Musiktherapeutischer Klinikspaziergang

Klinikum Bremen-Nord

Das Psychiatrische Behandlungzentrum in Bremen Vegesack

Von Catarina Mahnke

 

Bremen-Vegesack, ein Stadtteil innerhalb des Bremer Stadtbezirks Nord, liegt an der Mündung der Lesum in die Weser. Im 17. Jahrhundert wurde hier der erste künstliche Flusshafen Deutschlands angelegt und die Walfänger stachen von hier aus in Richtung Arktis in See. Im Laufe seiner fast 400jährigen Geschichte wurde Vegesack von der Schifffahrt, vom Schiffbau, vom Fischfang und der Fischverarbeitung geprägt. All das bescherte der Region einen gewissen Wohlstand, von dem die alten Kapitäns- und Kaufmannshäuser an der Weser und der Museumshafen noch heute zeugen. Bis weit in die neunziger Jahre war die hier ansässige Großwerft Bremer Vulkan AG der Hauptarbeitgeber in der Region. Der Konkurs der Bremer Vulkan Werft und damit einhergehend der Niedergang des verarbeitenden Gewerbes hatten zur Folge, dass es zu Abwanderung und Einwohnerverlusten kam. Dies hatte erhebliche Auswirkungen auf die tragenden wirtschaftlichen Strukturen und bedeutete einen extremen Einschnitt für das Selbstverständnis der Menschen im Bremer Norden. Bis heute hat der Bremer Norden mit einer hohen Arbeitslosenquote zu kämpfen. Alte, zum Teil restaurierte und moderne Bauten prägen heute das Stadtbild von Vegesack.
Das Klinikum Bremen-Nord, eine der insgesamt vier kommunalen Kliniken der Hansestadt Bremen, gehört zum Klinikverbund Gesundheit Nord. Sie verfügt über 559 Betten und beschäftigt rund 900 Menschen. Versorgt werden hier Patienten aus dem Stadtbezirk Nord und dem angrenzenden niedersächsischen Umland. Neben den regulären medizinischen Fachbereichen wie der Inneren Medizin, Chirurgie etc. verfügt das Klinikum über ein eigenes Psychiatrisches Behandlungszentrum.
Der Bremer Stadtbezirk Nord war in (gemeinde-)psychiatrischer Hinsicht lange unterversorgt. Bis zur Jahrtausendwende mussten psychiatrisch erkrankte Menschen aus dem Bremer Norden weite Anfahrtswege in Kauf nehmen, um im Klinikum Bremen-Ost (als Standort einer großen Psychia­trie) behandelt zu werden. 2001 wurde am Klinikum Bremen-Nord der Grundstein für das Psychiatrische Behandlungszentrum gelegt. 2002 startete das Behandlungszentrum mit einer psy­chiatrischen Station zunächst am Standort des Klinikums. Zeitgleich wurde mitten im Zentrum von Vegesack ein zweiter Standort auserkoren. Am Sitz eines ehemaligen Gesundheitsamtes wurde ein modernes zweistöckiges Klinikgebäude angebaut. Bereits 2003 konnte das Psychiatrische Behandlungszentrum mit einer zweiten stationären Einheit, einer Tagesklinik und einer Psychiatrischen Instituts­ambulanz seinen Betrieb aufnehmen, um seiner gemeindenahen psychiatrischen Pflichtversorgung noch besser gerecht zu werden. Im November 2014 wurde ein Erweiterungsanbau fertig gestellt und seitdem sind beide stationären Einheiten unter einem Dach vereint. Im Erdgeschoss befinden sich die Therapieräume für die Ergo- und Bewegungstherapie, Gesprächsgruppen, Visiten, Heilsames Singen etc. sowie ein Aufenthaltsbereich für tagesklinische Patienten. Zwei unterschiedlich große Innenhöfe, einer mit Bepflanzungen, laden bei gutem Wetter zum Verweilen ein. Die stationären Patienten sind auf der ersten und zweiten Ebene untergebracht. Auf jeder Ebene gibt es einen großzügigen Milieubereich, der sowohl Aufenthalts- als auch Speiseraum ist und Rückzugsmöglichkeiten bietet. Auf jeder Ebene gibt es ein Milieuteam aus pflegerischen Mitarbeitern. Diese arbeiten in der Bezugspflege (nach Peplau). Sie betreuen und unterstützen jeden einzelnen Patienten und sind jederzeit ansprechbar.
Es werden erwachsene Menschen aller Alterstufen mit (akut)psychiatrischen Erkrankungen (z.B. Psychosen, Suizidalität, Depressionen) aus dem Gesamtspektrum der Psychiatrie sowie Suchterkrankungen (Ausnahme Drogenabhängigkeit) behandelt. Das Behandlungszentrum bietet Platz für 87 Patienten. Diese teilen sich in 44 stationäre und 43 tagesklinische Plätze auf. Die Behandlung erfolgt in einem multiprofessionellen Team aus Ärzten, Psychologen, Sozialarbeitern, Pflegekräften und Spezialtherapeuten (Musik-, Kunst-, Ergo-, und Bewegungstherapeuten). Das allgemeine Setting des Behandlungszentrums gestaltet sich milieutherapeutisch und orientiert sich am Soteria-Konzept.
Die Wirkfaktoren von Soteria bilden den Kern der Behandlungsausrichtung und wurden in das ambulant-tagesklinisch-stationäre System übertragen. Hierbei wird der Blick auf die Gestaltung der therapeutischen Beziehung und die Aufrechterhaltung der Beziehungskontinuität gerichtet, d.h. jedem Patienten wird von der Aufnahme bis zur Entlassung ein Persönlicher Therapeutischer Begleiter (PTB) zugeordnet, der ihn während der gesamten Behandlung begleitet. Dadurch gestalten sich die Übergänge zwischen einer stationären, tagesklinischen oder ambulanten Behandlung fließend. Sämtliche Mitarbeiter aus dem Behandlungszentrum können die Rolle eines PTB übernehmen. Die Behandlungen werden individuell für jeden Patienten geplant und auf die jeweiligen Bedürfnisse abgestimmt. Das Therapieprogramm besteht aus einem Wochenplan mit unterschiedlichen Gruppenangeboten wie z.B. Psychoedukative Gesprächsgruppen, Training emotionaler Kompetenzen, Frauen- und Männergruppen, Progressive Muskelentspannung, verschiedene Suchtgruppenangebote, Ergotherapie, Bewegungstherapie, Yoga, Kunsttherapie und Musiktherapie.


Die Musiktherapie im Behandlungszentrum
Seit Bestehen des Behandlungszentrums ist Musiktherapie fester Bestandteil des Therapieangebots. Ich bin seit 2012 mit einer vollen Stelle im Behandlungszentrum als Musiktherapeutin tätig. Der Musiktherapieraum befindet sich im Altbau direkt über der Institutsambulanz und außerhalb des statio­nären/tagesklinischen Bereichs. Der Raum verfügt über eine Fläche von ca. 36 m2. Acht Personen finden hier genügend Platz, um sich an den Instrumenten auszuprobieren. Wer durch die Tür in den Raum kommt, sieht gleich zur rechten Seite ein großes weißes Regal, in dem unterschiedliche Arten von Instrumenten gelagert werden. Bekannte wie unbekannte und leicht handhabbare Instrumente aus verschiedenen Kulturkreisen sind hier zu finden. Weitere Instrumente verteilen sich im Raum, z.B. Xylophon, akustische Bassgitarre, Klangröhrenspiele, Congas, Cajon, Klavier und Teile eines Schlagzeugs. Durch die großen Fenster an den beiden Außenwänden wirkt der Raum hell und freundlich. Die Musiktherapie findet vorwiegend in Gruppen bis maximal acht Personen und immer vormittags statt. Vereinzelt arbeite ich im Einzelsetting, wenn ein Patient von dem Gruppengeschehen (noch) überfordert ist, aber dennoch von einer Musiktherapie profitieren könnte. In den täglich stattfindenden Team-Besprechungen wird vorher überlegt, ob und in welchem Setting Musiktherapie für einen Patient geeignet ist.
„Ich bin unmusikalisch!“, ist ein Satz, den ich sehr oft zu hören bekomme, wenn Patienten das erste Mal in die Musiktherapie kommen. Für die Teilnahme an der Musiktherapie sind keine musikalischen Vorkenntnisse erforderlich. Ängstlich unsicheren Patienten versichere ich, dass „nichts passiert, was sie nicht wollen“. Um ihnen die Scheu zu nehmen, tasten wir uns im wörtlichen Sinne zu Beginn an die Instrumente heran und sinnieren z.B. über die Herkunft, Materialbeschaffenheit und Klang. Patienten staunen immer wieder darüber, dass sie z.B. der Sansula einzelne Töne oder Melodien entlocken können. Oder sie lassen sich von dem zarten, weichen und glockenähnlichen Klang der Sansula berühren und möchten sie nicht wieder aus der Hand geben.
Dann lade ich die Gruppe zu einer gemeinsamen Improvisation ein. Es hat sich bei Patienten mit psychiatrischen Krankheitsbildern aus meiner Sicht gut bewährt, zu Beginn sehr strukturiert vorzugehen, indem ich z.B. einen rhythmischen oder harmonischen und Halt gebenden Rahmen spiele, in dem frei improvisiert werden kann, sowie der Hinweis, dass jede Improvisation „gefühlte sieben Minuten“ dauert, damit jeder auch die Gewissheit hat, dass die Improvisation ein Ende hat. Eine weitere Vorgabe (in Anlehnung an Lilli Friedemann, einer Pionierin der Gruppenimprovisation) ist, während des Spielens möglichst nicht zu sprechen oder nur so laut zu spielen, dass jeder hörbar ist. Während des gemeinsamen Improvisierens können Harmonie und Getragensein erfahrbar gemacht werden. Depressive Patienten können wieder Zugang zu ihrer Lebendigkeit erlangen und Patienten, die in ihrem bisherigen Leben wenig Halt und viele Unsicherheiten erfahren haben, können in der Musiktherapie einen „sicheren Ort“ finden. Neben der Gruppen- und Einzelmusiktherapie gibt es weitere (offene) musiktherapeutische Angebote wie z.B. die Jamsession, zwei Trommelgruppen und das Heilsame Singen.


Jamsession
Die Jamsession ist ein offenes musiktherapeutisches Angebot für Patienten, die selbst ein Instrument (z.B. Gitarre) spielen oder früher mal gespielt haben und hier die Möglichkeit erhalten, sich mit ihrem Instrument einzubringen. Die Jamsession wird auch von Patienten besucht, die über wenig bis keine instrumentellen Kenntnisse verfügen. Während in der Gruppenmusiktherapie sämtliche Instrumente zur Verfügung stehen, treffe ich hier eine kleine Vorauswahl aus dem mir zur Verfügung stehenden Instrumentarium, die sich aus meiner Sicht für eine Jamsession gut eignen. „Gejammt“ wird im Dur-Moll-System und immer am Freitagvormittag.
Durchschnittlich nehmen sechs bis acht Patienten an der Jamsession teil. Die Gruppe setzt sich zusammen aus ambulanten Patienten, die schon über längere Zeit dabei sind, sowie Patienten aus dem stationären und tagesklinischen Setting. Die Jamsession läuft folgendermaßen ab: Vorab sucht sich jeder ein Instrument aus. Jemand greift sich das Cajon, ein anderer nimmt sich eine Conga. Das Cajon sieht aus wie eine Holzkiste und klingt, wenn man mit den Händen rhythmisch auf die Schlagfläche schlägt, wie ein Schlagzeug. Die Conga ist eine schmalbauchige Fasstrommel. Beide Instrumente stammen aus der Karibik. Ein dritter probiert das pentatonisch klingende Xylophon. Ich selbst spiele Gitarre und beginne mit einer harmonischen Akkordfolge, die sich in diesem Fall an der vorgegebenen Tonart des Xylophons orientiert. Manchmal begleiten mich Patienten auf ihren Gitarren. Vorher zähle ich die Gruppe ein: „one, two, one, two, three, four…“
„Gejammt“ wird über verschiedene Akkordfolgen und altbekannten Popsongs wie z.B. „Let it be“ von den Beatles oder das ein oder andere Lied aus dem Repertoire der Heilsamen Lieder. Ängstliche und depressive Patienten, die sich (noch) nicht trauen, können dabei sein und zuhören. Nicht selten verfliegt die Scheu, wenn sie erleben, wie sich in der Gruppe Lust am Spielen entwickelt und der berühmte „kleine Funke überspringt“ und sie sich vorsichtig und zaghaft mit einer kleinen Rassel trauen, leise im Takt mitzugehen. In der Jamsession hat schon so mancher Patient die Freude am gemeinsamen zwanglosen Musizieren als wichtige Ressource für sich (wieder)entdecken und nutzen können. Für andere ist die Jamsession ein Versuch, sich an das aktive Musizieren heranzuwagen.


Trommelgruppe
Trommelgruppen als eine Form aktiver Musiktherapie finden sich in vielen musiktherapeutischen Angeboten psychiatrischer Kliniken. Trommeln ist (neben dem stimmlichen Ausdruck) eines der ältesten und ursprünglichsten Ausdrucksmittel. Mit Trommeln sind jene Trommeln gemeint, die „Fell und Fläche“ besitzen und mit den Händen bespielt werden. Hierbei fallen die Hände quasi in mehr oder weniger regelmäßigen alternierenden Abständen auf das Trommelfell. Rhythmen können so sinnlich erfahrbar gemacht werden und Halt und Struktur vermitteln. Dies geschieht z.B. durch gemeinsames Trommeln einfacher afrikanischer Rhythmen, sowohl ein- als auch zweistimmig. Freies Improvisieren innerhalb einer vorgegebenen rhythmischen Struktur ist ebenso möglich. Eine weitere Kombination zum Trommeln ist das Singen von Indianerliedern, afrikanischen Liedern und/oder das gleichzeitige Einbeziehen von Klanggesten. Klanggesten (auch „Bodypercussion“ genannt) sind Klänge/Geräusche, die mit dem eigenen Körper mittels der Hände, Füße und Finger erzeugt werden.
Es gibt zwei Trommelgruppen im Behandlungszentrum: eine offene und eine geschlossene Trommelgruppe. Hierfür stehen neun Congas und ein Cajon zur Verfügung. Beide Trommelgruppen finden einmal wöchentlich im Bewegungsraum statt. An der offenen Gruppe kann jeder Patient aus dem stationären, tagesklinischen und ambulanten Kontext teilnehmen. Es gibt Patienten, die nur einmal kurz „reinschnuppern“ und welche, die regelmäßig über einen längeren Zeitraum kommen. Die Gruppengröße variiert zwischen vier bis acht Teilnehmern.
Die geschlossene Trommelgruppe besteht aus insgesamt zehn Teilnehmern. Diese setzen sich zusammen aus vier Mitarbeitern (Musik-, Bewegungstherapeuten und zwei Pflegekräften) und drei ambulanten Patienten sowie drei Teilnehmern, die das Behandlungszentrum nur noch zum Trommeln aufsuchen. Diese Trommelgruppe hatte sich vor einigen Jahren formiert, um gemeinsam anspruchsvolle und mehrstimmige Trommelrhythmen einzustudieren und gelegentlich öffentlich aufzutreten.


Fallvignette
Frau Q. (Name geändert), Ende vierzig, wurde in der Kindheit von ihren Eltern stark vernachlässigt. Sie hat Geowissenschaften studiert, war mit einem Inder verheiratet und lebte einige Jahre in Indien. Die Ehe scheiterte, die Kinder leben beim Vater. In einem psychotischen Schub war sie vor einigen Jahren in suizidaler Absicht aus großer Höhe gesprungen. Sie überlebte schwerverletzt, ist seitdem körperlich sehr eingeschränkt und bewegt sich mit einem Rollator fort. Frau Q. wirkt verhärmt und verbittert, und sie ist schon einige Male im Behandlungszentrum stationär behandelt worden.
Frau Q. kommt das erste Mal in die offene Trommelgruppe. Sie möchte mittrommeln, lässt sich aber nur schwer auf den von mir vorgegebenen Rhythmus ein. Sie wirkt angespannt. Ich nehme innerlich Ärger wahr, blicke in die Runde und habe das Gefühl, dass sie absichtlich „daneben haut“. „Frau Q. möchte mich und die Anwesenden testen, ob wir sie aushalten“, denke ich. Frau Q. äußert, dass sie sich nicht anpassen möchte und es ihr auch schwerfalle, sich anzupassen. Ich melde ihr zurück, dass ich die Art ihres Trommelns wahrnehme, dass es für die restliche Gruppe schwierig sei, den Rhythmus zu halten und dass sie mit entsprechenden Rückmeldungen rechnen muss.
Ich schlage der Gruppe nun vor, gemeinsam ein afrikanisches Lied zu trommeln und zu singen. Frau Q. äußert sogleich, dass sie nicht mitsingen könne, da sie nicht singen kann, was für mich sehr nachvollziehbar ist, da ihre Stimme durch einen Luftröhrenschnitt in Mitleidenschaft gezogen ist. Ich spiele der Gruppe einen leichten Rhythmus vor und stimme dazu das westafrikanische Lied „Yemaja Assessu“ an. Alle Teilnehmer trommeln mit und einige stimmen in das Lied mit ein. Ich vernehme, wie Frau Q. sich traut leise mitzusingen und sich auf den Rhythmus einlässt. Sie wirkt gelöster und ihr Gesicht wirkt weicher. Um sie nicht zu beschämen, spreche ich sie vor der Gruppe nicht auf ihr Mitsingen an. Dann stimme ich das Indianerlied „Heya Nana“ an. Lauter und schneller werdend, langsam und leise wechseln sich ab. Das Lied endet mit einem kraftvollen und lauten Trommelwirbel und mit einem grandiosen „Indianerschrei“. Frau Q. strahlt mit leuchtenden Augen. Sie äußert, das habe ihr unglaublich großen Spaß gemacht. Sie habe endlich mal ihre Aggres­sionen lauslassen können. Es sei so befreiend gewesen.


Heilsames Singen
Singen hat hier eine lange Tradition. Seit Bestehen des Behandlungszen­trums findet einmal wöchentlich das „Singen für alle“ statt. „Singen für alle“ bedeutet, dass sowohl Patienten als auch Mitarbeitende mitsingen können. Geleitet wird dieses Angebot von einer pflegerischen Mitarbeiterin. Gesungen wird immer im Aufenthaltsraum der Tagesklinik. Das Repertoire beinhaltet Popsongs, Schlager und Volkslieder. Das Singen wird von einem der Oberärzte auf dem Klavier begleitet. Bis zu 20 Teilnehmer kommen regelmäßig zum Singen.
Ein weiteres wöchentlich stattfindendes Singangebot ist das „Heilsame Singen“.
Es handelt sich hierbei um ein leistungsfreies („Es gibt keine falschen Töne, nur Variationen“ – Wolfgang Bossinger) und gesundheitsförderndes Singen. Gesund ist dieses Singen deswegen, weil Forschungen auf diesem Gebiet gezeigt haben, dass das Immunsystem durch die vermehrte Bildung von Immunglobulin A gestärkt wird, Herz und Kreislauf auf gesunde Weise stimuliert werden, und das Gehirn und die Organe durch das vertiefte Atmen beim Singen besser mit Sauerstoff versorgt werden. Das Heilsame Singen habe ich in einer Weiterbildung bei dem Dipl.-Musiktherapeuten Wolfgang Bossinger kennengelernt. Das Besondere daran ist das Singen von „Chants“. Der Begriff „Chant“ kann mit „Gesang“ oder „Spirituelles Lied“ übersetzt werden und hat seinen Ursprung in spirituellen und religiösen Traditionen. Hierbei steht die Hingabe an das Singen im Vordergrund. Chants sind in der Regel Lieder aus allen Kulturen. Meistens bestehen sie aus kurzen Texten und eingängigen Melodien, die leicht erlernbar sind und sich gut singen lassen. Das gemeinsame Singen von Chants bewirkt, dass Geist und Seele zu innerer Harmonie und Ruhe finden. Es werden sogenannte Glückshormone wie Serotonin, Noradrenalin und Beta-Endorphine ausgeschüttet. Die Stresshormone Cortisol und Adrenalin werden abgebaut und das Bindungshormon Oxytocin wird vermehrt produziert. Diese Hormonausschüttungen haben außerdem noch eine antidepressive Wirkung.
Das Heilsame Singen stößt bei vielen Patienten auf große Resonanz. Rund 20 Teilnehmer nehmen am wöchentlich stattfindenden Heilsamen Singen teil und sitzen in einem Stuhlkreis im großen Therapieraum. Obwohl ich den Ablauf vorher grob gewas die Gruppe jetzt gerade braucht bzw. was ein Einzelner vielleicht gerade braucht. Passt dieses oder jenes Lied zur augenblicklichen Atmosphäre oder Gruppenkonstellation? In der Regel beginne ich mit erdenden afrikanischen oder indianischen Kraftliedern, spanne einen Bogen zu deutsch- und englischsprachigen Chants mit Texten, die nach innen führen und ende mit dem Chant „Namaste“ von Katrin Grassmann. Die meisten Teilnehmer sind ehemalige Patienten, die schon über einen längeren Zeitraum ambulant zum Heilsamen Singen kommen, weil sie sich von dieser Art des gemeinsamen Singens angesprochen fühlen, weil sie sich von den Liedtexten berühren lassen, weil sie sich erlauben „wieder weich, zart und lebendig werden (zu) dürfen“, um es mit den Worten des Sängers und Pianisten Joachim Goerke aus Lüneburg auszudrücken, und weil sie im Umgang mit sich und den anderen Achtsamkeit und Mitgefühl erfahren. Ich bin immer wieder aufs Neue tief beeindruckt, wenn die Patientengruppe ohne mein Zutun von sich aus aufsteht, sich die Hände reicht und gemeinsam „Namaste“ singt. „Namaste“, eine indische Grußformel, bedeutet sinngemäß übersetzt: „Ich verneige mich vor dem Göttlichen in Dir“. Zum Schluss führen alle die Handinnenflächen zusammen, legen diese an ihr Herz und verbeugen sich. Eine Geste, mit der man seinem Gegenüber seine allergrößte Wertschätzung übermittelt.
Abschließen möchte ich mit einem Zitat von dem Göttinger Neurobiologen Gerald Hüther: „Singen ist ein wirksames Mittel, um Ohnmacht, Angst und Stress zu überwinden und Selbstwirksamkeit und Selbstheilungskräfte zu stärken.“

Die Autorin:

Catarina Mahnke
Dipl.-Musiktherapeutin (DMtG)
Consultant of Palliative Care (Universität Bremen)
Singleiterin für Krankenhäuser und Gesundheitseinrichtungen
Kontakt: catarina.mahnke(at)klinikum-bremen-nord.de

Quellen:

Angaben zur Klinik:

Klinikum Bremen-Nord
Psychiatrisches Behandlungszentrum
Aumunder Heerweg 83/85
28757 Bremen
Tel: (0421)6606-1220
www.gesundheitnord.de