Zum Mitmachen
Kleine Hilfen mit Atem, Bewegung und Stimme
Sabine Rittner
Singen, tönen und summen mitten im Alltag
Eine Erinnerung:
Nachts an der Küste im Norden von Bali lässt sich ein Fischer mit seinem kleinen mit einem Segel bespannten Boot im Licht des hellen Mondes über das spiegelglatte Wasser treiben, das Netz hinter sich herziehend. Er liegt dabei mit übergeschlagenen Beinen gemütlich an Deck seines Fischerbootes und: er singt. – An der Ostküste: mehr Tourismus, mehr Wohlstand,
die Fischerboote haben Motoren, niemand singt mehr bei der Arbeit. – An der Südküste: Massentourismus und keine Fischerboote mehr.
Szenenwechsel:
Meine Mutter wuchs in großer Armut in einem Haushalt mit sieben Personen auf. Täglich galt es, Unmengen an Geschirr von Hand abzuwaschen, dies war keine allzu beliebte Arbeit bei den Kindern. Um sie erträglicher zu machen, wurde immer gesungen: Lieder mit vielen Strophen, Moritaten, Singwettspiele. Kein „Hey Google“ und keine „Alexa“.
Erneuter Szenenwechsel:
Mein Sohn, damals etwa neun Jahre alt, und ich fahren im Auto von Heidelberg nach Hamburg. Kurz nach dem Einsteigen beginnen wir Lieder zu singen miteinander, was wir dann aus Freude die gesamte Fahrt lang beibehalten. Es fallen uns immer mehr Lieder wieder ein. Beim Ankommen etwa sechs Stunden später sind wir beide allerbester Laune und total erstaunt, wie kurzweilig und schnell die lange Fahrt diesmal vorbeiging.
Letzter Szenenwechsel:
In der Selva, dem Amazonastiefland von Peru. Der alte Meisterschamane Juan Rocke Mainas sitzt auf den Holzplanken seiner Schamanen-Palmdachhütte (La casa de la concentración) und stellt eine Schutzessenz (Pusanga) für mich her. Dazu besingt er die in Agua Florida eingelegten Bestandteile verschiedener von ihm speziell ausgewählter Heilpflanzen. Hochkonzentriert bläst er seine Ikaro-Melodien in das Gefäß mit der Essenz hinein: ein leiser, magischer, hauchig geblasener Pfeifgesang erfüllt die tiefdunkle Dschungelnacht. Mit seinem Gesang bittet er den Geist der Pflanzen, zu kooperieren und für mich wirksam zu werden, denn es geht ihm beim Heilen um sehr viel mehr als nur die biochemischen Bestandteile der Pflanzen.
Dies sind ein paar sehr persönliche Beispiele zum Singen mitten im Alltag aus verschiedenen Jahrzehnten und aus unterschiedlichen Kulturen. Sie untermalen und bestätigen, was die Forschung über die positiven Wirkungen des Singens und Tönens inzwischen vielfach nachgewiesen hat:
– Singen erleichtert die Arbeit, weckt Kraftreserven, kann sogar die Überlebenschancen verbessern. Es mobilisiert körperliche Energiereserven und kann Menschen dabei unterstützen, belastende oder bedrohliche Situationen besser zu bewältigen.
– Singen kann sowohl in wach-entspannte Trancezustände führen (trophotrope Trance) als auch in die entspannte Hochspannung der hypererregten ekstatischen Trance (ergotrope Trance).
– Singen regt die Ausschüttung des Bindungshormons Oxytocin an und kann dadurch die soziale Synchronisation und Gefühl der Verbundenheit in der Gemeinschaft stärken.
– Beim Singen werden körpereigene Botenstoffe wie Endorphine, Beta-Endorphine, Serotonin und Noradrenalin freigesetzt, die das Wohlbefinden und die Lebensfreude fördern,
sowie zur Schmerzreduktion beitragen können. Es aktiviert vermutlich das dopaminerge Belohnungssystem, fördert Freude und Motivation.
– Singen kann die Konzentration der Stresshormone Adrenalin und Cortisol senken, dadurch Stress reduzieren und gleichzeitig das Immunsystem stärken. Regelmäßiges Singen erhöht deutlich die Menge des Immunglobulins A, was ebenfalls auf eine verbesserte Immunabwehr hindeutet.
– Singen kann die Herzratenvariabilität verbessern und damit zu einer gesunden Regulation des Herz-Kreislauf-Systems beitragen.
– Gemeinsames Singen in einer Gruppe kann die Lebensqualität verbessern und insbesondere Ängste sowie das emotionale Wohlbefinden positiv beeinflussen.
– Regelmäßiges Chorsingen ist mit einer verbesserten Struktur der weißen Substanz im Gehirn verbunden, insbesondere in Netzwerken, die für Sprache, Gedächtnis und emotionale Verarbeitung bedeutsam sind, was auf einen möglichen Beitrag zur Erhaltung der kognitiven Leistungsfähigkeit im Alter hindeutet.
– Singinterventionen bei Menschen mit Demenz können die Stimmung verbessern und die Lebensqualität fördern.
– Singen kann nach einem Schlaganfall die Sprachrehabilitation unterstützen, was mit strukturellen Veränderungen in sprachrelevanten Hirnarealen sowie einem verbesserten Informationsaustausch zwischen neuronalen Netzwerken einzugehen scheint.
Darüber hinaus zeigt das Summen weitere positive Wirkungen:
– Summen besänftigt, beruhigt, kann (besonders im Körperkontakt) positive Bindungserfahrungen fördern (Oxytocin, s.o.).
– Durch den verlängerten Ausatem und die entstehenden Vibrationen kann Summen das parasympathische Nervensystem (Vagusnerv) aktivieren und dadurch Entspannung sowie eine Verringerung des subjektiven Stressempfindens fördern.
– Summen kann die Herzratenvariabilität positiv beeinflussen und damit ebenfalls die beruhigende Regulation des vegetativen Nervensystems unterstützen.
– Es erhöht die Bildung von Stickstoffmonoxid (NO) in den Nasennebenhöhlen, wodurch deren Belüftung verbessert und die lokale Immunabwehr unterstützt wird.
– Regelmäßiges Summen verlangsamt die Atemfrequenz und kann zu einer ruhigeren sowie ökonomischeren Atmung beitragen.
– Summen kann in Verbindung mit Berührung sogar tiefe psychophysische Heilungsprozesse fördern.
Nun hinein mitten in Ihren Alltag. Was können Sie tun, um sich die heilsamen Wirkungen des Singens wieder anzueignen – im Alltag, kostenlos, völlig unaufwändig und jenseits von angeleiteten pädagogischen oder therapeutischen Settings?
– Singen sie bei irgendeiner Tätigkeit (z. B. beim körperlichen Arbeiten, Autofahren, Kochen, Abwaschen, Putzen, unter der Dusche, bei der Gartenarbeit…) ganz nebenbei beliebige Töne, Tonfolgen, Melodiefloskeln, frei improvisiert, so wie sie in diesem Moment entstehen. Vielleicht legt sich dann nach und nach ein Rhythmus darunter, der die körperliche Arbeit viel leichter
von der Hand gehen lässt. Möglicherweise entsteht daraus auch ein wiederholbares Lied, das Ihre Stimmung widerspiegelt oder diese positiv beeinflusst.
– Singen Sie einen Song oder eine Musik, die sie gerade im Radio oder in den Medien hören und der/die Ihnen gefällt, einfach mal wieder mit. Lassen Sie sich von der Stimmung und vom Text des Stückes ergreifen. Mit welchen positiven Erinnerungen ist dieser Song/dieses Musikstück verknüpft?
– Schalten Sie die Dauer-Musikberieselung ab und zu aus und singen Sie, was Ihnen gerade in den Sinn kommt.
– Tönen Sie Vokale einfach mal pur in einer angenehmen Tonhöhe und entdecken Sie die Unterschiedlichkeit ihrer Resonanzräume in Ihrem Körper. Welche Klang-Farbigkeit sehen oder spüren Sie bei den verschiedenen Vokalen?
– Manchmal kommen uns Melodienfetzen in den Sinn, die vielleicht aus einem Traum, aus einer Ohrwurm- Erinnerungsspur oder woher auch immer spontan aus der Tiefe unseres Unterbewusstseins auftauchen. Sollten Sie eine derartige Melodie in sich entdecken, locken Sie diese hervor, lassen Sie sie hörbar werden, singen Sie sie bewusst, hören Sie genau hin, neugierig und staunend. Was erzählt Ihnen diese Melodie? Entdecken Sie die dazugehörigen, von Ihnen erinnerten Textfragmente, finden Sie staunend den Bezug zu Ihrer momentanen Situation heraus und nutzen Sie dies als Botschaft aus der Tiefe Ihrer Intuition.
– Tönen Sie mit einem lieben Menschen im Körperkontakt, summen Sie miteinander, anstelle zu reden (z. B. Rücken an Rücken oder während einer Umarmung oder beim gegenseitigen Streicheln). Spüren Sie dabei die Vibrationen im Körper der mitsummenden Person. Lassen Sie sich davon ergreifen und „nähren“ und innerlich emotional berühren.
– Am Lagerfeuer, im Beisammensein mit anderen, trauen Sie sich, wieder mal gemeinsam Lieder oder Songs zu Singen und dazu zu Tanzen („… so wie früher“).
– Das Internet bietet Ihnen viele Möglichkeiten zum Karaoke-Singen von Songs Ihrer Lieblings-Sängerin/ Ihres Lieblingssängers/Ihrer Lieblingsband. Und die Texte werden Ihnen auch noch angezeigt. Geben Sie dazu bei YouTube „Songtitel + Karaoke“ oder „Songtitel + Instrumental mit Text“ ein. Technisch ist dazu eventuell ein an Ihren Laptop angeschlossenes, verstärkendes Mikrofon empfehlenswert, aber Sie können auch ohne Mikro einfach mitsingen zur Musikbegleitung. Sie brauchen nicht mal eine App herunterzuladen.
– Singen und tönen Sie in der Natur, indem Sie sich beim nächsten Spaziergang draußen einen angenehmen Platz suchen, an dem Sie alleine sind. Lassen Sie sich nieder, kommen Sie an, lauschen Sie auf die dort vorhandenen Klänge und Geräusche. Gehen Sie mit Ihren Ohren „spazieren“ in diesem großen Konzertsaal der Naturgeräusche. Dann fangen Sie an zu tönen, halten Sie Zwiesprache mit dem was Sie umgibt, stimmen Sie leise mit ein in dieses Natur-Konzert, schenken Sie dem Ort ein Lied, das in diesem Moment entsteht.
– Lassen Sie in einer ruhigen Situation einen Summton entstehen und spüren Sie nach, an welcher Stelle im Innern Ihres Körpers dieser Klang entspringt. Erlauben Sie diesem Summen, sich zu entfalten und mit Hilfe der Veränderung der Tonhöhe in verschiedene Körperstellen hinein zu wandern.
– Legen Sie die Hände auf einen Bereich Ihres Körpers auf, der aus irgendeinem Grund bedürftig ist. Stellen Sie sich nun vor, Ihre Handflächen wären eine vibrierende Membran und summen Sie in diese Körperstelle hinein.
– Lassen Sie beim Singen, Tönen und Summen immer auch Bewegungen zu, die ganz natürlich dazu entstehen und sich vielleicht beim Übergang vom Summen zum Singen größer entfalten wollen.
– Nehmen Sie wahr, wie Ihr Summen, Tönen oder Singen sowohl in Ihrem Körperinnenraum als auch gleichzeitig in den Sie umgebenden Außenraum hinaus klingt. Spüren Sie die Verbindung zwischen Ihrem Inneren und dem, was sich im Sie umgebenden Raum ausbreitet und auch auf den Außenraum reagiert.
– Experimentieren Sie mit Resonanzen im Raum. Erkunden Sie singend verschiedene Stellen im Sie umgebenden Raum und deren sehr unterschiedliche klangliche Antworten auf Ihren Gesang. Auf diese Weise lassen sich beispielsweise auch alte Kirchenräume singend und tönend völlig neu erkunden.
– Probieren Sie aus, tönend zu malen, geben Sie Ihrem Sing-Klangerleben auch mit Farben und Formen Ausdruck. Malen Sie (z.B. mit einfachen Wachsmalstiften) auf einen großen vor Ihnen liegenden Malblock, was Sie tönend gleichzeitig hören und spüren. Schauen Sie dabei neugierig Ihren Händen zu, was diese sichtbar werden lassen an bewegten Formen und Farben. Spielen Sie dabei auch mit den Klangfärbungen der verschiedenen Vokale und machen diese sichtbar.
– Sollten Sie überzeugt sein (oder es irgendwann zu hören bekommen haben), dass Sie nicht singen können, so probieren Sie das freie Tönen anfangs erst einmal in Situationen, in denen Sie alleine und von einer begleitenden Tätigkeit abgelenkt sind. Tönen Sie irgendwelche einzelnen Töne oder freien Tonfolgen, ohne festgelegte Melodie, leise oder laut, hauchig oder klar, hell oder dunkel – alles ist gleich-gültig! Dafür eignen sich klangunterstützende Räume wie z. B. das Auto oder die Dusche oder das Wandern oder ein Raum mit starkem Hall. Gewinnen sie nach und nach Vertrauen zurück in Ihren ganz persönlichen Stimmausdruck, ohne dabei spezielle „saubere“ Töne treffen zu müssen. Eventuell tauchen dann auch wie von alleine Lieder oder Songs auf, die Sie von früher erinnern oder aus den Medien kennen.
– Entdecken Sie weitere eigene, ganz persönliche Lieblingsmomente und -situationen, in die Sie sich das Singen, Tönen und Summen mitten in Ihren Alltag hinein wieder zurückholen.
Ich wünsche Ihnen viel Freude (und ganz nebenbei vielleicht auch noch heilsame Effekte) beim Wiederentdecken des Singens, Tönens und Summens in Ihrem Leben.
Meine Lieder sind
meines Daseins tiefster Sinn;
meine Lieder sind
meiner Seele Tränenstrom,
meines Herzens Lebensblut.
Japanisches Tanka-Gedicht von Sasaki Nobutsuna (1872–1963)
Hinweise für Musiktherapeut:innen:
Im Sinne der systemischen Haltung, dass Psychotherapie vor allem zu Hause stattfinden sollte, können diese Anregungen für Take-home-Interventionen zum Singen, Tönen und Summen von Patient:innen unaufwändig ausprobiert und bestenfalls in den Alltag integriert werden. Ziel ist es, diese früher mal völlig natürliche Ausdrucksmöglichkeit nicht ausschließlich im therapeutischen Kontext, sondern vor allem im täglichen Leben regelmäßig anzuwenden. Mit dieser kleinen Ideensammlung werden Patient:innen darin unterstützt, die eigene Stimme als wertvolle Form der Selbstfürsorge wieder neu zu entdecken und für sich einzusetzen. Dabei stehen die positiven Wirkungen auf das Wohlbefinden im Mittelpunkt: Summen, Singen und Tönen bieten einfache und jederzeit verfügbare Wege, Stress abzubauen, die emotionale Eindrucks- und Ausdrucksbalance zu fördern, die eigene Körper- und Selbstwahrnehmung und auch die Selbstfürsorge-Fähigkeit zu stärken.
Ausgewählte Literaturhinweise:
Rittner, S. (2021). Vokale Musiktherapie. In H.-H. Decker-Voigt et al. (Hrsg.), Lexikon Musiktherapie. Göttingen: Hogrefe.
Rittner, S. (2021). Das Summen in besonderen Zeiten. Musik und Gesundsein, 40.
Rittner, S. (2017). Singen und Trance – Die Stimme als Medium zur Induktion veränderter Wachbewusstseinszustände im Kontext von Singgruppen. In E. Wünnenberg (Hrsg.), Singen als heilsame Kraft – Das Potenzial des Singens für das Gesundheitssystem. Grundlagen, Praxisfelder, Perspektiven. Malsch: Singende Krankenhäuser e.V.
Henderson, J. (2007). Das Buch vom Summen. The Hum Book. Bielefeld: AJZ Druck & Verlag.
Quelle des Tanka-Gedichtes:
Sasaki, Nobutsuna: Meine Lieder sind meines Daseins tiefster Sinn. In: G. Coudenhove (Hrsg. u. Übers.), Japanische Jahreszeiten.
Tanka und Haiku aus dreizehn Jahrhunderten. Zürich: Manesse Verlag. Erstmals erschienen 1963; Neuausgabe 2015.
Weitere Literaturangaben können bei der Autorin erfragt werden.
Sabine Rittner
ist Musikpsychotherapeutin, Atem- und Stimmtherapeutin, approbierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, Psychotherapeutin (HP), Hypnotherapeutin, IFS- und Traumatherapeutin
mit Spezialisierung in der Arbeit mit veränderten Bewusstseinszuständen und körperorientierter Therapie. Sie war 30 Jahre lang tätig am Institut für Medizinische Psychologie der Universitätsklinik Heidelberg (Lehre, Psychotherapie, Bewusstseins- und Musiktherapieforschung). Sie arbeitet weiterhin in eigener Praxis (Therapie, Supervision, Coaching, Lehrtherapien),
leitet Seminare, bildet aus, hält Vorträge und tritt international in Kunst-Performances auf. Umfangreiche Forschung und Publikationen zu den Themenkomplexen Bewusstseinsforschung – Klang – Trance – Stimme – Musiktherapie – Depression. Weitere Informationen: www.Sabine-Rittner.de
Vorschau Heft 51
Ins Spiel kommen
In der Musiktherapie kann der Patient/die Patientin über Musik ausdrücken, welche existentiellen Themen für ihn/sie gerade im Vordergrund stehen und sie mittels Improvisation ausdrücken, verfeinern, differenzieren.
Schwerpunktthema III
Harmonizing conflict and chaos: A musical model for enhancing communication between Arabs and Jews in Israel
Avi Gilboa
Parts of this article are based on or adapted from Gilboa, A. (2016). Let’s talk music – A model for enhancing intercultural communication: Trying to understand why and how music
helps. Voices: A World Forum for Music Therapy, 16(1). We thank the journal editorial board for giving their permission to use these materials in this article.
I would like to thank Laura Venturi and Christine Decker-Voigt for helping with the production of this article, including adapting parts of it from a previous article I published, and making adjustments to the formatting of this journal.
Introduction
In developing the Let’s Talk Music model, I sought to promote dialogue, openness, and mutual understanding among people from different cultural backgrounds through structured group work centred on music. First implemented with immigrant and native-born students, the model showed that participation in a music therapy group fostered greater acceptance of cultural differences while strengthening awareness of both one’s own cultural roots and those of others.
Since then, the model has been adapted to a range of multicultural settings and specifically, to bi-cultural groups involving Jewish and Arab participants in Israel1 (Gilboa, 2016). These experiences prompted broader questions about music’s social role and the processes through which musical experiences can facilitate intercultural communication. Rather than assuming
that music naturally brings people together, the model examines how musical identities are formed, how they shape relationships, and how they may become a basis for dialogue and mutual recognition.
Music as a Unifier and a Divider
Music is often described as a universal language because it exists in every known culture and accompanies human life across historical and social contexts. Its capacity to evoke emotions, create shared experiences, and strengthen interpersonal bonds suggests that it can provide common ground for communication across linguistic, national, and cultural boundaries.
Yet music also has a less visible social dimension. Precisely because it is deeply embedded in cultural life, it contributes not only to solidarity within groups but also to distinctions between them. As DeNora (2000) argues, music helps shape social identities, reflects cultural values, and may reinforce stereotypes, hierarchies, and processes of inclusion and exclusion. Likewise, Garofalo (2010) observes that the same force capable of inspiring love, unity, and belonging may also reinforce hostility, division, and exclusion. Music therefore has the potential both to connect people and to separate them.
At the individual level, musical preferences are equally significant. The music people choose to listen to, perform, or reject reflects personal history as well as cultural belonging. Musical
taste becomes an expression of identity, while rejected or unfamiliar music may reveal equally meaningful social and cultural attitudes. Every individual therefore develops a distinctive musical identity that includes not only preferred music, but also music that is rejected or remains unfamiliar.
Recognising these dynamics is central to the Let’s Talk Music model. Rather than assuming that music automatically creates harmony, the model acknowledges that musical differences may reveal underlying cultural tensions. At the same time, these differences provide opportunities for dialogue. By exploring musical identities within a supportive group environment, participants are encouraged to examine their assumptions, become curious about unfamiliar musical traditions, and develop greater openness towards people whose cultural experiences differ from their own.
A Configuration of Musical Identity
The concept of musical identity provides the theoretical foundation of the model. Based on repeated observations in multicultural groups, it can be understood as comprising four interconnected components.
The first, My Music, includes the music a person enjoys and regards as part of his or her identity. These preferences reflect personal experience, emotional memories, and individual taste.
The second, My Culture’s Music, refers to music representing one’s cultural background, even when it is not part of everyday listening. People often become aware of this dimension in different cultural environments, where familiar songs and traditions acquire new significance as expressions of identity and belonging.
The third, Other’s Music I Do Not Like, includes music that is known but rejected. Such rejection often reflects more than aesthetic preference; disliked music may symbolise social values, cultural groups, or identities with which a person does not wish to identify. Examining these reactions therefore reveals important aspects of both personal and cultural identity.
Finally, Other’s Music I Do Not Know represents musical traditions that remain unfamiliar. Because unfamiliar music is often perceived as distant or irrelevant, this area reflects unfamiliarity rather than active rejection. Expanding familiarity with previously unknown traditions therefore becomes an important step in broadening one’s musical identity.
Together, these four components show that musical identity is shaped not only by the music people embrace but also by what they reject or have never encountered. This broader understanding underpins the Let’s Talk Music approach.
Bridging Musical Identities
At first glance, the diversity of musical identities seems to challenge the idea that music can facilitate intercultural communication. If musical preferences are closely connected to personal histories and cultural affiliations, different groups may appear more divided than united by music.
The model addresses this apparent contradiction by focusing on experiences shared by all participants. Although musical preferences differ, everyone experiences attachment to certain kinds of music, distinguishes between familiar and unfamiliar musical worlds, and defines part of identity through these preferences. Likewise, everyone listens, and all music—regardless
of style or culture—is organised in some way, whether rhythmically, melodically, harmonically, emotionally, or structurally. These shared experiences provide common ground for dialogue.
Participants are therefore encouraged not to abandon their musical identities but to understand how they have been formed and how they shape perceptions of others. As familiarity with previously unknown traditions increases, music once rejected or ignored may become understood, appreciated, or at least respected. The aim is not to change musical preferences but to broaden understanding of what music means to others. In this way, expanding musical identity gradually reduces the domains of rejection and unfamiliarity while fostering greater openness to cultural difference.
The Let’s Talk Music Model
The model is implemented in groups of participants from different cultural backgrounds and facilitated by one or two music therapists experienced in group processes. It has been applied in multicultural settings as well as in bi-cultural groups bringing together Jewish and Arab participants. Participants are not required to have prior musical background or skills, because the musical activities implemented in the sessions are based on the musicality, creativity, and intuition people hold naturally. Depending on the context, programmes consist of thirteen 4-hour
sessions or twenty-six 2-hour sessions organised in three successive stages.
Establishing a Safe Musical Space
The initial sessions focus on building trust, familiarity, and group cohesion. Through listening exercises and collaborative music-making, participants become acquainted while developing attentive listening and mutual curiosity. Musical activities such as drumming together on a common groove, or learning to call and respond musically, encourage cooperation before more challenging cultural issues emerge.
Learning to distinguish between the objective characteristics of music and personal responses is central to this stage. Simple improvisations also encourage participation regardless of previous musical experience, emphasising that musical expression is accessible to everyone.
Musical Presentations and Cultural Dialogue
The central phase revolves around musical presentations first developed by Dorit Amir, in which each participant prepares a carefully edited and time-limited (e.g., no more than 12 minutes) sequence of meaningful musical excerpts. The sequence functions as a musical autobiography, reflecting personal values, cultural background, and musical identity while encouraging reflection on how one wishes to be represented. In some “Let’s Talk Music” groups, musical presentations are prepared not individually but in Arab-Jewish pairs, thus challenging each pair to find ways to musically co-exist, make space for each other’s music, while also finding place for joint choices.
After each presentation, group members share their impressions before the presenter (or presenters) adds personal insights and impressions about the musical choices in the presentation.
The intended meaning of the music. Such exchanges often reveal previously unnoticed aspects of identity and encourage participants to reconsider both their self-understanding and their perceptions of others. As presentations accumulate, unfamiliar musical traditions become opportunities for curiosity and dialogue rather than distance.
Alongside discussion, participants continue engaging in improvisation, ensemble playing, and other shared musical activities. These experiences reinforce listening, cooperation, and flexibility while allowing interpersonal dynamics to be explored through both music and reflection.
Reflection and Closure
The final stage consolidates the group’s experience and prepares participants for its conclusion. Reflection on personal development, changing perceptions of others, and the role of music helps integrate the group’s experiences and acknowledge the relationships that have developed.
Rather than resolving cultural differences, the programme strengthens participants’ capacity to engage with them openly and respectfully, encouraging dialogue beyond the group itself.
The “Analytical Third”: From “I” vs. “U” to “We”
Building on Jessica Benjamin’s understanding of the “analytical third”, some more light can be shed on Let’s Talk Music and the roles of music in promoting processes of dialogue and expansion. Initially, the concept of the “analytical third” was developed by Jessica Benjamin, to describe a relational space that emerges between analyst and patient during psychoanalysis. It represents a shared intersubjective field—a co-created psychological space where both participants contribute to meaning-making. However, Benjamin (2016) also referred to this concept in the social context of intercultural relations. In this context, when two opposing cultures clash, they are called to find an “analytical third”, which is usually a point of view which can contain both opposites, thus enabling them the space to exist, to explore, and to dialogue.
In Let’s Talk Music this desirable movement to finding the “analytical third” (referred to as the movement from “I” vs. “U”, to an integrated “We”), is done in different ways which can be understood through and manifested by music.2 One way, which is termed “intervals”, takes from the musical idea that when two notes are played together, a third entity, the interval, emerges. This, of course, is also metaphoric: When two opposing cultures or people, or musical styles, let’s refer to them as “I” and “U”, play out together – nonetheless, being aware of
each other – they form a third entity, a “We”, which has its own life and form, and which can thereafter be visited and explored by both “I” and “U”. In Let’s Talk Music this is practiced, among other ways, when drumming together and feeling how it is to play one rhythmical pattern while listening to another, enjoying the musical synergy, and ultimately, taking it as a metaphor for life.
Another way to transform an opposing “I” vs. “U” dynamics into an integrated “We”, is termed “Microtones”. Here, awareness is focused on the fact that between any two points, between any “I” and “U”, lies an infinite number of points, forming a rich continuum of shades. In music, this is clear when one plays all the semitones, and microtones between two notes. Culturally speaking, this can be translated to the different shades and possibilities that exist between the culture of one person and the culture of the other. In Let’s Talk Music, there are many musical activities that provide opportunities for participants to explore their identities, especially by contrasting them with opposing cultures. For instance, when an Arab and a Jew are working on creating a joint musical presentation, they are inevitably looking at each other as points of reference and then exploring different cultural and musical shades that lie in between. It then might strike them that “I” and “U” is partly an illusion.
Discussion
The experiences described here have led me to suggest that the effectiveness of the Let’s Talk Music model derives not from music alone, but from the structured process through which participants explore their own musical identities while encountering those of others. Music provides a medium for attentive listening, reflection, and dialogue, allowing cultural differences to be explored without requiring agreement or consensus.
The model also shows that musical identity is dynamic rather than fixed. As participants become familiar with previously unknown or rejected music, they often reconsider assumptions about themselves and others. This process does not replace existing identities but broadens the range of musical experiences that can be understood, appreciated, or respected. In this sense, expanding musical identity may also encourage greater flexibility in social relationships (DeNora, 2000).
Unlike approaches based primarily on verbal discussion, Let’s Talk Music begins with shared musical experience. Music enables participants to express personal and cultural meanings that may be difficult to articulate in words, creating a basis for dialogue that is later deepened through reflection and conversation. Music also offers possibilities of “singing” two different identities together and being mindful of the interval, the “third” that evolves from that. Music also enables one to explore the infinite musical shades (i.e., musical cultures and styles) that can exist between any two musical identities, be they as far and contrasting as they are. Finally, musical activities can bring forth the commonalities that contrasting musical identities might have, especially when listening beyond the obvious, and noticing that different musical styles and cultures, are sometimes surprisingly similar in shape, form, texture, or pattern. Indeed, throughout the programme, the emphasis remains on listening, mutual recognition, and openness to different perspectives so that musical identities might be expanded, and acceptance of others and self can be broadened.
Conclusion
In this article I have argued that music can contribute to intercultural communication. The answer does not lie in viewing music as a universal language that eliminates differences, but in its
capacity to create a structured space where differences can be expressed, explored, and negotiated with curiosity and respect. At the same time, the social power of music may foster both
inclusion and exclusion, depending on how musical identities are enacted (Garofalo, 2010).
Through musical presentations, attentive listening, discussion, and shared musical experiences, participants examine their own musical identities while encountering those of others. Rather than promoting consensus or replacing one identity with another, the model encourages recognition of multiple perspectives and a broader understanding of what music means across cultures.
These processes also reflect the philosophical perspectives of Charles Taylor who argues that identity develops through dialogue and that mutual recognition is essential to individual and collective well-being (Taylor, 1994). Let’s Talk Music translates these ideas into practice by encouraging participants to question habitual ways of listening, encounter alternative perspectives, and recognise the legitimacy of different musical identities. In a psychoanalytical stance, Jessica Benjamin’s social approach to “the analytical third” can be adopted. When “I” and “U” manage to form a third perspective – they turn controversy and duality into a meeting point for dialogue and growth.
Ultimately, the model does not seek to resolve cultural differences but to strengthen participants’ capacity to engage with them constructively. The listening, recognition, and dialogical skills developed within the group may extend beyond it, contributing to more open, respectful, and constructive relationships in everyday life.
References
Benjamin, J. (2016). Moving beyond violence: What we learn from two former combatants about the transition from aggression to recognition. In P. Gobodo-Madikizela (Ed.), Breaking intergenerational cycles of repetition: A global dialogue on historical trauma and memory (pp. 71–89). Barbara Budrich Publishers. https://doi.org/10.3224/84740613.
DeNora, T. (2000). Music in Everyday Life. Cambridge: Cambridge University Press.
Garofalo, R. (2010). Politics, mediation, social context and public use. In J. Shepherd, D. Horn, D. Laing, P. Oliver, & P. Wicke (Eds.), Handbook of Music and Emotion. Oxford: Oxford University Press.
Gilboa, A. (2016). Let’s Talk Music: A Model for Enhancing Intercultural Communication: Trying to Understand Why and How Music Helps. Voices: A World Forum for Music Therapy, 16(1).
Taylor, C. (1994). The Politics of Recognition. In A. Gutmann (Ed.), Multiculturalism: Examining the Politics of Recognition (pp. 25–73). Princeton, NJ: Princeton University Press.
Musiktherapeutischer Klinikspaziergang
Die Kinder- und Jugendambulanz/Sozialpädiatrisches Zentrum Berlin-Hellersdorf
Sara Wegen
Kontext und Auftrag des KJA/SPZ
Seit ihrer Konzeption in den Sechzigerjahren sind Sozialpädiatrische Zentren mit der Untersuchung und Behandlung von Kindern und Jugendlichen im Kontext ihres sozialen Umfelds
beauftragt. Dies schließt explizit die Beratung und Anleitung von Bezugspersonen mit ein. Zu uns kommen primär Säuglinge, Kinder und Jugendliche mit Entwicklungsauffälligkeiten oder -störungen, deren Kinder- oder Hausärzte die Indikation für eine komplexe sozialpädiatrische Behandlung stellen. Da die Auffälligkeiten oder Störungsbilder der Kinder oft ebenfalls komplex sein können, ist die Möglichkeit einer multimodalen Behandlung unter einem Dach sowohl für Familien als auch Fachleute eine reale Entlastung.
Das KJA/SPZ Hellersdorf ist eines von 16 organisierten Zentren in Berlin. Unser Träger in Hellersdorf und in fünf weiteren Berliner Bezirken ist die Lebenshilfe gGmbH, welche wiederum Teil eines großen Verbundes ist, mit 2.500 Beschäftigten. Eine Besonderheit der Berliner Zentren ist die Abdeckung der Bereiche Frühförderung als gesetzliche Grundlage (KJA), sowie sozialpädiatrische Versorgung (SPZ) in den Bereichen der therapeutischen, ärztlichen und psychologischen Betreuung.
Unsere Ambulanz liegt am Hellersdorfer Kastanienboulevard: Eine Fußgängerzone, die durch eine Großwohnsiedlung aus den späten Achtzigerjahren führt. Sie erstreckt sich über vier ebenerdige Aufgänge mehrstöckiger Mehrfamilienhäuser. Das Quartier selbst zeichnet sich durch seine Nähe zum Bezirkszentrum und durch integrierten Frei- und Grünflächen aus, jedoch auch durch die besondere soziale Situation der Bewohnerschaft: Etwa vier von zehn Bewohnern haben Migrationshintergrund; die Anzahl Alleinerziehender und die Kinderarmutsquote liegen deutlich höher als im Berliner Durchschnitt1; einer von vier Anwohnern bezieht Transferleistungen2.
Gleichzeitig sind verschiedenste Initiativen zur Stärkung von Integration und Nachbarschaft sichtbar: „Unser“ Häuserblock beheimatet unter anderem eine Kita, ein Kunstzentrum und einen Verein für Kindersportangebote. Das KJA/SPZ Hellersdorf ist seit 1993 ein Teil dieser Initiativen. Wir arbeiten als interdisziplinäres Team bestehend aus Kinderärztinnen, Psychologin und Psychologe, Ergotherapeutinnen, Logopädinnen, Physiotherapeutinnen, Heilpädagoginnen, einer Sozialarbeiterin und mir als Musiktherapeutin. Diese Verzahnung von medizinischer und psychologischer Diagnostik, Frühförderung, therapeutischer Behandlung, Elternarbeit sowie der Kooperation mit Kita, Schule und Jugendhilfe stellt das Kernmerkmal des sozialpädiatrischen Auftrags dar.
Methodenübergreifend und interdisziplinär
Aus meinem Musiktherapie-Raum schaue ich direkt auf den Boulevard; ich habe ihn mitsamt seiner einladenden und vielfältigen Ausstattung übernommen. Nebst Klavier, Gitarre, Orff- und Therapie-Instrumentarium stehen mir auch Materialien zur Verfügung, um die Kinder wortwörtlich zu „bewegen“: eine Hängematte, Gymnastikbälle, ein Spielkreisel. Dieser Schwerpunkt auf Körper und Bewegung, gleichrangig zu stimmlicher und instrumentaler Intervention, ist auf die entwicklungspsychologisch-fundierte Musiktherapie3 zurückzuführen. Dieser Ansatz ist die Basis meiner Arbeit im KJA/SPZ. Verhaltens- und gesprächstherapeutische Interventionstechniken ergänzen meine Methodik.
In meinen Einzeltherapien betreue ich oft Kinder im Vorschulalter, die mit der Verdachts- oder gesicherten Diagnose einer Autismus-Spektrum-Störung zu uns kommen. Zentrale Merkmale einer ASS sind Beeinträchtigungen der sozialen Interaktion und Kommunikation, sensorische Besonderheiten sowie repetitive Verhaltensmuster. Diese erschweren es dem Kind, mit seiner Umwelt in Beziehung zu treten. Daher steht in meiner Arbeit der Beziehungsaufbau im Mittelpunkt: Ich versuche, mit dem Kind in Kontakt zu treten und mich als verlässliches Gegenüber für eine Kontaktaufnahme anzubieten. Die Wege dorthin sind individuell und orientieren sich am jeweiligen Entwicklungsstand und den spezifischen Ausdrucksformen des Kindes.
Ich sehe Musiktherapie als komplementäres Angebot zu anderen Therapieformen. Das kommt daher, dass ich die Einsichten von Kolleginnen anderer Fachgruppen kennenlernen konnte und diese Erfahrungen sehr schätze! Es wird nie das Gefühl vermittelt, dass man alleinig für die Weiterentwicklung eines Kindes verantwortlich sei, was bei mitunter recht intensiver therapeutischer Arbeit sehr entlastend sein kann. Ich profitiere vom Austausch mit den Kolleginnen, sowohl in regelmäßigen Teamzeiten als auch Tür-und-Angel-Gesprächen, und nutze die vorhandenen Möglichkeiten, auch „fachfremdes“ Material einzubeziehen: alles im Dienste des Beziehungsaufbaus und der Entwicklung des Kindes.
Elternarbeit
Oft bin ich die erste Therapeutin, die nach der Eingangsdiagnostik über einen längeren Zeitraum mit den Kindern arbeitet. So ist es auch ein Teil meiner Aufgabe, die Eltern wiederholt zur Diagnose aufzuklären, sie in ihrem Akzeptanzprozess zu begleiten und gleichzeitig den Blick auf die Ressourcen ihres Kindes zu lenken. Die aktive Mitarbeit der Eltern ist ein wesentlicher Teil der Therapie, denn nachhaltige Entwicklung gelingt nur, wenn therapeutische Impulse im Alltag aufgegriffen und gefestigt werden. Ein besonders verlässliches Zeichen positiver Entwicklung ist für mich eine sichtbare Veränderung im Ausdruck, in der Zuwendung und im affektiven Erleben der Eltern.
Auch geben die Handlungen des Elternteiles während der Therapiesitzung wertvolle Hinweise auf die Eltern-Kind-Interaktion. Wirkt die Person zurückhaltend oder verunsichert und bleibt eher am Rand des Geschehens, versuche ich, sie behutsam einzubeziehen – etwa indem ich sie zum gemeinsamen Musizieren oder zum Ausprobieren der Instrumente einlade. Greift sie hingegen vorschnell in die Handlungen des Kindes ein, bevor das Kind eigene Erfahrungen machen kann, unterstütze ich sie darin, dem Kind mehr Raum zu geben und dessen Verhalten neugierig zu beobachten und zu verstehen.
Herausforderungen
Oft stehen Faktoren im Vordergrund, welche den Therapieprozess erschweren und zugleich zum sozialpädiatrischen Auftrag gehören. Mehr als ein Drittel der Hellersdorfer Bevölkerung
weist einen Migrationshintergrund auf; eine Realität, die sich in meiner Arbeit widerspiegelt. Sprachbarrieren erfordern zunächst den Aufbau einer tragfähigen Kommunikation mit den Eltern. Hinzu kommen unterschiedliche, kulturell oder biografisch geprägte Vorstellungen von Erziehung sowie familiäre Belastungen wie Flucht- oder Gewalterfahrungen oder eigene psychische Erkrankungen der Eltern. Nicht selten bringen die Eltern auch mehrere dieser biographischen Belastungen mit. In solchen Situationen ist eine enge Zusammenarbeit zwischen den Familien, unserem KJA/SPZ sowie weiteren Institutionen wie Jugendamt, Familienhilfen, Kitas und Schulen unerlässlich. Durch das Miteinander der verschiedenen Institutionen können Eltern die Unterstützung erhalten, die sie benötigen, um ihre Kinder in ihrer Entwicklung angemessen begleiten zu können.
Fallbeispiel
Das Kind R. besuchte über einen Zeitraum von etwa zwei Jahren die Musiktherapie bei mir. Sein Therapieverlauf ist mir bis heute besonders eindrücklich in Erinnerung geblieben, da R. über eine außergewöhnliche musikalische Begabung verfügte: Er besaß absolutes Gehör und ein beeindruckendes auditives Gedächtnis. R. stammt aus einer rumänisch-moldawischen Familie und besuchte bis zu seiner Einschulung keine Kita, was seine soziale Integration erheblich erschwerte. Die Familie lebte zeitweise sehr isoliert. Zwar erkannte sie seine besondere Musikalität, konnte sie jedoch weder einordnen noch mit ihm teilen.
Bei Therapiebeginn lag bereits die gesicherte Diagnose eines frühkindlichen Autismus vor. R. zeigte in Überforderungssituationen typische Symptome von Dysregulation wie Schreien, Weinen und stereotype Gesänge – darunter Kinderlieder, Fernsehmelodien oder „London Bridge Is Falling Down“. Seine musikalischen Fähigkeiten nutzte er dabei offenbar auch, um sich gegenüber seiner Umwelt abzugrenzen und Distanz herzustellen.
Die ersten Sitzungen dauerten oft nur zehn bis fünfzehn Minuten, da ich sie aufgrund der starken Überreizung des Jungen beenden musste. Seiner Mutter war sein Verhalten sichtlich unangenehm. Ich hatte den Eindruck, dass sie sich für seine Auffälligkeiten in der Öffentlichkeit schämte. Sie versuchte, sein Verhalten bereits im Ansatz zu unterbinden. Über mehrere Wochen hinweg schufen wir in der Musiktherapie einen sicheren Rahmen, der ihr zunehmend ermöglichte, ihr eigenes impulsives Eingreifen zu reduzieren und ihrem Sohn mehr Raum zu geben.
Nach und nach bemerkte R., dass ich auf seine musikalischen Äußerungen einging. Ich begleitete seine Lieder oder griff Melodiefragmente auf, wenn sein Gesang kurz pausierte. Bald begann er, mir gezielt kurze Melodien vorzusingen und durch Blickkontakt zu signalisieren, dass ich sie nachspielen sollte. Gegen Ende der Therapie entwickelte sich daraus ein musikalischer Dialog. Wir konnten gemeinsam bekannte und improvisierte Lieder singen, die ich anbot – teilweise sogar mehrstimmig.
Vor zwei Jahren wurde R. in ein Förderzentrum mit dem Schwerpunkt „Geistige Entwicklung“ eingeschult. Die Fortschritte, die er in der interpersonellen Kommunikation während der Musiktherapie machte, ließen sich nur teilweise in den schulischen und familiären Alltag übertragen. Dennoch bin ich überzeugt, dass die zwei Jahre Musiktherapie für ihn von großem
Wert waren. Ebenso bedeutsam war die Erfahrung seiner Mutter, ihren Sohn in einer Beziehung zu erleben, die von Interesse, Wertschätzung und echtem musikalischem Austausch geprägt war – statt von Ablehnung oder Unverständnis.
Reflexion
Wenn ich an meine Studienzeit zurückdenke, verband uns angehende Musiktherapeutinnen vor allem die Erfahrung, dass Musik zwischenmenschliche Begegnung auf eine Weise ermöglicht, die sich kaum in Worte fassen oder messen lässt. Was unser therapeutisches Team heute aus meiner Sicht eint, ist die Überzeugung, dass wir nicht nur Entwicklungsstörungen behandeln, sondern Kinder und Familien in ihrem gesamten sozialen Entwicklungskontext begleiten. Wir erleben häufig, dass selbstverständliche Erfahrungsräume kindlicher Entwicklung – gemeinsames Spielen, Bewegen, Basteln, Malen oder Musizieren – fehlen und stattdessen Bildschirme zu den wichtigsten „Ansprechpartnern“ junger Kinder geworden sind. Im besten Fall gelingt es uns, Eltern dabei zu unterstützen, sich trotz eigener Belastungen auf neue Formen der Begegnung mit ihrem Kind einzulassen. Diese gemeinsamen Momente sind für mich die größte Motivation in einer ebenso komplexen wie freudvollen und sinnstiftenden Arbeit, die in den kommenden Jahren sicherlich nur relevanter wird.
Weitere Quellen
https://www.lebenshilfe-berlin.de/de/
kinder-jugendliche/spz/
https://www.dgspj.de/
Sara Wegen
Musiktherapeutin (M.A., DMtG). Nach Abschluss meines Bachelorstudiums in Gesang und Theater am Goshen College in Indiana (USA) absolvierte ich mein Masterstudium Musiktherapie 2020 an der Universität der Künste Berlin. Ich arbeite seit 2022 im KJA/SPZ Berlin Hellersdorf, unterstütze die Geschäftsstelle der Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft, spiele Geige und singe in verschiedenen Ensembles.
1 Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf von Berlin, Sozialbericht 2024, Berlin 2025, S. 19–20.
2 BSG Brandenburgische Stadterneuerungsgesellschaft mbH, Quartiersmanagement Boulevard Kastanienallee, o. J., https://www.bsgmbh.com/projekt/quartiersmanagement/boulevard-kastanienallee/ (abgerufen am 15 Juli 2026).
3 Karin Schumacher, Claudine Calvet und Silke Reimer, Das EBQ-Instrument und seine entwicklungspsychologischen Grundlagen.
Inhaltsverzeichnis
Editorial
Hans Ulrich Schmidt
Musiktherapeutischer Klinikspaziergang
Die Kinder- und Jugendambulanz/Sozialheilpädiatrisches Zentrum Berlin-Hellersdorf
Sara Wegen
Patienteninterview
Harmonie der Gegensätze: vielstimmig im Einklang
Alexandra Takats
Schwerpunktthema I
Leben in interessanten Zeiten
Gedanken zur Pathologie und Therapie der heutigen Gesellschaft
Tonius Timmermann
Schwerpunktthema II
Harmonie der Gegensätze: vielstimmig im Einklang
Hans Ulrich Schmidt und Andreas Wölfl
Schwerpunktthema III
Harmonizing conflict and chaos: A musical model for enhancing communication between Arabs and Jews in Israel
Avi Gilboa
Schwerpunktthema IV
Wie den Frieden in Töne setzen?
Dieter Senghaas
Schwerpunktthema V
Integrativ-inklusives Kontinuum im italienischen Schulsystem: Projektplanung musiktherapeutischer Intervention im schulischen Kontext
Donatella Bellomo
Capriccio cerebrale
Capriccio cerebrale – das Finale!
Thomas Stegemann
Menschen und Orte
News und Hochschulnachrichten
Berichte
Stimme & Gesundheit im Dialog. Interdisziplinäre Perspektiven auf Singstimme, Medizin und künstlerische Praxis
David Baaß, Jörn Dopfer, Petra Pfeil, Hans Ulrich Schmidt, Ingmar Wellach
Jubiläum
Ein junges Alter?
Hans-Helmut Decker-Voigt
Grußwort zur 50. Ausgabe von Musik & Gesundsein
Regina Lorek
Wir gratulieren – 50 Ausgaben MuG
Thomas Wosch, Josephine Geipel, Beate Roelcke, Diandra Russo, Thomas Stegemann
25 Jahre „Musik und Gesundsein“
Hans Ulrich Schmidt
Zum Mitmachen
Kleine Hilfen mit Atem, Bewegung und Stimme
Singen, tönen und summen mitten im Alltag
Sabine Rittner
Impressum
Vorschau. Impressum

