Vorschau Heft 38 (2020)

Musiktherapie mittendrin – zwischen den Kulturen

Anliegen der Musiktherapie ist die Begegnung der Kulturen als fruchtbaren Prozess für alle Seiten zu gestalten. Neben den positiven, folgenreichen Aspekten dieser Arbeit in diesem Mittendrin-Sein in einem sich stets wandelnden Kulturverständnis werden auch Probleme und deren Lösungsansätze thematisiert.

Inhaltsverzeichnis

Editorial
Hans-Helmut Decker-Voigt

Musiktherapeutischer Klinikspaziergang
Musiktherapie in der Alpenklinik Santa Maria
Constanze Rüdenauer-Speck

Praxisvorstellung
Praxis für Musiktherapie
Christoph Salje

Patienteninterview
Musiktherapie nach Verlust durch Tod
Alexandra Takats

Schwerpunktthema I
Zwischen den Kulturen – musiktherapeutische Identitätssuche
Udo Baer

Schwerpunktthema II
„The most relaxing place“
Eine Chronologie des Projekts „Musiktherapie mit Geflüchteten“
Edith Wiesmüller/Thomas Stegemann

Musiktherapie in Zeiten von Corona
Musiktherapie-Wunsch stärker als Corona-Angst
Das Virus im Praxis-Alltag einer Psychotherapeutin
Ute Mirian Blamaceda

In der Gegenwart angekommen –
Musiktherapie in der Coronakrise
Gundula Buitkamp-Nagel

Corona – von der lebensbedrohlichen Krise
in die Kraft zum Leben
Anne Oeckinghaus

Wie geht Musiktherapie … in diesen Zeiten?
Friederike Jacob

Hoffnungssingen – Hoffnung Singen
Ulrike Thomas

Musiktherapie im Ausland
Musiktherapie in Taiwan
Chia-Ying Wu

Capriccio cerebrale
Soll das ein Witz sein? Über Lachen in Corona-Zeiten und die Frage, wo es zum Bahnhof geht
Thomas Stegemann

Menschen und Orte
News und Hochschulnachrichten

Singende Krankenhäuser e. V.
Kordula Voss, Vera Kimmig, Dagmar Eigner,
Joachim Goerke, Elke Wünnenberg

Buch und Medien
Rezension
Th. Stegemann/E. Weymann:
Ethik in der Musiktherapie
Ludger Kowal-Summek

Rezension
Alexander Wormit et al. (Hg.):
Musiktherapie in der geriatrischen Pflege
Ludger Kowal-Summek

Zum Mitmachen
Kleine Hilfen mit Atem, Bewegung und Stimme
Der Gang über die Schwelle – ein Naturritual
Sabine Rittner

Praxismodelle
Das Lied von Mutter Erde.
Eine musikalische Geschichte der Vier Elemente
Constanze Rüdenauer-Speck

Kolumne
AufgeMuGt
Coronarius
Hans-Helmut Decker-Voigt

Vorschau. Impressum

Editorial

„…hatten wir noch nie…“ Gemeint ist bei solcherlei Äußerungen gegenwärtig immer Virus Covid 19 mit dem im Lateinischen so ganz anders besetzten „Corona“. Dort bedeutet es zuerst Krone, Kranz, Ehrenkranz, dann Versammlung, Kreis von Zuhörern u.a.
In der MuG „hatten wir noch nie“ ein Sonderthema neben dem Schwerpunktthema. Diesmal aber, weil das Sonderthema Corona eben alle anderen Themen unserer Gesamtgesellschaft und der Musiktherapie-Communities dominiert. Mindestens durchsetzt.
Dass der Therapie-Wunsch stärker sein kann als die Ängste vor und um und mit Corona und deren Folgen es sind – dies beschreibt der erste der fünf „Sonder“-Beiträge zum unvorhersehbar gewesenen Sonderthema „Musik in Zeiten von Corona“. Unvorhersehbar, weil die Druckvorbereitung unserer Halbjahreszeitschrift schon fertig war, als die coronaesken Zeiten begannen.

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Heft 38 (2020) ist erschienen!

Musiktherapie mittendrin zwischen den Kulturen

 


Anliegen der Musiktherapie ist die Begegnung der Kulturen als fruchtbaren Prozess für alle Seiten zu gestalten. Neben den positiven, folgenreichen Aspekten dieser Arbeit in diesem Mittendrin-Sein in einem sich stets wandelnden Kulturverständnis werden auch Probleme und deren Lösungsansätze thematisiert.

 

Musiktherapeutischer Klinikspaziergang

Musiktherapie in der Alpenklinik Santa Maria

Von Constanze Rüdenauer-Speck

Klinik

Auf meinem Weg zur Arbeit sind täglich 400 Höhenmeter zu bewältigen, denn ich fahre auf dem 105 Kurven starken Oberjochpass zur Alpenklinik. Die in Hochtallage der Allgäuer Alpen auf 1200m Höhe gelegene Rehabilitationsklinik für chronisch kranke Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene hat sich als Hochgebirgszentrum zur Behandlung von Allergien und Atemwegserkrankungen national wie international einen Namen gemacht. Hier in der Kurgemeinde Bad Hindelang-Oberjoch gibt es die „beste Luft Bayerns“ – eine Messstation des Landesamtes für Umweltschutz steht auf dem Klinikgelände und weist die Luft als besonders arm an Pollen aus. Auch Hausstaubmilben können sich so viele Meter über Normalnull nur schwer ansiedeln, sodass die jährlich ca. 1.800 Patienten mit ihren Angehörigen endlich wieder frei durchatmen können. Träger der Alpenklinik Santa Maria mit ihren rund 150 MitarbeiterInnen ist die Katholische Jugendfürsorge der Diözese Augsburg e. V., eines der größten Sozialunternehmen Bayerns mit Einrichtungen der Medizin, der Kinder- und Jugendhilfe sowie der Beruflichen und Schulischen Bildung.
Gemeinsam mit der Klinik Hochried in Murnau und der Fachklinik Prinzregent Luitpold in Scheidegg bildet die Alpenklinik Santa Maria den Verbund der KJF Rehakliniken, der größte private Anbieter im Bereich der Kinder- und Jugendrehabilitation. Seit der Entstehung im Jahr 1949 hat sich die Klink auf die Behandlung von Kindern- und Jugendlichen mit Atemwegs- und Hauterkrankungen spezialisiert. Zu den Indikationen der Alpenklinik die Alpenklinik Santa Maria den Verbund der KJF Rehakliniken, der größte private Anbieter im Bereich der Kinder- und Jugendrehabilitation.
–– Allergisches und nichtallergisches Asthma bronchiale
–– Allergische Rhinokonjunktivitis
–– Nahrungsmittelallergien
–– Atopische Dermatitis
–– Adipositas
–– Störungen der sozialen Interaktionen
–– Fütter- und Essstörungen
Aufgenommen werden können bis zu 180 Patienten vom Säuglingsalter bis zur Volljährigkeit. Ein Teil der Jugendlichen reist ohne Eltern ins Oberjoch, gehört zur Gruppe der „Wanderfalken“. Bei den restlichen Patienten reist in der Regel ein Elternteil als Begleitperson mit an. Viele kommen wiederholt in die Alpenklinik und erreichen so Stabilität in der Bewältigung chronischer Haut- und Atemwegserkrankungen. Dazu kommen noch eine Krankenstation als Außenstelle der Augsburger Fachklinik Josefinum und unsere sog. „Igel-Gruppe“, eine Wohngruppe als Langzeitrehabilitationsmaßnahme im Rahmen der Eingliederungshilfe.
Die Patienten der Station für Fütter- und Essstörungen werden „Eichhörnchen“ genannt. Dies sind Kinder mit genetischen Erkrankungen, ehemalige Frühgeborene, Kinder mit einem äußerst gering ausgeprägten Hungergefühl oder selektivem Essverhalten. Der familienzentrierte, multimodale Ansatz macht dieses Therapieangebot bundesweit einzigartig, sodass Familien aus ganz Deutschland es nutzen.
Strukturierte Schulungsprogramme bei allen Schwerpunkt-Indikationen für Patienten und Begleitpersonen, Vortragsreihen und Gesprächskreise bilden zusammen mit umfassenden labortechnischen Untersuchungen und Messungen, medizinischen Bädern und Eincreme-Workshops die Basis jeder Reha. Hinzu kommen die psychologische Betreuung und Beratung und folgende Therapien:
–– Ernährungstherapie
–– Ergotherapie
–– Mototherapie
–– Sporttherapie
–– Physiotherapie
–– Musiktherapie
Während des vier- bis sechswöchigen Aufenthalts besuchen alle schulpflichtigen Kinder und Jugendlichen die zur Klinik gehörende Sophie-Scholl-Schule, ein staatlich genehmigtes und schulartübergreifendes Förderzentrum mit zugehöriger Schule für Kranke, welches auch den „Igeln“ einen Schulabschluss ermöglicht. Die Schule wurde für ihr Konzept mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Deutschen Schulpreis, den Kanzlerin Angela Merkel persönlich überreichte. Komplettiert wird das Klinikleben durch die pädagogische Betreuung für alle Altersstufen sowie ein vielfältiges Freizeitange bot, vom „Bergabenteuer“ und Rafting im Sommer bis zu Skikursen und Schneeschuhwandern im Winter.

Musiktherapie in der Alpenklinik
Das therapeutische Spektrum wurde im Herbst 2018 um die Musiktherapie erweitert und eine Stelle mit einem Umfang von 32 Wochenstunden geschaffen. Die Konzeption meiner Arbeit konnte ich eigenverantwortlich gestalten und auf die besonderen Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen ausrichten und wachsen lassen. Die Lebensqualität und soziale Teilhabe unserer jungen Patienten und ihrer häufig mitbelasteten Familien auszugleichen oder zumindest deutlich zu verbessern, stellt allgemein unser vorrangiges Therapieziel dar. Die Musiktherapie als künstlerische Psychotherapieform unterstützt hier die medizinische Behandlung gezielt durch die Förderung der emotionalen Verarbeitung körperlicher Erkrankung, das Aufspüren von Ressourcen und die Reduktion von Stress und Spannungszuständen. Bezogen auf einzelne Indikationen bedeutet dies für die Kinder und Jugendlichen mit Asthma eine Musikalisierung ihrer Atemwege durch Singen und Musizieren. Hier spielt das „Urinstrument“ der Alpen, das Alphorn, eine wichtige Rolle und hilft dabei, körperliche Beeinträchtigung auszugleichen und ein positives Körpergefühl aufzubauen. Adipöse Patienten werden darin unterstützt, sich von ihrer oft gehemmten Ausdrucksfähigkeit zu lösen. Im geschützten Rahmen können sie sich jenseits von Leistungs- oder Schönheitsidealen zeigen und ihr Selbstwertgefühl verbessern. Zum gemeinsamen Improvisieren steht ihnen neben den Alphörnern ein großes Instrumentarium zur Verfügung.
Ein weiterer Schwerpunkt meiner Arbeit stellt die Behandlung von Neurodermitis und Fütter-Essstörungen dar. Besonders jüngere Kinder mit Hauterkrankungen befinden sich oftmals in einem schwer zu durchbrechenden Teufelskreis aus Jucken – Kratzen – nicht schlafen können – noch mehr Juckreiz. Hier hat sich die Klangwiege als sehr hilfreich erwiesen, wie die folgende Fallvignette zeigt: Als der sechsjährige B. 2019 das erste Mal zu mir in die Musiktherapie kam, hatte er bereits seit ca. einem Jahr nicht mehr richtig schlafen können. Seine Haut war am ganzen Körper gerötet und aufgekratzt, seine Hände rieben und strichen ohne Unterlass überall da über seine Haut, wo er irgendwie hinkam. Die Klangwiege gefiel ihm von Anfang an. B. genoss es sehr, darin liegend von mir bespielt zu werden und er kratzte weniger. Nach einer Woche kam der Kindsvater auf mich zu: „B. hat erstmals wieder schlafen können! Ich habe rückwärts die Therapiepläne studiert, um zu sehen, was wir an diesen Tagen gemacht haben. Da war er hier bei Ihnen in der Klangwiege – kann das sein?“ In Abstimmung mit dem behandelnden Arzt intensivierten
wir die Therapiefrequenz und legten die Termine in den Spätnachmittag, um B. gezielt im Tagesausklang zu entspannen und auf das folgende Eincremen einzustimmen. Tatsächlich: B. zeigte sich im Verlauf seiner Rehamaßnahme immer ruhiger und fröhlicher. Er entwickelte sogar auch große Lust zum eigenen musikalischen Ausdruck und trommelte lautstark auf die Pow Wow. Ich machte eine Tonaufnahme der Klangwiege, welche die Eltern auch zuhause würden einsetzen können; ohne Vibration dann zwar, aber ich erwartete, dass B.s Körpergedächtnis dies ausgleichen würde. Ein Jahr später kam B. wieder und die Eltern berichteten, dass zwischenzeitlich B.s Haut so gut war wie noch nie in seinem
jungen Leben und er zu einem glücklichen Schulkind geworden war. Aktuell war seine Haut leider etwas schlechter, die durch die Corona-Pandemie veränderten Lebensumstände stressten ihn. B. betrat den Musiktherapieraum und marschierte wie selbstverständlich direkt zur Klangwiege und legte sich hinein, als wolle er sagen: „Da bin ich wieder. Einmal ein Klangbad bitte!“


Gleichsam von Bedeutung in der Behandlung von Neurodermitis ist das gemeinsame Singen von Mantren. Die Lieder variieren je nach Alter der Kinder und stammen aus allen großen Weltreligionen. Für dieses Gruppenangebot für Kinder zwischen viereinhalb und zehn Jahren habe ich für jedes Mantra, teilweise nach Ideen der Kinder selbst, ein Körpermantra entwickelt. Zu „Feeling“ cremen wir uns imaginär genüsslich mit der eigens entwickelten Santa-Creme ein. Lebensfreude pur springt über, wird zum Ohrwurm und Eltern berichten, ihre Kinder sitzen abends auf ihrem Bett und singen: „Feeling good today!“ oder „I am happy, I am good“. Mit älteren von Neurodermitis betroffenen Kindern und Jugendlichen sind im therapeutischen Songwriting Lieder entstanden, die inhaltlich von ihrem Leid zeugen, aber auch dahin fühlen lassen, wie es ist, gesund und frei zu sein. Die zwölfjährige M. entwickelte mit mir eine Rockballade und sang im Refrain: „Scheiß Neuro! Ich brauch’ dich nicht mehr! Ich will frei sein und noch ganz viel mehr…!“ Sie fühlte sich in ihrer Befindlichkeit verstanden und konnte musikalisch vor allem endlich mal eines ungestraft tun: aus ihrer Haut fahren. Die zehnjährige M.B. kreierte und besang den „Drachen Juckepuck“, den sie rufen kann, damit er ihr den Juckreiz nimmt. Dieses Lied wurde in das neueste Kinder-Schulungsheft unserer Klinik aufgenommen und man kann es fast täglich irgendwo durch die Klinik tönen hören. Die Eltern dieser Patientengruppe sind meist nicht minder belastet und für sie biete ich jede Woche eine eigene Gruppe Musiktherapeutische Tiefenentspannung MTE (nach Decker-Voigt) an.
Im Bereich der Fütter- und Essstörungen richtet sich das musiktherapeutische Angebot im familienzentrierten Ansatz individuell an die besonderen Bedürfnisse der kleinen Patienten, ihre Geschwister und Eltern. Je nach Behandlungsauftrag findet die Therapie im Einzelsetting oder zur Förderung einer positiven Mutter-Kind-Interaktion gemeinsam mit der Mutter statt. Als Teil des multimodalen Behandlungsansatzes bietet die Musiktherapie hier einen freien, nicht pflegerischen, kreativen Kontakt, der absichtlich nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Thema Essen steht. Die Familien sollen vielmehr sich selbst wieder einmal freudig und unbelastet erfahren. Durch das Explorieren der Instrumente und das freie Spiel damit können selbstbestimmt und angstfrei wichtige Erfahrungen gemacht werden. Mit Körperinstrumenten wie Klangwiege oder Therapiemonochord können diese Kinder in ihrer Körperwahrnehmung gefördert werden und klangliche Geborgenheit erleben. Solche Erfahrungen zu integrieren und auf andere Bereiche zu übertragen, kann vielleicht bedeuten, im Anschluss mehr Lust und Bereitschaft zum Probieren neuer Speisen zu zeigen. Oder ein Kleinkind auf dem Schoß der Mutter greift in der Geborgenheit des von mir gespielten und gesungenen Wiegenliedes erstmalig zur Trinkflasche, deren Sauger es bisher im Mundbereich nie toleriert hatte. Der Einbezug von Geschwisterkindern dient neben einem besseren Verständnis der Familiendynamik auch der Würdigung und besonderen Wahrnehmung ihrer Persönlichkeiten, eben nicht nur „Bruder oder Schwester von …“ zu sein, sondern in ihren Bedürfnissen und Befindlichkeiten gesehen zu werden. Auch die Eichhörnchen-Eltern üben mit der MTE zweimal wöchentlich gemeinsam in der Gruppe ihren Körper, Gefühle und Gedanken achtsam wahrzunehmen, Verspannungen aufzuspüren, loszulassen und wieder neue Lebenskraft zu tanken.
Unsere Igel-Langzeitpatienten bleiben ein Jahr oder sogar länger bei uns. Manche von ihnen wünschen sich in der Musiktherapie, „einfach nur
ein Instrument zu erlernen“, was einen hin- und herwechselnden Grenzgang zwischen Pädagogik und Therapie bedeutet. Andere benötigen Unterstützung in der Verarbeitung ihrer schwierigen familiären Situation, aus der sie stammen, und Hilfen auf dem Weg zur Neuorientierung und Veränderung. Mit den Igeln kann ich mich tiefer in den Prozess hineinbegeben, als dies in der Reha möglich ist. Dennoch: Vier Wochen, mit Verlängerung sechs Wochen, mag für manche kurz klingen, aber es kann tatsächlich auch für die Rehapatientinnen und -patienten immer viel aufgefangen und angeregt werden. Behandlungsrelevante Themen zeigen sich plötzlich in der Musiktherapie oder Mutter und Kind können sich auf musikalischer Ebene auf Augenhöhe wieder neu begegnen. Gemeinsames Singen und Musizieren befördert schließlich jede Menge Oxytocin, so wundert es nicht, wenn durch chronische Krankheit belastete Beziehungen zu heilen beginnen. Die letzten Lücken in meinem Wochenplan füllen das Heilsame Singen „Simantra“ als freies Angebot für alle Begleitpersonen, die Eichhörnchen-Teamsitzungen, der Austausch mit den Kolleginnen der Psychologie und die Teilnahme an der Ärztesitzung zur Besprechung der Neuanreisen. 

Corona
Wie viele Rehakliniken wurde die Alpenklinik zu Beginn der Pandemie Ende März auf Anordnung des bayrischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege geschlossen. Unmit telbar danach wurden wir als Hilfskrankenhaus eingerichtet (und Gott sei Dank nicht benötigt!). Erst zum 17. Juni durfte der Klinikbetrieb mit 50 Patienten ab sechs Jahren plus Begleitpersonen wiederaufgenommen werden. Ein Konzept mit umfangreichen Maßnahmen und Regeln wurde erstellt und wird seitdem aktuellen Geschehnissen und Erfahrungen angepasst, sodass die Patientenzahl wieder langsam gesteigert werden kann. Auch die Musiktherapie in Zeiten von Corona gestaltet sich anders. Auf Singen und Blasinstrumente spielen wird vorsichtshalber verzichtet, zumal das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes in der Klinik für Patienten wie Mitarbeiter Pflicht ist. Die Kinder und Jugendlichen kommen meist einzeln, die Bildung von Gruppen ist erschwert, da sie untereinander nur in bestimmten Kohorten Kontakt haben dürfen. Auch in der Einzelbegegnung heißt es Abstand wahren, sodass das Erklären eines Instruments und Zeigen eines Gitarrengriffs manchmal Einfallsreichtum erfordert. Jetzt kommt das große „Aber“: Was könnte besser geeignet sein Brücken zu bauen als die Musik? Selbst Masken und Abstand verhindern nicht, dass die Kinder durch Musik Resonanz, Nähe und Geborgenheit erfahren. Und: Die Situation befördert, was sowieso in meiner Absicht lag und was seitens des Ärzteteams sehr erwünscht ist, nämlich das Rausgehen in die Natur! Davon erzählt der letzte Abschnitt. 

Zukunftsmusik
Für die Outdoor-Musiktherapie war bisher im Therapieplan der Kinder wie auch bei mir die Zeit knapp und es war vom Wetter her schwer planbar. In diesem Sommer wandere ich mit meinen Patienten, wann immer es irgendwie geht, den Hang hinter dem Klinikgebäude hinauf, ziehe eine Auswahl an Instrumenten im Handwagen hinter mir her. Mit Blick auf unseren 1.876 m hohen Hausberg, den Iseler, genießen es die Kinder in und mit der Natur zu improvisieren – Vogelgezwitscher und Kuhglockenklang fließen in unsere Musik mit hinein. Hier brauchen wir auch keinen Mundschutz zu tragen und sehen uns lächeln. In wenigen Wochen wird ein 2019 von mir angestoßenes Projekt wahr werden: Der Klanggarten. Die durch Spenden finanzierten, speziellen wetterfesten Instrumente aus Großbritannien werden Ende August eintreffen und aufgebaut bzw. einbetoniert werden. Dann steht mit einem Grand Marimba, Congas, im Dreiklang gestimmten zwei Meter hohen Emperor Chimes und einem Mandalafon einem ganzjährig durchführbaren Gruppenangebot nichts mehr im Weg. Es sei denn, die Instrumente versinken in meterhohem Schnee…

 

Constanze Rüdenauer-Speck
Musikpädagogik mit Hauptfach Klavier an der Hochschule für Musik Karlsruhe. Abschluss: Diplom; Berufsbegleitende Weiterbildung Gemeinschaftsbildende Musiktherapie; Europäische Akademie der Heilenden Künste e. V. Gründung und Leitung der Freien Musikschule Ettlingen Forum Musicum für Musik, Ballett, Schauspiel. Eigene Praxis Musiktherapie Allgäu:
www.musiktherapie-allgäu.de.

Musiktherapeutin an der Alpenklinik Santa Maria KJF Rehaklinik für Kinder und Jugendliche
Riedlesweg 9
87541 Bad Hindelang-Oberjoch
http://www.santa-maria.de
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Praxisvorstellung

Praxisvorstellung

Praxis für Musiktherapie

Von Christoph Salje

1981
Krachend flog die Haustür auf – etwas zu heftig, aber mein Vormittag in der Schule war einfach zu doof gewesen! Meiner Mutter murmelte ich ein „Hallo“ in die Küche, während ich direkt in mein Zimmer stampfte, den Ranzen verächtlich in die Ecke schleuderte und die Tür hinter mir schloss. Voller Wut und Frustration über das Geschehen am Vormittag setzte ich mich ans Klavier und hämmerte auf die Tasten ein. Die lauten, schrägen Toncluster taten so gut! Bilder der letzten Stunden wechselten sich vor meinem inneren Auge ab und meine Finger lieferten am Klavier den dramatischen Soundtrack dazu. In die Erinnerungen mischten sich mit der Zeit immer neue Szenen, geschaffen in reiner Phantasie, verstärkt von meiner improvisierten Klaviermusik: Wie ich meine Lateinvokabeln nun doch plötzlich perfekt aufsagen konnte (weil ich sie vielleicht ernsthafter geübt habe?). Wie ich dem doofen Matthias in unserem Streit eben doch etwas richtig Starkes erwidern konnte, statt, wie in Wirklichkeit geschehen, zu verstummen. Wie ich im Sportunterricht so wie sonst eigentlich immer auch heute beim Bodenturnen den Handstandüberschlag sauber hingekriegt habe. Die Musik veränderte sich weiter unter meinen Händen, längst war sie ruhiger geworden, und nun wurde sie harmonischer, ja, sanfter. In ihr spiegelte sich die Veränderung in meinem Gemüt wider: Ich fand meinen Frieden mit mir selbst,
war beruhigter, weil ich spürte, dass ein Tag wie dieser auch anders verlaufen konnte, dass ich etwas anders machen konnte. Einzelne Töne klangen lang nach, gesellten sich zueinander zu Wohlklängen in der Unendlichkeit angehaltener Zeit.
Leises Klopfen an meiner Tür. Meine Mutter steckte vorsichtig den Kopf herein und meinte, dass wir nun wohl zu Mittag essen könnten. Sie kannte diese Situationen von mir.
Wie oft war es mir ein Bedürfnis, meine Emotionen erst einmal dem Klavier anzuvertrauen, bevor ich überhaupt richtig darüber reden konnte! Dabei war es beileibe nicht nur wütende Musik, die dabei entstand. Ganze Triumphmärsche und Jubellieder klangen mitunter durch das Haus! Oder auch Trauermusik oder Liebeslieder für den heimlichen Schwarm. Meine Musik aus dem Moment heraus war ebenso wichtig für mich wie vergänglich, sie verklang und hinterließ ihre Spuren in mir.

Musiktherapeut – ein Traumberuf für mich
Jahre später in der elften Klasse las ich von der Methode der Musiktherapie. Sofort verstand ich ihre Wirkweise und ihr Potential. Mein Vorhaben, Psychologie zu studieren, gab ich in diesem Moment auf, um nun ohne einen „Plan B“ diesen Beruf anzustreben.
Mein Studium der Musiktherapie habe ich ab 1992 in Heidelberg begonnen. Durch die studienintegrierten Praktika konnte ich bereits Kontakte
knüpfen, die sofort im Anschluss an das Studium zu einer Anstellung im „Institut für ambulante Heilpädagogik und Psychotherapie“ in Hamburg-
Harburg führten. Während der ersten Jahre meiner Berufstätigkeit lag mein Tätigkeitsschwerpunkt in der Arbeit mit verhaltensauffälligen und/oder entwicklungsverzögerten Kindern und Jugendlichen. In dieser Phase erwarb ich diverse Zusatzqualifikationen, neben einem musiktherapeutischen Entspannungstraining erlangte ich Zertifikate in Sensorischer Integration sowie Schmerztherapie. Auch meine Prüfung für die Zulassung als Heilpraktiker (Psychotherapie) legte ich in dieser Phase ab.
In dem Wunsch, mehr in der Nähe meines Wohnortes zu arbeiten, auch um Familie und Beruf besser zu vereinbaren, gründete ich 2004 die Praxis für Musiktherapie, die sich inzwischen in Hamburg-Eppendorf befindet.

Wie arbeite ich heute?
Mein Tätigkeitsschwerpunkt hat sich seitdem sehr verändert und ich arbeite überwiegend mit erwachsenen Patientinnen und Patienten mit verschiedenen Problemen: Menschen mit Lebenskrisen, die sie ohne Hilfe nicht bewältigen können, die mithilfe gezielter musikalischer Improvisationen nach neuen Handlungsoptionen suchen, eigene Ressourcen entdecken oder sich selbst emotional klarer verorten wollen. Dabei haben einige Probleme ihren Ursprung weit in der Frühzeit der eigenen Biographie, in einem Bereich, für den die Worte fehlen, das Erlebte dennoch schmerzlich präsent ist. Hier einen Ausdruck zu finden für all das Hässliche, Verletzende, Abwertende oder Überfordernde, für all das,
was einer Menschenseele widerfahren kann, ist der erste Schritt für eine gesunde Integration der Vergangenheit in den Lebenslauf. Im gemeinsamen Spiel mit mir als verlässlichen Partner oder auch mit mir in der Rolle einer zerstörerischen Kraft, die es früher einmal gab, und die in unserer Improvisation wieder lebendig und besiegbar werden kann.
Patientinnen und Patienten mit chronischen Schmerzen finden Linderung durch eine Kombination aus Entspannungsansätzen und psychischen
Bewältigungsstrategien, die sie individuell durch spezifische musikalische Interventionen entwickeln: Sie finden beispielsweise einen Klang für ihren Schmerz, können dieses Leiden hörbar machen – und wieder zum Verstummen bringen. Auf diese Weise kann der bzw. die Betroffene zunehmend auch im Alltag erleben, wie der Schmerz zumindest zum Teil kontrolliert werden kann, anstatt ihm ohnmächtig ausgeliefert zu sein.
Auch kommen Patientinnen und Patienten mit einer neurologischen Störung zu mir. Die Förderung von Sprache und Motorik in dem Freude
spendenden und motivierenden Medium Musik kann dann als Therapieziel gleichwertig neben der psychischen Stabilisierung nach einem plötzlichen Krankheitsereignis, wie z.B. nach einem Schlaganfall, stehen. Das Erleben von Selbstwirksamkeit und der hörbare Ausdruck eigener Gefühle trotz vielleicht eingeschränktem Sprechvermögen führen zu mehr Ausgeglichenheit und Zufriedenheit.

Offen für neue Impulse
Es war meine nebenberufliche Tätigkeit als Chorleiter, die 2009 fast zufällig zu einer Kooperation mit einem Hamburger Krankenhaus führte: Eine Sängerin arbeitete dort in der Verwaltung und war auf der Suche nach Wegen, die Behandlungsangebote auf der dortigen Palliativstation zu erweitern. Eine mehrwöchige Testphase mit einem musiktherapeutischen Angebot durch mich war rasch überzeugend für die medizinischen Kolleginnen und Kollegen wie auch für die Geschäftsführung: Die unheilbar kranken Menschen, die auf der Palliativstation wegen starker Symptome wie Schmerz, Übelkeit oder Luftnot behandelt wurden, profitierten in der Einzelmusiktherapie von individuell gestalteten Entspannungsangeboten zur Symptomlinderung sowie von stützenden Gesprächen im Rahmen der Krankheitsverarbeitung. Im aktiven musikalischen Spiel erlebten sie, die schwerstkrank oftmals äußerten „Ich bin nicht mehr ich selbst!“, nun wieder ein Gefühl von Autonomie und Selbstwirksamkeit: „Das bin ich also auch!?“ Durch die Musiktherapie konnte die Lebensqualität dieser Personen meist deutlich gesteigert werden.
In dieser Phase im auslaufenden ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends wurden in Hamburg mehrere neue Palliativstationen in Krankenhäusern eingerichtet und Hospize eröffnet. Durch Kontakte innerhalb der Palliative-Care-Szene entwickelte sich meine berufliche Ausrichtung so, dass ich mittlerweile mit den Palliativstationen dreier verschiedener Kliniken sowie einem Hospiz kooperiere. Es ist eine Tätigkeit, die mich immer wieder dankbar sein lässt, mit meiner Methode so unmittelbar tiefgreifend hilfreich sein zu können. Dieser Schwerpunkt bildet – ebenso wie meine Chöre – eine weitere wichtige Säule in meiner Beruflichkeit. Die dortige Teamarbeit ist ein ausgleichender Kontrast zu meiner Praxistätigkeit.

Probleme der Musiktherapie fordern Lösungen!
Diese inhaltliche Zufriedenheit in meinem Beruf ist umso wichtiger, als die Rahmenbedingungen nicht einfach sind, insbesondere vor dem Hintergrund der berufsrechtlichen Lage der Musiktherapie in Deutschland. Viele juristische Fragen sind für die Musiktherapie als Disziplin hierzulande ungeregelt. Vor allem die Tatsache, dass die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für eine musiktherapeutische Behandlung nicht übernehmen können, ist ein stark limitierender Faktor: Nicht jeder, der von einer solchen Behandlung profitieren könnte, hat die Möglichkeit, sie auch zu erhalten. Aus diesem Grunde engagiere ich mich in meiner „Freizeit“ seit vielen Jahren berufspolitisch. In der Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft, dem größten Interessenverband in Deutschland, setze ich mich mit meinen Kolleginnen und Kollegen ehrenamtlich für berufsständische Fragen ein, entwickle Zukunftskonzepte für unsere Disziplin und arbeite an ihrer Anerkennung. In diesem Rahmen biete ich auch deutschlandweit Seminare für Mitglieder an. Ebenso wichtig ist mir die Förderung des Nachwuchses, weshalb ich
mit großer Freude Lehraufträge in den musiktherapeutischen Studiengängen in Heidelberg, Berlin und Hamburg erfülle.

Meine berufliche Heimat
Meine berufliche Heimat bleibt jedoch meine Praxis. Und die verändert sich in einem beständigen ruhigen Entwicklungsprozess. Neue Methoden
und Interventionen lerne ich in Fortbildungen, neue Erkenntnisse aus der Musiktherapieforschung fließen in meine Arbeit ein. Das Instrumentarium aus bekannten und ungewöhnlichen Instrumenten, mit Trommeln, Orff-Instrumenten und therapeutischen Neuentwicklungen ist über die Jahre stetig gewachsen. Ich liebe den Blick in den ruhigen Hinterhof mit dem Grün des angrenzenden Gartens – ein gern genutzter Kurzurlaub für das Auge bei leidiger Schreibtischarbeit.
Und immer wieder nehme ich nach Feierabend oder auch zwischen meinen Terminen ein Instrument zur Hand und spiele drauf los. Einfach für mich selbst, weil es mir guttut. So wie damals am Klavier in meinem Kinderzimmer.

Christoph Salje
Dipl. Musiktherapeut (FH)/DMtG, Heilpraktiker (Psychotherapie), Berufsständischer Beirat der DMtG
Lehraufträge:
Hochschule für Musik und Theater
Hamburg, Institut für Musiktherapie
Masterstudiengang Musiktherapie, Berlin
Career College, UdK Berlin
SRH Hochschule Heidelberg, Bachelor und Masterstudiengänge der Musiktherapie

Praxis für Musiktherapie
Erikastraße 100
20251 Hamburg
040 / 57 139 139
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
www.Musiktherapiepraxis.com

Schwerpunktthema I

Zwischen den Kulturen – musiktherapeutische Identitätssuche

Von Udo Baer

Am Beispiel einer musiktherapeutischen Einzelarbeit werde ich zentrale Aspekte interkultureller Arbeit vorstellen.

Als Elena zu mir kam, hieß sie Helen. Ihren 40. Geburtstag hatte sie in der Psychiatrie mit einem Stück Marmorkuchen gefeiert. Dort hatte sie sich zwei Wochen aufgehalten, um eine wahnhafte Episode mit aggressiven Attacken ausklingen zu lassen. „Ich möchte nie mehr in die Psychiatrie. Sorgen Sie dafür!“ Mit diesen Worten hatte sie mich begrüßt. Die Erfüllung dieses Auftrags konnte ich ihr nicht versprechen, aber ich konnte ihr versichern, dass ich mein Bestes versuchen würde, und dass Musiktherapie in jedem Fall helfen würde. Also legten wir los.

„Ich bin immer dazwischen.“
Helen wurde Mitte der 70er Jahre als Elena in Polen in einer Kleinstadt nahe Krakau geboren. Ihr vor kurzem verstorbener Vater war Pole, der Großvater väterlicherseits Bulgare. Die Mutter war deutscher Herkunft, Kriegswaise, sprach polnisch mit einem leichten Akzent, ohne mehr als einige deutsche Worte zu kennen. Beide Eltern arbeite ten in Polen als Ingenieure. Helen war als Textildesignerin in einer bekannten Modefirma tätig.
Als ich Helen bat, am Klavier mit einigen Tönen etwas über sich zu erzählen, begann sie äußerst nervös und hektisch nach Klängen zu suchen. „Das geht nicht. Ich finde mich nicht.“ Sie erzählte, dass sie sich „immer schon“ als ruhelos und dahintreibend empfunden habe. Suchend, aber ohne zu wissen, was sie suche.
„Versuchen Sie, das auf dem Klavier zu spielen.“
Sie tat es, helle Töne, zerrissen, abgehackt, unruhig.
„War das schon immer so?“
„Seit ich in Deutschland bin.“
„Und davor?“
Davor klang es zwei Oktaven tiefer, ruhiger, getragen.
Sie war zwölf gewesen, als die Familie nach Deutschland auswanderte. Auch wenn die Mutter nach Abstammung Deutsche war und in Polen oft darunter gelitten hatte, als „Hitlermädchen“ diskreditiert zu werden, waren alle in Deutschland fremd und erlebten sich als Ausländer. Zwischen dem vorher und nachher, zwischen Polen und Deutschland, gab es keine Verbindung, nur ein „Dazwischen“: „Ich bin immer dazwischen“, erzählte Helen, „des arbeitewegen finde ich auch keinen Ton für mich. Wir wollten Deutsche sein und ich lernte schnell Deutsch und paukte viel für die Schule. Doch wir hatten nie deutsche Freunde, zuhause gab es nur Besuch von Polen und im Urlaub fuhren wir immer nach Hause, nach Polen. Hier waren wir nicht richtig und da auch nicht, da waren wir die Reichen aus Deutschland, die nicht mehr richtig polnisch sprachen.“
Dieses Dazwischen-Sein ist mir bei zahlreichen Menschen aus anderen Ländern und anderen Kulturen begegnet. Mögen sie noch so perfekt die deutsche Sprache sprechen und äußerlich integriert sein, innerlich befinden sich viele im Dazwischen, im Niemandsland zwischen den Kulturen, zwischen alter und neuer Heimat. Erst recht gilt dies für viele Jugendliche der zweiten Generation, in Deutschland geboren, in türkischen (oder anderen) Enklaven aufgewachsen. Das Dazwischen-Sein festzustellen und zu beklagen, ist ein erster Schritt, um sich überhaupt mit diesem Befinden beschäftigen zu können.