es will vielleicht ein Gedicht entstehen, so dass Sie für sich schreibend das Erlebte vertiefen und festigen.
––Sollte ein Tonprotokoll Ihres improvisierten Songs gemacht worden sein, so lassen Sie sich die Datei schicken und hören Sie Ihr Kraftlied ab und zu wieder an, falls es Ihnen einmal entfallen sein sollte. Auf diese Weise lebt die empfangene Botschaft weiter und verkörpert sich immer mehr in Ihr Leben hinein.
„Heut ist Reigen, Tanz ist,
Tanz ist, Tanz!
Licht ist heut und Glanz ist, Glanz!
Abschied von Verstand ist,
vom Verstand,
Weil die Liebe ganz ist, ganz ist, ganz.“
Dschalāl ad-Dīn Mevlana Rūmī
(1207–1273)
Methodische Hinweise für Musiktherapeut:innen
––Im Fall, dass Sie diese Übungssequenz alleine durchführen möchten, empfehle ich Ihnen, sich für den Teil II ab dem 4. Schritt einen ruhigen Rahmentrommel-Puls leise abspielen zu lassen (z.B. „Pulse of the Earth“ bei YouTube). Falls Sie eine Rahmentrommel zur Verfügung haben sollten, können Sie sich auch selber mit einem gleichförmigen, ruhigen Puls Ihrer Hände auf dem Fell (etwa 120 bpm, d. h. zwei Schläge pro Sekunde) trommelnd und tanzend bewegt begleiten.
––Zur Bedeutung des Stopp-Momentes beim Anhalten des Atems am Ende der jeweiligen Feueratem-Phase: Dies ist ein kostbarer Entspannungs-Moment, in dem der Körper (nach sehr intensiven Feueratem-Phasen) Botenstoffe ausscheidet wie z. B. Serotonin, Endorphine, Dopamin und bestenfalls auch DMT, ein mildes körpereigenes Halluzinogen, das von der Zirbeldrüse produziert wird.
––Im Teil II ab Schritt vier kann die/der Musiktherapeut:in den bewegten Stimmprozess mit einer stark gespannten, von Hand angeschlagenen Rahmentrommel mit einer ruhigen, gleichförmigen, die Schritte der Gruppe aufgreifenden Pulsation begleiten. Diese kann nach und nach kräftiger, stimulierender werden, dann ggf. in einen Rhythmus übergehen, das Grounding gebend, jedoch nicht zu sehr pushend.
––Im Teil II ab Schritt fünf kann von dem/der Musiktherapeut:in aus den im Raum vorhandenen, vielfältigen Tönen ein gemeinsamer Ausgangston auf einer angenehmen mittleren Tonhöhe aufgegriffen oder tönend angeboten werden, so dass die Stimmimprovisation der Gruppe eine gemeinsame klangliche Basis hat. Die Stimme der/des Musiktherapeut:in sollte jedoch niemals die Stimmimprovisation der Teilnehmenden dominieren.
––Die partizipatorische Aktivität der/des Musiktherapeut:in besteht darin, den Raum zu halten, für Erdung zu sorgen, anzuregen, der Vielfalt der gleichzeitig erklingenden Gesänge im Hintergrund trommelnd und tönend eine Basis zu geben, nach und nach durchaus auch ein wenig mehr zu animieren, ohne dabei jedoch zu laut zu werden.
––Sehr wichtig ist darauf zu achten, dass während der gesamten Sequenz (Teil I und Teil II) der Körper aller Teilnehmenden (auch der/des Musiktherapeut:in) in Bewegung und am ekstatisch intuitiven Songkomponieren beteiligt bleibt.
––Falls technisch möglich kann es hilfreich sein, ein hohes Standmikrofon mit einem laufenden Aufnahmegerät zur Verfügung zu stellen, um die Teilnehmenden im letzten Schritt von Teil II nacheinander dort hin tanzen zu lassen und eine spontane Tonaufnahme als Erinnerungsprotokoll von ihrem entstandenen Lied nah ins Mikro (trotz aller Hintergrundgeräusche) hinein singen zu lassen.
––Ganz am Schluss der Stillephase könnte – noch vor dem Malen oder Schreiben – die wertvolle Methode des Ankerns angewandt werden, um mit Hilfe einer Körpergeste, eines inneren Bildes, der damit verbundenen positiven Emotion und der empfangenen Botschaft den Transfer des Erlebten in den Alltag zu erleichtern.
––Sollte ein Tonprotokoll der improvisierten Songs gemacht worden sein, so könnten diese anschließend abgehört und (notfalls mit Hilfe von KI) in Notenschrift transkribiert werden. Oder die Ausschnitte des persönlichen Liedes der einzelnen Teilnehmer:innen werden so aus der (manchmal durchaus etwas chaotischen) Gesamtaufnahme herausgeschnitten, dass sie ihnen als wertvolle Alltagstransfer-Unterstützung in Form von einem Hör-Gedächtnisprotokoll als Datei zur Verfügung gestellt werden können.
Literatur
Nestor, J. (2020). Breath – Neues Wissen über die vergessene Kunst des Atmens. München: Piper.
Cramer, A. (1998). Das Buch von der Stimme. Zürich und Düsseldorf: Walter. – Antiquarisch erhältlich.
Rittner, S. (2017). Singen und Trance – Die Stimme als Medium zur Induktion veränderter Wachbewusstseinszustände im Kontext von Singgruppen. In: E. Wünnenberg, E. (Hrsg.), Singen als heilsame Kraft – Das Potenzial des Singens für das Gesundheitssystem.
Grundlagen, Praxisfelder, Perspektiven (S. 42–56). Malsch: Singende Krankenhäuser e.V.
Dschalāl ad-Dīn Mevlana Rūmī. Gedicht Nr. 18 in „Traumbild des Herzens. Hundert Vierzeiler“. Manesse Verlag (1992). (Übers. Annemarie Schimmel)

