Zum Mitmachen

Kleine Hilfen mit Atem, Bewegung und Stimme
Sabine Rittner

Singen, tönen und summen mitten im Alltag
Eine Erinnerung:
Nachts an der Küste im Norden von Bali lässt sich ein Fischer mit seinem kleinen mit einem Segel bespannten Boot im Licht des hellen Mondes über das spiegelglatte Wasser treiben, das Netz hinter sich herziehend. Er liegt dabei mit übergeschlagenen Beinen gemütlich an Deck seines Fischerbootes und: er singt. – An der Ostküste: mehr Tourismus, mehr Wohlstand,
die Fischerboote haben Motoren, niemand singt mehr bei der Arbeit. – An der Südküste: Massentourismus und keine Fischerboote mehr.
Szenenwechsel:
Meine Mutter wuchs in großer Armut in einem Haushalt mit sieben Personen auf. Täglich galt es, Unmengen an Geschirr von Hand abzuwaschen, dies war keine allzu beliebte Arbeit bei den Kindern. Um sie erträglicher zu machen, wurde immer gesungen: Lieder mit vielen Strophen, Moritaten, Singwettspiele. Kein „Hey Google“ und keine „Alexa“.
Erneuter Szenenwechsel:
Mein Sohn, damals etwa neun Jahre alt, und ich fahren im Auto von Heidelberg nach Hamburg. Kurz nach dem Einsteigen beginnen wir Lieder zu singen miteinander, was wir dann aus Freude die gesamte Fahrt lang beibehalten. Es fallen uns immer mehr Lieder wieder ein. Beim Ankommen etwa sechs Stunden später sind wir beide allerbester Laune und total erstaunt, wie kurzweilig und schnell die lange Fahrt diesmal vorbeiging.
Letzter Szenenwechsel:
In der Selva, dem Amazonastiefland von Peru. Der alte Meisterschamane Juan Rocke Mainas sitzt auf den Holzplanken seiner Schamanen-Palmdachhütte (La casa de la concentración) und stellt eine Schutzessenz (Pusanga) für mich her. Dazu besingt er die in Agua Florida eingelegten Bestandteile verschiedener von ihm speziell ausgewählter Heilpflanzen. Hochkonzentriert bläst er seine Ikaro-Melodien in das Gefäß mit der Essenz hinein: ein leiser, magischer, hauchig geblasener Pfeifgesang erfüllt die tiefdunkle Dschungelnacht. Mit seinem Gesang bittet er den Geist der Pflanzen, zu kooperieren und für mich wirksam zu werden, denn es geht ihm beim Heilen um sehr viel mehr als nur die biochemischen Bestandteile der Pflanzen.
Dies sind ein paar sehr persönliche Beispiele zum Singen mitten im Alltag aus verschiedenen Jahrzehnten und aus unterschiedlichen Kulturen. Sie untermalen und bestätigen, was die Forschung über die positiven Wirkungen des Singens und Tönens inzwischen vielfach nachgewiesen hat:
– Singen erleichtert die Arbeit, weckt Kraftreserven, kann sogar die Überlebenschancen verbessern. Es mobilisiert körperliche Energiereserven und kann Menschen dabei unterstützen, belastende oder bedrohliche Situationen besser zu bewältigen.
– Singen kann sowohl in wach-entspannte Trancezustände führen (trophotrope Trance) als auch in die entspannte Hochspannung der hypererregten ekstatischen Trance (ergotrope Trance).
– Singen regt die Ausschüttung des Bindungshormons Oxytocin an und kann dadurch die soziale Synchronisation und Gefühl der Verbundenheit in der Gemeinschaft stärken.
– Beim Singen werden körpereigene Botenstoffe wie Endorphine, Beta-Endorphine, Serotonin und Noradrenalin freigesetzt, die das Wohlbefinden und die Lebensfreude fördern,
sowie zur Schmerzreduktion beitragen können. Es aktiviert vermutlich das dopaminerge Belohnungssystem, fördert Freude und Motivation.
– Singen kann die Konzentration der Stresshormone Adrenalin und Cortisol senken, dadurch Stress reduzieren und gleichzeitig das Immunsystem stärken. Regelmäßiges Singen erhöht deutlich die Menge des Immunglobulins A, was ebenfalls auf eine verbesserte Immunabwehr hindeutet.
– Singen kann die Herzratenvariabilität verbessern und damit zu einer gesunden Regulation des Herz-Kreislauf-Systems beitragen.
– Gemeinsames Singen in einer Gruppe kann die Lebensqualität verbessern und insbesondere Ängste sowie das emotionale Wohlbefinden positiv beeinflussen.
– Regelmäßiges Chorsingen ist mit einer verbesserten Struktur der weißen Substanz im Gehirn verbunden, insbesondere in Netzwerken, die für Sprache, Gedächtnis und emotionale Verarbeitung bedeutsam sind, was auf einen möglichen Beitrag zur Erhaltung der kognitiven Leistungsfähigkeit im Alter hindeutet.
– Singinterventionen bei Menschen mit Demenz können die Stimmung verbessern und die Lebensqualität fördern.
– Singen kann nach einem Schlaganfall die Sprachrehabilitation unterstützen, was mit strukturellen Veränderungen in sprachrelevanten Hirnarealen sowie einem verbesserten Informationsaustausch zwischen neuronalen Netzwerken einzugehen scheint.
Darüber hinaus zeigt das Summen weitere positive Wirkungen:
– Summen besänftigt, beruhigt, kann (besonders im Körperkontakt) positive Bindungserfahrungen fördern (Oxytocin, s.o.).
– Durch den verlängerten Ausatem und die entstehenden Vibrationen kann Summen das parasympathische Nervensystem (Vagusnerv) aktivieren und dadurch Entspannung sowie eine Verringerung des subjektiven Stressempfindens fördern.
– Summen kann die Herzratenvariabilität positiv beeinflussen und damit ebenfalls die beruhigende Regulation des vegetativen Nervensystems unterstützen.
– Es erhöht die Bildung von Stickstoffmonoxid (NO) in den Nasennebenhöhlen, wodurch deren Belüftung verbessert und die lokale Immunabwehr unterstützt wird.
– Regelmäßiges Summen verlangsamt die Atemfrequenz und kann zu einer ruhigeren sowie ökonomischeren Atmung beitragen.
– Summen kann in Verbindung mit Berührung sogar tiefe psychophysische Heilungsprozesse fördern.

Nun hinein mitten in Ihren Alltag. Was können Sie tun, um sich die heilsamen Wirkungen des Singens wieder anzueignen – im Alltag, kostenlos, völlig unaufwändig und jenseits von angeleiteten pädagogischen oder therapeutischen Settings?
– Singen sie bei irgendeiner Tätigkeit (z. B. beim körperlichen Arbeiten, Autofahren, Kochen, Abwaschen, Putzen, unter der Dusche, bei der Gartenarbeit…) ganz nebenbei beliebige Töne, Tonfolgen, Melodiefloskeln, frei improvisiert, so wie sie in diesem Moment entstehen. Vielleicht legt sich dann nach und nach ein Rhythmus darunter, der die körperliche Arbeit viel leichter
von der Hand gehen lässt. Möglicherweise entsteht daraus auch ein wiederholbares Lied, das Ihre Stimmung widerspiegelt oder diese positiv beeinflusst.
– Singen Sie einen Song oder eine Musik, die sie gerade im Radio oder in den Medien hören und der/die Ihnen gefällt, einfach mal wieder mit. Lassen Sie sich von der Stimmung und vom Text des Stückes ergreifen. Mit welchen positiven Erinnerungen ist dieser Song/dieses Musikstück verknüpft?
– Schalten Sie die Dauer-Musikberieselung ab und zu aus und singen Sie, was Ihnen gerade in den Sinn kommt.
– Tönen Sie Vokale einfach mal pur in einer angenehmen Tonhöhe und entdecken Sie die Unterschiedlichkeit ihrer Resonanzräume in Ihrem Körper. Welche Klang-Farbigkeit sehen oder spüren Sie bei den verschiedenen Vokalen?
– Manchmal kommen uns Melodienfetzen in den Sinn, die vielleicht aus einem Traum, aus einer Ohrwurm- Erinnerungsspur oder woher auch immer spontan aus der Tiefe unseres Unterbewusstseins auftauchen. Sollten Sie eine derartige Melodie in sich entdecken, locken Sie diese hervor, lassen Sie sie hörbar werden, singen Sie sie bewusst, hören Sie genau hin, neugierig und staunend. Was erzählt Ihnen diese Melodie? Entdecken Sie die dazugehörigen, von Ihnen erinnerten Textfragmente, finden Sie staunend den Bezug zu Ihrer momentanen Situation heraus und nutzen Sie dies als Botschaft aus der Tiefe Ihrer Intuition.
– Tönen Sie mit einem lieben Menschen im Körperkontakt, summen Sie miteinander, anstelle zu reden (z. B. Rücken an Rücken oder während einer Umarmung oder beim gegenseitigen Streicheln). Spüren Sie dabei die Vibrationen im Körper der mitsummenden Person. Lassen Sie sich davon ergreifen und „nähren“ und innerlich emotional berühren.
– Am Lagerfeuer, im Beisammensein mit anderen, trauen Sie sich, wieder mal gemeinsam Lieder oder Songs zu Singen und dazu zu Tanzen („… so wie früher“).
– Das Internet bietet Ihnen viele Möglichkeiten zum Karaoke-Singen von Songs Ihrer Lieblings-Sängerin/ Ihres Lieblingssängers/Ihrer Lieblingsband. Und die Texte werden Ihnen auch noch angezeigt. Geben Sie dazu bei YouTube „Songtitel + Karaoke“ oder „Songtitel + Instrumental mit Text“ ein. Technisch ist dazu eventuell ein an Ihren Laptop angeschlossenes, verstärkendes Mikrofon empfehlenswert, aber Sie können auch ohne Mikro einfach mitsingen zur Musikbegleitung. Sie brauchen nicht mal eine App herunterzuladen.
– Singen und tönen Sie in der Natur, indem Sie sich beim nächsten Spaziergang draußen einen angenehmen Platz suchen, an dem Sie alleine sind. Lassen Sie sich nieder, kommen Sie an, lauschen Sie auf die dort vorhandenen Klänge und Geräusche. Gehen Sie mit Ihren Ohren „spazieren“ in diesem großen Konzertsaal der Naturgeräusche. Dann fangen Sie an zu tönen, halten Sie Zwiesprache mit dem was Sie umgibt, stimmen Sie leise mit ein in dieses Natur-Konzert, schenken Sie dem Ort ein Lied, das in diesem Moment entsteht.
– Lassen Sie in einer ruhigen Situation einen Summton entstehen und spüren Sie nach, an welcher Stelle im Innern Ihres Körpers dieser Klang entspringt. Erlauben Sie diesem Summen, sich zu entfalten und mit Hilfe der Veränderung der Tonhöhe in verschiedene Körperstellen hinein zu wandern.
– Legen Sie die Hände auf einen Bereich Ihres Körpers auf, der aus irgendeinem Grund bedürftig ist. Stellen Sie sich nun vor, Ihre Handflächen wären eine vibrierende Membran und summen Sie in diese Körperstelle hinein.
– Lassen Sie beim Singen, Tönen und Summen immer auch Bewegungen zu, die ganz natürlich dazu entstehen und sich vielleicht beim Übergang vom Summen zum Singen größer entfalten wollen.
– Nehmen Sie wahr, wie Ihr Summen, Tönen oder Singen sowohl in Ihrem Körperinnenraum als auch gleichzeitig in den Sie umgebenden Außenraum hinaus klingt. Spüren Sie die Verbindung zwischen Ihrem Inneren und dem, was sich im Sie umgebenden Raum ausbreitet und auch auf den Außenraum reagiert.
– Experimentieren Sie mit Resonanzen im Raum. Erkunden Sie singend verschiedene Stellen im Sie umgebenden Raum und deren sehr unterschiedliche klangliche Antworten auf Ihren Gesang. Auf diese Weise lassen sich beispielsweise auch alte Kirchenräume singend und tönend völlig neu erkunden.
– Probieren Sie aus, tönend zu malen, geben Sie Ihrem Sing-Klangerleben auch mit Farben und Formen Ausdruck. Malen Sie (z.B. mit einfachen Wachsmalstiften) auf einen großen vor Ihnen liegenden Malblock, was Sie tönend gleichzeitig hören und spüren. Schauen Sie dabei neugierig Ihren Händen zu, was diese sichtbar werden lassen an bewegten Formen und Farben. Spielen Sie dabei auch mit den Klangfärbungen der verschiedenen Vokale und machen diese sichtbar.
– Sollten Sie überzeugt sein (oder es irgendwann zu hören bekommen haben), dass Sie nicht singen können, so probieren Sie das freie Tönen anfangs erst einmal in Situationen, in denen Sie alleine und von einer begleitenden Tätigkeit abgelenkt sind. Tönen Sie irgendwelche einzelnen Töne oder freien Tonfolgen, ohne festgelegte Melodie, leise oder laut, hauchig oder klar, hell oder dunkel – alles ist gleich-gültig! Dafür eignen sich klangunterstützende Räume wie z. B. das Auto oder die Dusche oder das Wandern oder ein Raum mit starkem Hall. Gewinnen sie nach und nach Vertrauen zurück in Ihren ganz persönlichen Stimmausdruck, ohne dabei spezielle „saubere“ Töne treffen zu müssen. Eventuell tauchen dann auch wie von alleine Lieder oder Songs auf, die Sie von früher erinnern oder aus den Medien kennen.
– Entdecken Sie weitere eigene, ganz persönliche Lieblingsmomente und -situationen, in die Sie sich das Singen, Tönen und Summen mitten in Ihren Alltag hinein wieder zurückholen.
Ich wünsche Ihnen viel Freude (und ganz nebenbei vielleicht auch noch heilsame Effekte) beim Wiederentdecken des Singens, Tönens und Summens in Ihrem Leben.

Meine Lieder sind
meines Daseins tiefster Sinn;
meine Lieder sind
meiner Seele Tränenstrom,
meines Herzens Lebensblut.
Japanisches Tanka-Gedicht von Sasaki Nobutsuna (1872–1963)

Hinweise für Musiktherapeut:innen:
Im Sinne der systemischen Haltung, dass Psychotherapie vor allem zu Hause stattfinden sollte, können diese Anregungen für Take-home-Interventionen zum Singen, Tönen und Summen von Patient:innen unaufwändig ausprobiert und bestenfalls in den Alltag integriert werden. Ziel ist es, diese früher mal völlig natürliche Ausdrucksmöglichkeit nicht ausschließlich im therapeutischen Kontext, sondern vor allem im täglichen Leben regelmäßig anzuwenden. Mit dieser kleinen Ideensammlung werden Patient:innen darin unterstützt, die eigene Stimme als wertvolle Form der Selbstfürsorge wieder neu zu entdecken und für sich einzusetzen. Dabei stehen die positiven Wirkungen auf das Wohlbefinden im Mittelpunkt: Summen, Singen und Tönen bieten einfache und jederzeit verfügbare Wege, Stress abzubauen, die emotionale Eindrucks- und Ausdrucksbalance zu fördern, die eigene Körper- und Selbstwahrnehmung und auch die Selbstfürsorge-Fähigkeit zu stärken. 

Ausgewählte Literaturhinweise:
Rittner, S. (2021). Vokale Musiktherapie. In H.-H. Decker-Voigt et al. (Hrsg.), Lexikon Musiktherapie. Göttingen: Hogrefe.
Rittner, S. (2021). Das Summen in besonderen Zeiten. Musik und Gesundsein, 40.
Rittner, S. (2017). Singen und Trance – Die Stimme als Medium zur Induktion veränderter Wachbewusstseinszustände im Kontext von Singgruppen. In E. Wünnenberg (Hrsg.), Singen als heilsame Kraft – Das Potenzial des Singens für das Gesundheitssystem. Grundlagen, Praxisfelder, Perspektiven. Malsch: Singende Krankenhäuser e.V.
Henderson, J. (2007). Das Buch vom Summen. The Hum Book. Bielefeld: AJZ Druck & Verlag.

Quelle des Tanka-Gedichtes:
Sasaki, Nobutsuna: Meine Lieder sind meines Daseins tiefster Sinn. In: G. Coudenhove (Hrsg. u. Übers.), Japanische Jahreszeiten.
Tanka und Haiku aus dreizehn Jahrhunderten. Zürich: Manesse Verlag. Erstmals erschienen 1963; Neuausgabe 2015.

Weitere Literaturangaben können bei der Autorin erfragt werden.

Sabine Rittner
ist Musikpsychotherapeutin, Atem- und Stimmtherapeutin, approbierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, Psychotherapeutin (HP), Hypnotherapeutin, IFS- und Traumatherapeutin
mit Spezialisierung in der Arbeit mit veränderten Bewusstseinszuständen und körperorientierter Therapie. Sie war 30 Jahre lang tätig am Institut für Medizinische Psychologie der Universitätsklinik Heidelberg (Lehre, Psychotherapie, Bewusstseins- und Musiktherapieforschung). Sie arbeitet weiterhin in eigener Praxis (Therapie, Supervision, Coaching, Lehrtherapien),
leitet Seminare, bildet aus, hält Vorträge und tritt international in Kunst-Performances auf. Umfangreiche Forschung und Publikationen zu den Themenkomplexen Bewusstseinsforschung – Klang – Trance – Stimme – Musiktherapie – Depression. Weitere Informationen: www.Sabine-Rittner.de